Da sitzt ein somalischer Asylsuchender, der ein Päckchen Zigaretten hat mitlaufen lassen und erwischt wurde. Und er möchte wissen, was das für Konsequenzen hat. Das Problem: Er spricht nur Somali – würde sprechen.

«Der Mann war taubstumm», sagt Sozialarbeiter Marcel Vogel und lacht. Eine Knacknuss, die sich mit Händen und Füssen, mit Zeichnungen und einem hilfsbereiten Landsmann lösen liess. Und nur eine von vielen Geschichten, die Vogel, sein Kollege Christian Eckerlein und Praktikantin Angela Eberle in ihren Büros im obersten Stock des katholischen Pfarrhauses in Aarau erleben. Egal ob Schweizer oder nicht, Katholik oder Buddhist, sie zeigen jedem Orientierungslosen neue Wege auf, machen Verzweifelten Mut und liefern Informationen – und das kostenlos. «Wo keine Fachstelle ist, da sind wir für die Leute da», sagt Vogel.

Nicht neu, aber diverse Neuerungen

Dieses Angebot ist nicht neu, doch haben sich mit Jahresbeginn diverse Neuerungen ergeben: Bisher hatte die Caritas Aargau die Beratungen im Auftrag der Landeskirche in Aarau angeboten. Weil die Caritas Aargau ihre Leistungen aber zunehmend dezentralisiert, fehlten die Mittel, um die Arbeit am Standort Aarau im bisherigen Umfang weiterzuführen.

Um das Angebot aufrecht zu erhalten, springt der Pastoralraum Region Aarau – er umfasst die römisch-katholischen Kirchgemeinden Aarau, Buchs-Rohr, Suhr-Gränichen, Entfelden und Schöftland – als Träger ein. Dazu wurde der kirchliche Regionale Sozialdienst geschaffen: Im November hat die Kreiskirchgemeindeversammlung dem Betrag von 88 000 Franken für die Finanzierung zugestimmt, seit Anfang Jahr läuft die Pilotphase.

Wochenlange Wartezeiten

Wie nötig dieses Angebot ist, zeigt der Blick auf die Zahlen des vergangenen Jahres: Rund 270 Menschen kamen im Aarauer Pfarrhaus für Sozial- und Schuldenberatungen vorbei, gut 120 für Asylberatungen, die meisten von ihnen mehrmals. Und die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr.

Viel Arbeit für die beiden Sozialarbeiter, bis zu acht Wochen mussten Klienten auf einen Beratungstermin warten. Mit der neuen Trägerschaft und dem Beitrag der Caritas Aargau konnten die Stellenprozente nun um 15 auf 75 Prozent erhöht werden. «Das verschafft uns etwas Luft, wir können mehr Zeit in die Gespräche investieren», sagt Vogel.

Regula Kuhn, Co-Geschäftsführerin der Caritas Aargau, sieht einen Gewinn in der engeren Zusammenarbeit von Caritas und Pastoralraum: «So stehen die beide Kernkompetenzen, die Hilfe in komplexen Fragestellungen auf der einen Seite und das Tragen in der Gemeinschaft auf der anderen, deutlicher im Fokus. Wir ziehen jetzt gemeinsam an einem Strick.»

«Angebot ist auch Prävention»

Dass es einen kirchlichen Sozialdienst braucht, davon sind die Verantwortlichen überzeugt – trotz des Angebots kommunaler Sozialdienste. «Die Hemmschwelle, sich an einen kommunalen Sozialdienst zu wenden, ist sehr hoch. Gerade im ländlichen Raum», sagt Kuhn. Caritas gehe davon aus, dass 35 bis 50 Prozent der Menschen, die Anrecht auf Sozialhilfe hätten, diese nicht beziehen.

Und das Misstrauen gegenüber Sozialhilfebezüger treibe diese Nichtbezugsquote weiter nach oben. «Mit einer Anlaufstelle wie unserer bieten wir die Möglichkeit, sich in anonymerem Rahmen Hilfe zu holen. Und das nicht erst, wenn die Situation völlig verfahren und es schon fast zu spät ist», sagt Kuhn. «Dieses niederschwellige Angebot ist somit auch Prävention.»

Die Pilotphase des kirchlichen Sozialdienstes dauert drei Jahre. Dann wird die Kreiskirchgemeindeversammlung über die Weiterführung entschieden. «Wir finanzieren diesen Dienst mit Steuergeldern, also wollen wir die Kirchgemeinden auch mit einbeziehen und zeigen, dass wir die Gelder sinnvoll und effizient einsetzen», sagt Beat Niederberger vom Pastoralraum Region Aarau.