Aarau
Die Kunden dieser Firma haben schon beim Aufstehen eine perfekte Frisur

Seit 1972 arbeitet eine Zweithaar-Spezialisten-Familie am Graben – von «Perücken» sprechen sie nicht gerne. Sie haben ihr Lokal umgebaut. Aber viel interessanter ist, was Geschäftspartnerin Norma Aviolat über ihren ungewöhnlichen Beruf erzählt.

Nadja Rohner
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Präzisionsarbeit: Zweithaarspezialistin Norma Aviolat frisiert eine Perücke. Annika Bütschi

Präzisionsarbeit: Zweithaarspezialistin Norma Aviolat frisiert eine Perücke. Annika Bütschi

Annika Buetschi / AZ

Drei Zapfenlocken waren der Auslöser. Sie fielen locker auf die Schultern einer Schneiderin. «Die Dame sah perfekt aus», erinnert sich Norma Aviolat. Als kleines Mädchen hat sie die Schneiderin oft mit ihrer Mutter besucht.

Eines Tages waren die drei Zapfenlocken weg – und die kleine Norma, fassungslos, begann bitterlich zu weinen. Die Schneiderin ging ins Hinterzimmer, holte die drei Locken, und hielt sie sich an den Kopf. Normas Welt war wieder in Ordnung. «Das Gesamtbild stimmte wieder», erinnert sich Aviolat heute lachend.

Die Faszination für Haare – in diesem Moment vor über 50 Jahren entstanden – ist bis heute ungebrochen. Norma Aviolat wurde «Vollblut-Coiffeuse», wie sie sagt. Später bildete sie sich zur Zweithaarspezialistin weiter und engagiert sich für die Herzig Interlook AG, die Firma ihres Mannes.

Diese besteht mittlerweile seit 41 Jahren, wurde soeben umgebaut und ist zum Familienunternehmen geworden: Sohn und Tochter arbeiten ebenfalls im Betrieb. Der Grosshandel mit 17 Mitarbeitern vertreibt vor allem Produkte rund um das Zweithaar. Perücken also?

«Das Wort mag ich eigentlich nicht besonders», sagt Aviolat. Zu sehr verbinden es die Leute mit den gängigen Klischee-Szenen, die man aus der Werbung kennt: Vom Windstoss weggefegte Haarteile, schlecht sitzende Toupets – erniedrigende Situationen.

Das ärgert Aviolat: «Ich finde es schrecklich, dass man das ins Lächerliche zieht. Kein Wunder, haben die Leute Angst vor einem Haarersatz.» Dabei könne man mit diesem heute problemlos schlafen und alle Sportarten betreiben – sogar Tauchen oder Fallschirmspringen.

Trotz Vorbehalten ist die Nachfrage nach Zweithaar gross. So gross, dass sich Norma Aviolat und ihr Mann vor 23 Jahren entschlossen haben, neben dem Grosshandel für Friseurbedarf das sogenannte «Hair-Center» zu betreiben.

Dort werden Kunden betreut, die ihre Haare ganz oder teilweise verloren haben – durch Krebstherapien oder hormonelle Störungen zum Beispiel.

«Beim medizinischen Haarersatz geht es darum, dass möglichst jedes Haar am gleichen Ort sitzt wie das Eigenhaar», sagt Aviolat. Das Gesamtbild soll stimmen – wie bei der Schneiderin aus ihrer Kindheit.

Es sei deshalb ganz wichtig, dass die Kunden schon vorbeikämen, solange sie noch Haare hätten. «Jeder Wirbel, jede Unregelmässigkeit wird erfasst und exakt nachgebildet.»

Hatte die Kundin vor dem Haarersatz keine perfekt gelegte Frisur, soll auch die Perücke keine haben. «Das Haar soll nicht wie frisch vom Coiffeur aussehen – eher wie eine Woche nach dem Haarschnitt.»

Auch die Farbe und die Farbreflexe müssen stimmen. «Grau ist zum Beispiel nicht einfach grau. Es gibt 45 verschiedene Schattierungen davon», so Aviolat.

Meist sucht sich die Kundin eine Standardperücke aus, die dann genau auf ihren Kopf, ihre Haarstruktur und ihre Bedürfnisse angepasst wird. Bis zu 25 Stunden dauert das. «Hat ein Kunde eine weisse Strähne im Haar, muss auch die Perücke eine haben.»

Haar um Haar befestigen die Spezialisten einzeln auf dem dünnen Netz, das als Träger dient. Präzisionsarbeit. Norma Aviolat ist eine Perfektionistin, das merkt man ihr an. Und Sorgfalt und Perfektion erwartet sie auch von ihren Mitarbeitern.

Sie werde oft gefragt, ob der Umgang mit kranken Menschen nicht belastend sei, erzählt Aviolat. «Im Gegenteil. Wir geben diesen Menschen ein Stück Lebensqualität zurück.»

Nicht nur Menschen mit Haarverlust Kunden. Auch solche, die eine modische Zweitfrisur wollen. Oder Travestiekünstler und Theaterleute: So stammt unter anderem die dunkle Lockenpracht, welche die «Sissi» an den Thuner Seespielen getragen hat, aus Aarau.

Aviolat, die selber braune, von Silberfäden durchzogene Haare hat, besitzt natürlich ebenfalls Perücken: «Zum Beispiel eine graue, weil mir graue Haare gefallen.» Auch an ihrer Hochzeit hat sie ein Haarteil getragen: Zapfenlocken.