Schlossgeister kennt man überall auf der Welt. Eine «Schlösslijungfer» kennen nur die Aarauer: Frida Rothpletz, die letzte Bewohnerin des Aarauer Schlössli. Eine hochintelligente Frau, der in jungen Jahren sämtliche Türen weit offen standen, die aber ein gemütliches Leben im beschaulichen Aarau führte – ohne Ehemann, dafür mit viel Musik, Reisen und guter Gesellschaft, mit Kunst und Religion.

Geboren wird Isabella Frida Rothpletz als zweites Kind von Emil und Lisa Rothpletz-Wydler im März 1874 im Schlössli. Die Familie gehört zur politischen Führungsschicht der Stadt und hat das Schlössli 1861 für 40 000 Franken von der Familie Herosé gekauft. Als Vater Emil am Polytechnikum in Zürich die erste Professur für Militärwissenschaften erhält, zieht die Familie 1880 nach Zürich. Im Schlössli entstehen zwei Mietwohnungen. Als 18-Jährige belegt Frida ein Semester lang Kurse an der Universität Genf und legt ein ausgezeichnetes Examen in französischer Literatur ab. Ihr Professor fordert sie dazu auf, weiterzustudieren. Doch Frida kehrt nach Aarau zurück.

Nach dem Tod ihrer Eltern zieht die inzwischen 33-jährige Frida 1907 ins Schlössli und richtet sich in der Wohnung im zweiten Stock ein. Eine Wohnung mit vier Zimmern, einer Mägdekammer, einer Küche, fliessend Wasser und einem WC, aber ohne Badezimmer. Eine vergilbte Aufnahme aus ihrem Salon mit der geschnitzten Decke zeigt üppig gepolsterte Sessel, dicke Vorhänge und imposante Kommoden und Schränke; lauter Möbel, die Frida von ihren Eltern übernommen hat. Die spätmittelalterlichen Wand- und Deckenschnitzereien wiederum stammen aus dem Aarauer Rathaus; der Vorbesitzer hatte diese einbauen lassen.

Ein Andachtsraum im Schlössli

Wie für eine Frau aus der bürgerlichen Oberschicht üblich, geht Frida keiner bezahlten Arbeit nach. Sie lebt vom Vermögen der Familie und verbringt viel Zeit in Gesellschaft ihres Bruders Emil, ob auf Reisen, im Urlaub oder während Kuraufenthalten, wo sie viel fotografiert. Ausserdem spielt Musik eine wichtige Rolle in Fridas Leben, sie spielt selber oft Klavier.

Ausserdem ist Frida sehr religiös. Im Rothpletz-Archiv finden sich viele Andachtsbilder und Fotos von Missionaren, mit denen sie in Briefkontakt stand. Frida gehört vermutlich der Pfingstbewegung an und lässt verschiedene Glaubensgenossen im Schlössli logieren. Im obersten Stock richtet sich Frida einen Andachtsraum ein. Ehemalige Untermieter erinnern sich später daran, dass Leute von dort die Treppe herungergekommen und in der Aare getauft worden seien.

Frida bleibt zeitlebens alleinstehend, also eine «Jumpfere». So lautete denn auch die Postadresse auf «Jungfrau Emma Frida Rothpletz, Obersts, im Schlössli, Aarau». Mit gut 50 Jahren nimmt sie aber eine Pflegetochter bei sich auf, ein zehnjähriges Mädchen. Ausserdem vermietete sie nach alter Tradition einige der 20 Zimmer im Turm an auswärtige Kantonsschüler. Als Gegenleistung mussten diese ihr jeweils beim Holzschleppen helfen. Ein alter Aarauer erinnert, sich, dass sich Jungfer Frida nach getaner Arbeit jeweils ihren Hut aufsetzte, zur Handtasche griff und auf dem Treppenabsatz meinte: «S het denn i dr Chuchi no öppis uf em Tisch». Statt auf das erhoffte Münz trafen die Gymnasiasten aber nur auf ein paar Äpfel oder Birnen aus dem Schlossgarten. Das gab manchen bösen Blick, den die Jungfer erntete. Und mindestens einmal sollen die um ihr Trinkgeld geprellten Lastesel das Brennholz aus Rache kurzerhand wieder in den Garten hinuntergeschleppt haben.

Ein Wohnrecht auf Lebzeiten

1930 verschenken Frida und Bruder Emil den trutzigen, aber sanierungsbedürftigen Turm der Stadt Aarau – mit einem Wohnrecht auf Lebzeiten für Frida. Das Schlössli wird saniert und in den unteren Räumen die historische Sammlung der Stadt untergebracht. Ausserdem wird eine «Rothpletz-Stube» eröffnet, mit Gemälden der seit dem 16. Jahrhundert in Aarau ansässigen Familie. Das Nebeneinander mit Frida verläuft nicht ohne Komplikationen. Die inzwischen alte Dame betrachtet das Schlössli noch immer als ihr Refugium und die Museumsleitung verlangt mehrmals, dass Frida die Schlüssel für die Museumsräume abgeben solle. 1952 dann bietet die 78-jährige Frida Rothpletz der Stadt an, für eine Ablösesumme auf ihr Wohnrecht zu verzichten; die vielen Treppen im Schlössli würden ihr das Leben zu anstrengend machen. Und so verbringt Frida ihren Lebensabend in der Pilgermission St. Chrischona bei Basel. Sie stirbt am 7. Februar 1961.

In ihrem Testament hat Frida Rothpletz dem Museum zahlreiche Möbel und Gemälde vermacht. Ausserdem hat sie detailliert festgehalten, was ausgestellt werden muss: das Bild ihrer Eltern, der handgeschriebene Geburtstagsbrief von General Guisan, ein Gedicht von Victor Schoeffel zu ihrer Geburt und Feldmarschall Montgomerys Dankesbrief für Rosen, die sie ihm eins geschickt hat. «Dies alles soll in die Rothpletz-Stube unter Glas getan werden im II. Stock im Schlössli.»