Aarau
Die Mutter der Fusion tritt ab: «Man braucht eine Elefantenhaut in diesem Amt»

Regina Jäggi begann ihre Polit-Karriere als Gemeinderätin und beendet sie als Stadträtin. Sie wird in Erinnerung bleiben als eine, die Brücken geschlagen hat, beim Zusammenschluss der Kommunalpolizeien in der Region, der Kreisschule Buchs-Rohr oder der Fusion von Aarau mit Rohr.

Nadja Rohner
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Regina Jäggi sass ab 1990 im Gemeinderat Rohr, seit 2010 ist sie Stadträtin. Chris Iseli

Regina Jäggi sass ab 1990 im Gemeinderat Rohr, seit 2010 ist sie Stadträtin. Chris Iseli

Chris Iseli

Schon frühzeitig hatte Regina Jäggi (60) bekannt gegeben, dass sie nicht wieder für den Stadtrat kandidiert. Damit ihre Partei genug Zeit hatte für den Wahlkampf. Vergeblich. Mit Jäggi verlässt auch die SVP – vorerst – den Stadtrat. Fürs Foto hat sich die ehemalige Frau Gemeindeammann von Rohr keinen Schauplatz in ihrem Heimat-Stadtteil ausgesucht, sondern den Telliring. Hier findet die Morgenfeier am Maienzug statt, dessen Kommission Jäggi seit 2014 präsidiert hat. Doch nicht nur deshalb wollte Jäggi hierher, sondern auch wegen den 200 Jahre alten Linden. «Unter Lindenbäumen wurde seit je sowohl gerichtet als auch gefestet», sagt sie. «Das passt.»

Die Rinde ist nass, Jäggis Mantel wird schmutzig, als sie sich gegen den Baum lehnt. Sie ignoriert es. «Ich habe nicht den schönsten Mantel an, sondern den praktischsten», sagt sie. So ist Regina Jäggi: pragmatisch, unprätentiös. Vielleicht die Bodenständigste aller Aarauer Stadträte. Keine «Studierte»: Sie hat in ihrem Heimatdorf Buchs eine Verwaltungslehre absolviert, später machte sie auf dem zweiten Bildungsweg eine Ausbildung zur Kosmetikerin.

Erste Frau Ammann im Bezirk

Ab 1987 war Jäggi in Rohr Vorstand des Gewerbevereins, per Januar 1990 wurde sie in den Gemeinderat gewählt. Nach einer Amtsperiode machten die Rohrer sie 1994 zum Ammann, als allererste Frau im Bezirk. Eine Exotin. «Ich erinnere mich, wie ich hochschwanger an einer Abgeordnetenversammlung des Kehrichtverbrennungsverbands teilnahm – das hat die Herren damals etwas durcheinandergebracht», sagt sie und lacht. Auch ihre Parteizugehörigkeit habe die Leute irritiert: «Sie haben mich immer automatisch der SP zugerechnet – man glaubte gar nicht, dass die SVP Frauen Ammann werden lässt.»

Regina Jäggi «Es schmerzt, wenn man arbeitet und arbeitet – und gewisse Leute immer das Negative sehen und nicht aufhören können, zu stänkern.»

Regina Jäggi «Es schmerzt, wenn man arbeitet und arbeitet – und gewisse Leute immer das Negative sehen und nicht aufhören können, zu stänkern.»

Chris Iseli

Jäggi gehörte zwar stets der SVP an, «aber im Dorf ist das anders als in der Stadt». Damals, in Rohr, habe es in der SVP «ganz einfach en Huufe tolli Lüüt» in ihrem Alter gehabt, die sich stark fürs Dorf engagierten. Da gehörte sie hin. Nach der Fusion seien mit der Rohrer Ortspartei und der städtischen SVP Welten aufeinandergeprallt. Sie selber, so sagt Jäggi offen, sei mehr eine Sach- als eine Parteipolitikerin. Das zeigt sich schon daran, dass sie – im Gegensatz zu ihrer Partei – keine so grossen Sicherheitsprobleme am Bahnhof sieht, wie gemeinhin angenommen wird. Und sie betont: «Ich bin gewählt für jeden, der hier lebt – von ganz links bis ganz rechts.»

Apropos Fusion. Jäggi wird in Erinnerung bleiben als eine, die Brücken geschlagen hat. Den Zusammenschluss der Kommunalpolizeien in der Region hat sie angestossen, die Kreisschule Buchs-Rohr war ihr Baby und natürlich die Fusion mit Aarau. «Bei meiner ersten Neujahrsansprache 1994 habe ich eine eigene Geschichte vorgetragen, bei dem ein Zwergli im Rohrer Schachen steht und durch ein Rohr nach Aarau blickt – mit dem Hinweis, dort liege die Zukunft. Das war schon fast visionär», sagt sie lachend.

Schlechtes Gewissen?

Jäggi war das Rohrer Zugpferd der Fusion. Und als diese vollzogen war, sah es die neu gewählte Stadträtin als ihre Aufgabe, den Alt-Aarauern die Eigenheiten ihres Stadtteils zu vermitteln – dass es eben Stäpflischulhaus und nicht Stämpflischulhaus heisst. Im Gegenzug bemühte sie sich, immer von «Aarau Rohr» zu sprechen und nicht einfach von «Rohr». Heute fühlt sich Jäggi angekommen in Aarau, «wirklich!».

Hatte sie nie ein schlechtes Gewissen gegenüber den Rohrern, zum Beispiel, als man den dortigen Verwaltungsstandort geschlossen hat? «Natürlich habe ich mich in solchen Situationen gefragt, ob ich mehr hätte tun können», sagt sie. «Es ist schade, dass die Verwaltung nicht genug benutzt wurde und deswegen schliessen musste. Das hat mir leidgetan.» Und es werde immer Personen geben, denen die Fusion nicht passt – «Es braucht ein, zwei Generationen, bis das überwunden ist.»

Regina Jäggi  «Es war für mich mehr als ein Amt.»  

Regina Jäggi «Es war für mich mehr als ein Amt.»  

Chris Iseli

Jäggi steht mit ihren Ressorts – Öffentliche Sicherheit, Öffentliche Anlagen und Entsorgung– nicht oft im Rampenlicht. Dabei findet sie die Vielseitigkeit ihre Arbeit so spannend: «Von der ‹Feldrandkompostiergruppe Nord› bis zur Stadtpolizei ist alles dabei.» Die Stadträtin betont, sie schätze vor allem, dass sie so viel mit Menschen zu tun habe. Mehrmals ging sie nachts mit der Stadtpolizei auf Patrouille, 12 Stunden am Stück, oder half den Werkhofangestellten beim Abfalleinsammeln. «Einmal habe ich eine Tüte Erbrochenes erwischt», sagt sie und schüttelt sich. «Es ist unglaublich, was die Frauen und Männer des Werkhofs jeden Tag leisten, ich habe eine riesige Hochachtung davor. Manchmal wirft man ihnen den Abfall direkt vor die Füsse und sagt, sie seien dafür bezahlt, das aufzuheben. Das tut mir richtig weh.»

Überhaupt täuscht es, wenn man glaubt, an der meist fröhlichen und optimistischen Regina Jäggi pralle alles ab. «Man muss sich in diesem Amt schon eine Elefantenhaut zutun», sagt sie. «Es schmerzt, wenn man arbeitet und arbeitet – und gewisse Leute immer das Negative sehen und nicht aufhören können, zu stänkern.»

Feuerwehr? «Es kommt gut»

Fast alles konnte sie abschliessen oder zumindest auf guten Weg bringen, bevor sie ihr Amt an die neu gewählte Suzanne Marclay-Merz (FDP) übergibt. Am grössten ist die Baustelle noch beim Krematorium, wo der neue Ofen auf sich warten lässt. Und die Feuerwehr braucht eine neue Organisationsstruktur – etwas, das Jäggi gerne selber zu Ende geführt hätte. «Es kommt aber gut, alles ist aufgegleist», sagt sie. Die Probleme der letzten Monate hätten sich massiv entschärft. «Das neue Kommando gibt sich sehr viel Mühe. Aber alles braucht seine Zeit – man muss wegkommen von der Vorstellung, dass sich jedes Problem sofort lösen lässt.»

Viele Probleme hat Regina Jäggi in den letzten 28 Jahren Behördentätigkeit beseitigen können. Und nun hört sie auf, behält nur das Präsidium der Winterhilfe Aargau, das sie seit Anfang Jahr inne hat.

Mit dem Entscheid zum Rücktritt hat sie sich schwergetan, er fiel im Dezember 2016. «Meine Mutter war schwer krank und ich habe sie bis zu ihrem Tod gepflegt. Da merkte ich, dass ich langsam an meine Grenzen kam. Und daraus wuchs der Entscheid, mich aus dem Stadtrat zurückzuziehen.»

Nun hat sie mehr Zeit für sich, für ihre Freunde, die Kundinnen und Kunden ihres Kosmetik- und Massagestudios, für die 40 ungelesenen Bücher im Regal – «und vor allem für meine Enkeltochter Zoé, die in diesem Jahr geboren wurde und auf die ich mit Vergnügen aufpasse.» Und doch, sie empfinde trotzdem Wehmut. «Es war für mich mehr als ein Amt. Eher eine Berufung.»

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