Frau Rössler, als Sie vor der Eröffnung von erhofften 10 000 Besuchern pro Jahr sprachen, wurden Sie belächelt. Jetzt waren es 24 000 Besucher. Wem würden Sie gerne eine lange Nase drehen?

Kaba Rössler: (lacht) Ich will niemandem eine lange Nase drehen. Aber mir ist tatsächlich ein grosser Stein vom Herzen gefallen. Wir waren vor der Eröffnung sehr unsicher, ob und wie unsere Ideen und Konzepte beim Publikum ankommen. Dass die Bevölkerung das Haus so gut annimmt, ist für uns eine enorme Erleichterung.

Sind Sie überrascht?

Positiv überrascht, ja. Darüber, dass es so schnell gegangen ist.

Jetzt ist die Erwartungshaltung umso höher.

Ja, die Erwartungshaltung ist enorm. Aber es ist auch klar, dass wir die Besucherzahlen nicht auf so hohem Level halten können. Die 10 000 Besucher hoffen wir aber auch dieses Jahr zu erreichen, immerhin hatten wir seit Anfang Jahr 3500 Besucher.

Wie holen Sie die Menschen weiterhin ins Museum?

Mit einem spannenden Veranstaltungs- und Ausstellungsprogramm. Und mit den Zusammenarbeiten, die wir pflegen.

Was folgt auf die Demokratie-Ausstellung, die im Juni zu Ende geht?

Etwas, das einen viel engeren Bezug zu Aarau hat: Die neue Ausstellung dreht sich um den «Lokalbericht», den Erstlingsroman von Hermann Burger, der jetzt erst publiziert wird. Hermann Burger hat zu dieser Zeit in Aarau gelebt. Die Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit dem Forum Schlossplatz entstehen. Das Forum Schlossplatz wird den literarischen Aspekt beleuchten und wir nehmen den «Lokalbericht», der in Aarau spielt, als Folie, um den Zeitgeist einer Kleinstadt um 1970 zu spiegeln.

Kein Start ohne Pannen – was ist
im ersten Jahr schiefgelaufen?

Eine kleine Katastrophe war, als ein Vater mit seinem Sohn einen halbstündigen Trickfilm gemacht hat. Sequenz für Sequenz, extrem aufwendig. Das hat das Programm völlig überfordert. Es ist abgestürzt und von dem Film war nichts mehr da. Das war ein Drama.

Das war tatsächlich das Schlimmste, was Ihnen passiert ist?

Auf der Besucherseite, ja ... Sonst gibt es halt die Kinderkrankheiten, die dazugehören: die klemmende Türe, oder das Schliesssystem, das nicht funktioniert.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Besuchern?

Ein sehr grosser Teil ist begeistert und überrascht, insbesondere von der Verflechtung von Alt und Neu. Aber es gibt auch einen Kreis von Leuten, die enttäuscht sind, nicht mehr das zu finden, was früher im Schlössli zu sehen war.

Das ist uns auch zu Ohren gekommen: Das Stadtmuseum sei kein historisches Museum mehr.

Das würde ich so nicht unterschreiben. Aber ja, wir sind ein anderes Museum. Früher war das Stadtmuseum ein Wohnmuseum; die Zimmer waren so eingerichtet, wie man dachte, dass es einmal ausgesehen hat. Das war aber nicht authentisch. Frieda Rothpletz beispielsweise hat nie in dem Bett geschlafen, das man im Jungfernzimmer ausgestellt hatte.

Was ist denn an dieser Form von Museum aus Ihrer Sicht falsch?

Als modernes historisches Museum fühlen wir uns der Relevanz und Wahrheit verpflichtet. Wir hören hin und wieder, dass Besucher die Kupferpfannen in der mittelalterlichen Küche vermissen. Hier sind heute Zschokkes Figuren ausgestellt. Da gebe ich dem Besucher recht, da unterlaufen wir seine Erwartung an eine Küche. Aber jene Kupferpfannen hatten nie in der mittelalterlichen Küche gestanden, das ist historisch einfach falsch. Ausserdem verfolgt unser Konzept für die Dauerausstellung eine andere Idee.

Das sollte dem Museumsbesucher aber einleuchten, oder?

Natürlich. Es ist aber die Erwartung
an eine Küche. Da müssen wir ehrlich sein, da enttäuschen wir gewisse Besucher. Viel authentischer ist das Leben in einem Schloss oder einer Burg dargestellt.

Was ist denn Ihr Ansatz?

Wir sind ein historisches Museum. Was uns wichtig ist, ist das Geschichtsbewusstsein. Das Wissen darum, woher wir kommen und wohin wir gehen und dass wir Veränderungen bewirken können. Das zu vermitteln steht für uns im Vordergrund, und das wollen wir nicht anhand lebloser Ausstellungsgegenstände, sondern mit den Geschichten dahinter erzählen. Auch das ist ein Zeitgeist, dessen bin ich mir bewusst. Vielleicht steht in 20 Jahren ein anderer Fokus im Zentrum. Vielleicht stehen dann wieder die Kupferpfannen in der Küche. Deshalb sind sie auch sicher
im Depot aufbewahrt.

Blicken wir etwas weniger weit voraus: Das Stadtmuseum muss im Zuge des Sparprogramms Stabilo 2 jährlich 50 000 Franken einsparen.

Das macht mir echte Sorgen. Ich möchte nicht in ein Lamento verfallen. Aber ein Haus, das am Aufstarten ist, und jetzt schon wieder 50 000 Franken einsparen muss, das ist enorm schwierig. Es ist für uns extrem viel Geld.

Trotz einem Budget von über einer Million?

Die 50 000 Franken entsprechen tatsächlich nur 5 Prozent des Budgets, aber es ist die falsche Betrachtungsweise. Unser Budget wurde auf Voraussagen aus dem Jahr 2009 erstellt, als das Haus noch nicht stand. Jetzt steht das Haus und es ist, wie es meist ist: Vorstellung und Realität liegen auseinander. Im Budget sind sämtliche Ausgaben drin, also auch die Löhne für die fünf festen Stellen, Kosten für Versicherungen, Alarmierung und Energie. Bei der Energie liegt beispielsweise eines der Probleme: Weil die Stadt Aarau in der Zwischenzeit den Anschluss ans Fernwärmenetz beschlossen hat, haben sich die Energiekosten auf fast 80 000 Franken verdoppelt. Das ist ein Faktor, den ich nicht steuern kann, aber bezahlen muss.

Was bedeutet der Sparauftrag denn für Sie?

Ich habe gemäss Budget einen freien Betrag von gut 110 000 Franken, alles andere sind gebundene Investitionen, an denen ich nicht schrauben kann. Diese 110 000 Franken müssen für sämtliche Veranstaltungen, Ausstellungen und die Werbung reichen. Wenn ich hier 50 000 Franken einsparen muss, sind es fast 50 Prozent. Ich kann nur bei den Ausstellungszeiten, beim Personal oder beim Ausstellungsbudget sparen.

Was heisst das?

Ich weiss es noch nicht. Aber es bereitet mir schlaflose Nächte. Ich muss Kooperationspartner finden, wie beispielsweise das Ringier Bildarchiv und das Staatsarchiv Aargau. Und wir müssen die Einnahmen erhöhen, beispielsweise mit Sponsoren. Das können Unternehmen, Stiftungen, Private oder Legate sein. Wir sind auf Spendengelder angewiesen. Aber auch das wird immer schwieriger, weil immer mehr Private oder Institutionen auf diesen Topf angewiesen sind.

Diesen düsteren Aussichten zum Trotz – sind Sie zufrieden mit dem ersten Jahr?

Ja, sehr! Und ich bin froh, dass die Bevölkerung so zufrieden mit uns ist. Es ist einfacher, mit glücklichen Menschen zusammenzuarbeiten.

Wenn Sie einen Geburtstagswunsch frei hätten: Welches Ausstellungsstück würden Sie sich fürs Stadtmuseum wünschen?

(Lacht) Dann würde ich mir den «Birdly» wünschen. Das ist ein Vogelflugsimulator, den die Zürcher Hochschule der Künste entwickelt hat. Wir planen nächstes Jahr eine Ausstellung zur Game-Kultur. Ein Phänomen, das gesellschaftlich verdrängt verläuft, aber viele betrifft und einen starken wirtschaftlichen Faktor darstellt. Diesem Phänomen wollen wir auf die Spur kommen. Und dafür wäre der Simulator perfekt – damit die Aarauer fliegen lernen können.