Suhr

Die neuen Gemeinderatskandidaten im Interview

Gemeinderatskandidaten: Beat Woodtli (links) und Oliver Krähenbühl

Gemeinderatskandidaten: Beat Woodtli (links) und Oliver Krähenbühl

Beat Woodtli hört als Vizekommandant der Suhrer Feuerwehr auf. Nun soll er für die SVP Gemeinderat werden. Das Bündnis «Zukunft Suhr» will einen dritten Sitz im Gemeinderat. Ihr neuer Kandidat Oliver Krähenbühl ist seit den 90er-Jahren in verschiedenen Funktionen politisch aktiv.

Beat Woodtli will in die aktive Politik einsteigen – als Suhrer SVP-Gemeinderat.

Beat Woodtli will in die aktive Politik einsteigen – als Suhrer SVP-Gemeinderat.

Herr Woodtli, wie sind Sie zum Politiker geworden?

Beat Woodtli: Ich bin 25 Jahre in der Feuerwehr, seit 9 Jahren Vizekommandant. Ende Jahr werde ich aufhören. Meine lieben Feuerwehrkollegen haben deshalb gefunden, ich hätte dann ja «vörigi Zyt». Ich habe mich zwar immer für Politik interessiert, wäre aber nie auf eine Partei zugegangen und hätte gefragt: «Hey, wollt ihr mich als Gemeinderat?» Hinten herum hat sich die Sache dann so entwickelt, dass der Präsident der SVP auf mich zukam.

Waren Sie denn schon Mitglied bei der SVP?

Nein. Das haben wir jetzt geregelt.

Gab es so etwas wie ein Schlüsselerlebnis, das Sie provoziert hat?

Ja, letztes Jahr an der Gemeindeversammlung, als es um den Kredit für den Verbleib im Projekt Zukunftsraum Aarau ging. Da stand ein Votant auf und sagte, Suhr sei ein Provinzdorf. Das ist mir im Hinterkopf geblieben. Weil es gar nicht stimmt. Das hat sicher zu einem schönen Teil mitgeholfen, dass ich zugesagt habe, zu kandidieren.

Welche Bereiche in der Suhrer Politik interessieren Sie besonders?

Etwas vom Wichtigsten für mich ist, dass Suhr eigenständig bleiben kann. Ich habe in der Feuerwehr gemerkt: Man kann mit Zusammenarbeitsverträgen gleich viel erreichen, wenn nicht mehr als mit Fusionen. Die Feuerwehr-Zusammenarbeit mit Buchs und Gränichen läuft seit mehreren Jahren und funktioniert einwandfrei.

Sie sind kein Freund des Fusionsprojektes «Zukunftsraum Aarau»?

Das ist genau so. Ich habe das Gefühl, dort könnten wir nur verlieren.

Wo in der Suhrer Kommunalpolitik möchten Sie etwas verändern?

Ich habe nicht das Gefühl, dass man als einzelner Gemeinderat viel bewirken kann. Aber man kann die Richtung ein wenig beeinflussen. Nehmen wir das Thema Verkehr. Wie lange sind wir schon an der Ostumfahrung dran? 40, 45 Jahre. Ich spüre es auf meinem Arbeitsweg: Ich stehe ständig in diesem Stau. Bei diesem Thema muss man aktiv vorgehen, ein wenig «stossen».

Das Suhrer Zentrum verlagert sich in Richtung Bahnhof. Finden Sie diese Entwicklung gut?

Eigentlich nicht. Das ist eine Riesenüberbauung. Da kommen Läden rein, die Post geht dorthin. Es wird sicher wesentlich mehr Verkehr im Bereich des Jumbos geben, was nicht zur Lösung unseres Stauproblems beitragen wird.

Mit den Grossüberbauungen versucht Suhr, neue Steuerzahler anzulocken …

Dass man die Steuererträge zu erhöhen versucht, finde ich gut. Aber wenn ich das «Gleis 1» anschaue, das jetzt im Bau ist, mit Anderthalbzimmerwohnungen: Welche Leute lockt das an? Klar, der Bahnhof ist in der Nähe, der ganze öV. Sensationell! Ausgezeichnet für Studenten. Aber wie lange bleiben die hier? So bringt man nicht die guten Steuerzahler nach Suhr, keine Familien.

Kann man dem alten Zentrum neues Leben einhauchen?

Das steht und fällt mit den Läden, die es dort hat. Solange Coop und die Apotheke dort bleiben, ist es sicher kein Problem. Jetzt hat eine Bäckerei geschlossen. Leider. Ich hoffe, dort kommt wieder so etwas hin, damit wir im Zentrum die Grundversorgung sicherstellen können. Und was passiert mit der Post? Gut wäre, wenn dort ein interessanter Laden reinkäme.

Was ist für Sie besonders wichtig in der nächsten Legislatur?

Die Finanzen. Immer wieder schraubt man an den Einnahmen. Man müsste auch einmal die andere Seite anschauen: die Ausgaben. Dann sind da die Kindergarten-Projekte. Da muss man den Leuten auf die Finger schauen, damit nicht wieder Luxusvarianten gebaut werden.

Wo gibt es konkret Sparpotenzial?

Nehmen wir das Schulhaus Vinci – Kostenpunkt 21 Millionen. Das ist für mich überrissen. Zur gleichen Zeit haben andere Gemeinden rundherum vergleichbare Schulhäuser gebaut – für einen Drittel weniger Geld. Bauseitig muss man schauen, dass es nicht immer in Richtung Wunschkonzert geht. Der Vinci-Bau ist sensationell, aber ich bin überzeugt, man hätte etwas Günstigeres hinstellen können, das auch funktioniert hätte.

Wie nehmen Sie die Parteipolitik in Suhr wahr: die bürgerlichen Parteien gegen den Rest der Welt?

Die Zweiteilung ist Realität. Der Unterschied ist der: «Zukunft Suhr» kann mobilisieren. Das müssen die Bürgerlichen wieder lernen: die Leute mobilisieren, dass sie abstimmen gehen. Ich habe ein gutes Gefühl. Der neue SVP-Präsident Flurin Bühlmann hat Schwung ins Ganze gebracht. Dieser Drive muss erhalten bleiben, die Gespräche mit andern Parteipräsidenten auch. Etwa mit Urs Zimmermann von der FDP. Solche Gespräche haben jetzt, auf die Wahlen hin, natürlich stattgefunden. Man wird da auch noch irgendetwas machen, das ist ganz klar. Man redet wieder miteinander und will zusammen vorwärtsgehen. Nur so können wir der Macht, welche «Zukunft Suhr» hat, Einhalt gebieten.

Das heisst: Bei den Wahlen könnte es ein Bündnis SVP/FDP geben?

Wir hoffen, dass wir auch die Unterstützung der FDP erhalten werden.

Wie sieht das Verhältnis der SVP zu Gemeinderätin Carmen Suter aus?

Sie hat sicher auch unsere Unterstützung. Wir müssen zusammenhalten, und sie ist bürgerlich orientiert. Das Zünglein an der Waage ist dann immer die FDP. Darum bin ich froh, dass da jetzt Gespräche stattgefunden haben.

Ihr Werbespot: Warum soll man ausgerechnet Sie wählen?

Ich bin über 20 Jahre in Suhr wohnhaft. Durch all meine Kontakte über die Feuerwehr bekomme ich sehr stark mit, was im Dorf abgeht. Dadurch, habe ich das Gefühl, bin ich der geeignete Kandidat, weil mir mein Netzwerk viel helfen wird bei der Arbeit als Gemeinderat.

Oliver Krähenbühl: «Bei Grossüberbauungen müsste die Gemeinde schauen, dass sie noch mehr Einfluss nehmen kann.»

Oliver Krähenbühl: «Bei Grossüberbauungen müsste die Gemeinde schauen, dass sie noch mehr Einfluss nehmen kann.»

Wie wurden Sie «politisiert» – durch ein bestimmtes Schlüsselerlebnis?

Oliver Krähenbühl: Ein eigentliches Schlüsselerlebnis gab es nicht. Ich arbeitete früh in der Jugendarbeit mit. Die erste politische Aktion war, dass ich mich Mitte der 70er-Jahre in Greifensee ZH, wo ich aufgewachsen bin, mit Gleichaltrigen für ein neues Jugendhaus einsetzte. Wirklich aktiv wurde ich in Neftenbach ZH, wo ich in den 90er-Jahren wohnte. Dort war ich Mitglied der Umweltkommission.

Seither waren Sie stets politisch aktiv?

Ich habe immer politisch gearbeitet – punktuell. Seit Anfang der 90er-Jahre bin ich Mitglied der SP und war als SP-Vertreter in der Radio- und Fernsehgenossenschaft Zürich (RFZ) aktiv. Ich habe vier Jahre lang die Kommission geleitet, die Programmbeobachtung betreibt. Parallel dazu arbeitete ich immer im Berufsverband der Bildenden Künstler (heute Visarte) mit. Zeitweilig war ich Vorstandsmitglied und eine Zeit lang Präsident der Künstlergruppe Winterthur. Dort war ich auch in der Kunst- und Baukommission der Stadt. Seit ich im Aargau wohne (2006), bin ich hier im Vorstand meines Berufsverbandes.

Was hat Sie dazu bewogen, für den Gemeinderat zu kandidieren?

Das hat auch damit zu tun, dass die Zeit dafür vorhanden ist. Die Kinder sind ausgeflogen. Ganz konkret interessieren mich die grossen baulichen und gesellschaftlichen Veränderungen, die im Gang sind. Suhr ist an der Schwelle zur Stadtgrösse. Mich beschäftigt die Verdichtung, die da stattfindet. Und mit dem Rücktritt von Beat Rüetschi zeichnet sich die Möglichkeit ab, auf Ebene Gemeinderat einzusteigen.

Welche Bereiche der Suhrer Kommunalpolitik sollten Ihrer Meinung nach anders als bisher angegangen werden?

Ich finde, der Gemeinderat hat in den letzten acht Jahren einen unglaublich guten Job gemacht. Da ist ganz viel passiert. Es sind äusserst innovative Projekte angepackt worden, die über die Grenzen Suhrs hinaus Signalwirkung haben. Ich denke, diese Qualität weiterzuführen, ist ganz wichtig. Aber die Überbauungen, die neu entstanden sind, lassen schon Fragen aufkommen. Da finde ich, müsste die Gemeinde bei den Bauprojekten schauen, dass sie noch mehr Einfluss nehmen kann. Den Suhre Park und die Bahnhofsituation finde ich schon an der Grenze: Ich glaube, das wären auch in einer Grossstadt problematische Siedlungen. Qualitätsanforderungen bei der Innenentwicklung sind von zentraler Bedeutung, wenn man will, dass die Verdichtung auch langfristig von der Bevölkerung mitgetragen wird. Zu klären, ob das so weitergehen muss oder ob man mit den Investoren bessere Lösungen finden kann, wäre mir ein grosses Anliegen.

Was ist problematisch daran?

Nehmen wir die Überbauung Suhrportal. Hier sind – einmal mehr – Räume für Läden geschaffen worden, ohne dass man konkrete Vorstellungen hatte, was darin passieren sollte. Da müsste man, wie anderswo, früher schon Mieter suchen und die Räume diesen anpassen. Das gehört auch zum Standortmarketing. Es ist für Suhr extrem wichtig, dass wir mehr Firmen erhalten – und kleine Läden, damit wir nicht von den Grossverteilern plattgedrückt werden. Mit einer frühzeitigen Steuerung könnte man eine Win-win-Situation für beide Seiten zustande bringen. Den Spielraum, den die Gemeinde da hat, würde ich gerne möglichst weit ausschöpfen.

Was kann man gegen ein Ausbluten des alten Dorfzentrums machen?

Ich würde mit den Anliegern zusammen versuchen, ein Gesamtkonzept zu entwickeln: Welche Läden und welche kleinen Firmen möchten wir hier ansiedeln? Dann müsste man mit den Eigentümern zusammen einen Plan aufstellen, der zeigt, wie man das Gebiet aufwerten könnte. Es wäre wichtig, ein identifikationsstiftendes Zentrum zu haben, damit Suhr nicht in die einzelnen Quartiere zerfällt. Ich denke, mit kleinen baulichen Massnahmen wie einer Aufteilung grosser Ladenflächen in kleinere und der gezielten Akquirierung erwünschter Mieter könnte man da durchaus etwas machen.

Wie stehen Sie zum Fusionsprojekt Zukunftsraum Aarau?

Ich bin noch unentschlossen. Fürs Referendum war ich, weil ich möglichst alle Fakten auf dem Tisch haben will, damit wir das Ganze beurteilen können. Aber Suhr ist eine reiche, stolze Braut, und die kann man nicht einfach haben. Ich finde, wir müssen alles in die Waagschale werfen. Wir haben der Region extrem viel zu bieten. Es stehen aber einige Probleme an, die in meinen Augen nur über die Gemeindegrenzen hinaus lösbar sind: die Frage der Raumressourcen, Verkehrsprobleme, Energieverteilungsprobleme, öffentlicher Verkehr ... – Ob eine Fusion die Lösung ist, werden die Analysen zeigen. Auch den Ängsten muss man Rechnung tragen – und dem Umstand, dass wir im Dorf eine 50:50-Situation in der Fusionsfrage haben.

Weitere wichtige Anliegen für die nächsten vier Jahre?

Es gibt noch viel zu tun. Ein wichtiger Punkt sind die Finanzen. Wie viele Aargauer Gemeinden sind wir am Anschlag. Auch beim Sparen. Wenn wir noch mehr sparen, tut es weh. Es müssen Entscheide gefällt werden, die dafür sorgen, dass wir nicht handlungsunfähig werden. Wir müssen kleine Firmen hierher bringen, die Arbeitsplätze schaffen – und Steuern zahlen.

Sie haben zwei Standbeine, ein künstlerisches und ein «ziviles» ...

Ich arbeite zurzeit zu 60 Prozent freiberuflich als Künstler. Zu 40 Prozent bin ich angestellt als Datenbankspezialist bei einer IT-Firma für Ärztesoftware. Ich bin als solcher Berater von Praxen und Kliniken. Als Künstler habe ich regional und überregional eine gewisse Anerkennung erhalten, Stipendien vom Kuratorium, verschiedene Preise. Ich habe im In- und Ausland ausgestellt.

Sind Sie auch hier, wenn man Sie als Gemeinderat braucht? Oder sind Sie dann gerade in New York?

Ich würde meinen 40-Prozent-Job in der IT für das Gemeinderatsamt aufgeben, um mich intensiv dieser Aufgabe widmen zu können. Für eine Ausstellung bin ich vielleicht mal anderthalb Wochen weg. Das lässt sich vor- oder nachher kompensieren. Ich denke, das ist eine Organisationsfrage, wie es auch in der Wirtschaft üblich ist. Ich habe aber in den nächsten paar Jahren sicher nicht vor, wieder für ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen. Wenn ich nicht gewählt werde, sieht das Leben natürlich wieder anders aus.

Ihr Werbespot: Warum soll man ausgerechnet Sie wählen?

Ein sehr wichtiger Pluspunkt ist der, dass ich bereit bin, Zeit in die Gemeinderatsarbeit zu investieren. Ich denke, ich habe ein breites Portfolio, Erfahrung als Einzelunternehmer wie auch als Berater von KMU. Ich habe ein grosses Talent, komplizierte Dinge schnell zu analysieren und Lösungen zu finden. Lösungs- und konsensorientiertes Arbeiten, vor allem im Team, ist mir sehr wichtig, auch beim Politisieren. Ich habe viel Erfahrung mit Politik, ich bin es gewohnt, vor allem im kulturellen Bereich, Player mit ganz unterschiedlichen Interessen zusammenzubringen. Ich bin auch gewohnt, in prekären finanziellen Situationen zu agieren. Kultur muss sich ja immer um Geld bemühen. Gerade fürs Standortmarketing bringe ich doch eine grosse Erfahrung mit. Ich weiss, wie man Projekte aufgleisen und an Leute herangehen kann.

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