Nostalgie
Die letzten Tage der alten Aarauer Schule gehen zu Ende – ein Rückblick

Im August wird in der Kreisschule Aarau-Buchs der Betrieb aufgenommen. Aus diesem Anlass blickt die AZ in die Vergangenheit der Aarauer Schulzimmer.

Hermann Rauber
Merken
Drucken
Teilen
Im Pestalozzischulhaus wurden über hundert Jahre lang Aarauer Volksschüler (zuletzt noch Oberstufe) unterrichtet. Es ist erst seit 1981 reines KV-Schulhaus.

Im Pestalozzischulhaus wurden über hundert Jahre lang Aarauer Volksschüler (zuletzt noch Oberstufe) unterrichtet. Es ist erst seit 1981 reines KV-Schulhaus.

Urs Helbling

Noch bis weit ins 19. Jahrhundert hinein belegte die Aarauer Schule jeweils parallel und nach Geschlechtern getrennt Räume in Liegenschaften der Altstadt, von der Milchgasse über die Hintere Vorstadt bis zum Graben oder der Halde.

Die Verhältnisse waren mehr als bescheiden, die Lehrerschaft musste im Winter die Schulzimmer selber beheizen, die Abc-Schützen wurden häufig von Ungeziefer geplagt, das sich in den Räumen breitmachte. Hinzu kam die Platznot, die laut dem Stadthistoriker Paul Erismann «zum Himmel schrie». Doch für eine grosszügige Lösung fehlte der Stadt das Geld, wollte doch der Gemeinderat damals unter keinem Titel einen Neubau auf Pump, also mit langfristigen Schulden, erstellen.

Primarschule: Im Schachen wird ab Montag gebaut

Der Baustart für die rund sieben Millionen Franken teure Erweiterung und Sanierung Primarschule Schachen steht vor der Tür. Die Bauarbeiten beginnen am kommenden Montag.
Die erste Bauetappe umfasst Erweiterungen ost- und westseitig und findet im Schuljahr 2018/19 statt. In der zweiten Bauetappe, im Schuljahr 2019/20, wird das bestehende Schulhaus saniert. Im Frühjahr 2020 entsteht ein neuer Spielplatz auf der Südseite des Gebäudes.
Die Erweiterung und Sanierung findet bei laufendem Schulbetrieb statt. Der Zugang zum Schulhaus während der 1. Bauetappe ist über den Haupteingang gewährleistet.

Durchbruch mit Pestalozzischulhaus

In der Not kam der öffentlichen Hand private Initiative zu Hilfe. Ein Legat des Kaufmanns Christoph Conrad in der Höhe von 180 000 Franken sicherte die Hälfte der gesamten Bausumme für eine neue Bleibe, zudem schenkte Emil Guido Hunziker, Spross einer Industriellenfamilie, der Stadt ein Grundstück (den ehemaligen «Biergarten Ernst») zwischen der Bahnhofstrasse und den Bahngleisen.

Damit war der Weg frei für das ersehnte «Zentralschulhaus» für alle Schülerinnen und Schüler sämtlicher Stufen. Eingeweiht wurde der imposante Bau am Maienzug 1875, mit Blick auf die spendablen Donatoren mit dem Spruch «Grossart’ger Bau, du stolzer Tempel, du Denkmal ächten Bürgersinns ...». 1927 erhielt die Lehr- und Lernstätte an der Bahnhofstrasse ihren neuen Namen und hiess fortan und bis heute Pestalozzischulhaus.

Quantensprung Zelglischulhaus

Der Glaube, Aarau sei mit dem neuen «Bildungstempel» für alle Zeiten jeglicher Schulraumnot enthoben, wurde rasch entzaubert. Nur gerade eine Generation später kam man nicht darum herum, für die wachsenden Bedürfnisse der Bezirksschule abermals einen noch heute monumental wirkenden Bau aufzustellen.

Das Zelglischulhaus konnte kurz vor dem Maienzug 1911 feierlich in Betrieb genommen werden. Wie im Pestalozzischulhaus fanden auch im Zelgli weitere Bildungsinstitute, namentlich das Lehrerinnenseminar und die Töchterschule, vorübergehend Unterschlupf. Besonders stolz war man 1911 auf die erste modern eingerichtete Turnhalle für die Bezirksschüler.

Expansion in die Quartiere

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam man von der Strategie eines «Zentralschulhauses» ab und setzte bei den Bildungsstandorten auf die Quartiere. Erste Priorität hatte der südliche Stadtteil, nicht zuletzt bedingt durch die Überbauungen in den Goldern und im Binzenhof. Am 15. Januar 1952 stand das Gönhardschulhaus bereit, die Buben und Mädchen der Gemeindeschule zogen mit Sack und Pack von der Bahnhofstrasse in die neuen Räume im Gönhard, wobei sich der damalige Stadtammann Erich Zimmerlin im Überschwang der Freude zur Behauptung, «im neuen Schulhaus kann man viel besser rechnen als im alten», verstieg, was allerdings nicht zu beweisen war.

Ein Jahrzehnt später kam nun das Gebiet nördlich der Aare in den Genuss eines Quartierschulhauses, nämlich der Scheibenschachen. Wie schon im Gönhard erwies sich die Ortsbürgergemeine Aarau als grosszügiger Götti, stellte sie doch das Bauland zur Verfügung. Bezogen wurde das neue Schulhaus, das ausschliesslich der Primarstufe diente, nach den Herbstferien im Oktober 1963. Gleichzeitig machte sich die Verwaltung daran, für das gesamte Stadtgebiet eine rollende Schulraumplanung an die Hand zu nehmen.

Zuletzt ein Schulhaus in der Telli

Diese führte 1968 zum Beschluss der Gemeindeversammlung, auch im Schachen ein neues Primarschulhaus zu erstellen, das 1970 bezogen werden konnte. Es erstaunt nicht, dass mit der etappenweisen Überbauung der mittleren Telli mit den Wohnzeilen in der Folge auch dieses Quartier in den Fokus geriet. Das Quartierschulhaus in diesem östlich gelegenen Aarauer «Entwicklungsgebiet» nahm seinen Betrieb am 3. August 1994 auf und ist vor wenigen Jahren erweitert worden.

Was für die Quartiere zutraf, funktionierte bei der stufenweisen Trennung nicht. In den 1970er-Jahren ging man daran, für die Oberstufe einen einzigen und zentralen Ort zu planen und zu realisieren. Bereits am 15. November 1978 konnten die neuen Räume neben dem bestehenden Primarschulhaus im vorderen Schachen der pädagogischen Bestimmung übergeben werden. Damit stand das ehrwürdige Pestalozzischulhaus nach einer umfassenden Sanierung ab 1981 endgültig und in vollem Umfang der Handelsschule KV Aarau zur Verfügung. Der städtische Souverän zeigte sich über all die Jahre stets grosszügig in Sachen Schulvorlagen, gestritten wurde nicht über die Finanzen, sondern höchstens über Standorte und die Architektur.

Organisatorisch funktionierte die Gemeindeschule Aarau über lange Zeit mit schlanken Strukturen. Jedes Schulhaus hatte einen nebenamtlichen Rektor und einen Abwart, der mit mehr oder weniger glücklicher Hand für Ordnung und Sauberkeit sorgte. Für das Tagesgeschäft zuständig war die Schulpflege, damals noch mit mehr Kompetenzen ausgestattet als heute im Zeitalter der Schulleitungen.

Und hin und wieder kam, nach Voranmeldung natürlich, ein Inspektor in die Schulstube. Die Lehrer der Primarschule mussten sich alle vier Jahre einer Volkswahl stellen, wobei die Stimmbürgerschaft nur ganz selten einen Schulmeister in die Wüste schickte. Anfänglich ging man bei der Planung des Pestalozzischulhauses noch von maximalen Klassengrössen von 60 Kindern aus, mit den gesetzlichen Vorgaben durch den Kanton reduzierte sich diese Zahl bis heute kontinuierlich.

Ein Hauch von «Zukunftsraum»

Noch bis zum Zweiten Weltkrieg hielt die Schulpflege am Grundsatz fest, dass Buben und Mädchen strikt getrennt in ihren Klassen sassen. An der Bezirksschule Aarau hielt sich dieses Prinzip noch bis in die 1960er-Jahre, sogar die Treppenhäuser und die Pausenplätze separierten die Geschlechter der Schülerschaft. Dafür hatte die «Bez» in der Kantonshauptstadt schon damals einen Hauch von «Zukunftsraum».

Als der Verfasser dieser Zeilen 1960 ins Zelglischulhaus einmarschierte, traf er Gleichaltrige aus den Nachbarorten Erlinsbach, Küttigen, Rohr, Buchs, Suhr und Entfelden, mit denen man sich gut verstand und die man als Bereicherung empfand. Dieser regionale Effekt änderte sich erst mit der Einrichtung von Bezirksschulen in den Agglomerationsgemeinden.