Aarau

Die Korsett-Schneiderin vom Graben: Auch mit 90 näht sie noch jeden Tag im Unterwäsche-Laden

Lotti Lehners Leben erinnert an den Film «Die Herbstzeitlosen» – sie selbst hat den Film übrigens nie ganz gesehen.

Lotti Lehners Leben erinnert an den Film «Die Herbstzeitlosen» – sie selbst hat den Film übrigens nie ganz gesehen.

Im Januar wird Lotti Lehner 90 Jahre alt. Uns verriet sie das Geheimnis ihrer Gesundheit und warum sie in all den Jahren der Unterwäsche treu blieb.

Als sie sich kürzlich schwungvoll den Mantel über die Schultern warf, blieb dem Berater der Mund offen stehen. «Er wollte wissen, was mein Geheimnis sei», sagt die alte Dame und kichert. Das Geheimnis sind vier Liter Milch, pasteurisiert und über die Woche hinweg getrunken. Entscheidend: Lauwarm muss sie sein. Kaltes sei wie Gift, habe sie die Tante gelehrt.

Wer sich an die Milch hält, dem kann es wie Lotti Lehner ergehen. Sie fährt Auto, näht und strickt, klappert jeden Sonntag und Montag eine ganze Reihe Altersheime ab, um Verwandte und Freunde zu besuchen, führt den eigenen Haushalt – und steht noch täglich in ihrem eigenen Geschäft. Und das mit 90 Jahren. Im Januar feiert Lotti Lehner, die Inhaberin des Lingeriefachgeschäfts Wullschleger am Graben, ihren runden Geburtstag.

Wenn das kein Leben ist, das nach Erzählung schreit. Ein unaufgeregtes Leben, wirft Lotti Lehner ein. Vielleicht; aber ein spannendes allemal.

Mit fünf hat sie gestrickt

Aufgewachsen ist Lotti Lehner, geborene Liselotte Richner, im Gränicher Refental. Dem Weiler hinter dem Liebegger Schlossberg, wo man, wenn man sich reckt und streckt, grad noch so die ersten Häuser von Gränichen sieht. Ihren Eltern gehörte der Bauernhof neben dem Schulhaus. Lotti wurde als zweites Kind geboren, nach einem Buben und im Winter 1929, in dem das Thermometer im Refental auf minus 32 Grad Celsius sank und im Stall die Gülle in den Rinnen gefror.

Ihr folgten noch einmal zwei Buben, da lernt man, sich zu behaupten. Trotzdem sei sie immer eine ganz Anständige gewesen, sagt Lotti Lehner. Und eine, die sich schon früh für Handarbeit interessierte, ganz die Mutter, wie man so schön sagt. Mit fünf Jahren fing sie an zu stricken, in der Schule war Handarbeit ihr Lieblingsfach. Ihr Berufswunsch war immer schon klar: Weissnäherin. Oder Wäscheschneiderin, wie es später hiess.

Der Wunsch kam nicht von ungefähr. Ihre Gotte Emmy Wullschleger hatte 1940 in Aarau den Lingerieladen von Frau Baumann an der Hinteren Vorstadt übernommen. Dort sollte Lotti ihre Lehre machen. Doch als sie im Winter 1945 aus der Schule kam, hatte die Gotte noch eine Lehrtochter. «Ich musste für ein Jahr ins Welsche», sagt Lotti Lehner. Ja, gemusst, sagt sie, das Heimweh habe sie in den ersten Wochen in Neuchâtel so furchtbar geplagt, dass sie gar nicht erst daran denken durfte, die Familie zu besuchen.

Ab 1946 lernte sie während zweier Jahre das Handwerk der Weissnäherin. Im düsteren Atelier an der Hinteren Vorstadt sass sie mit der Gotte und den anderen Angestellten an den Maschinen, nähte Büstenhalter, Höschen und Unterleibchen, Morgenmäntel, Tischtücher und Bettanzüge, Arbeitsschürzen für Hausfrauen und Berufsmäntel für Männer. Nach Abschluss der Ausbildung hängte sie die Lehre als Korsett-Schneiderin an, nähte biegsame Stangen in robusten Stoff, zur Stützung der geschundenen Rücken der Frauen aus der ganzen Region. Die Korsetts hatten damals nicht viel Anrüchiges, nichts Aufreizendes. «Früher wurde noch nicht viel operiert, da litten viele Frauen von der harten Arbeit an Rückenproblemen und brauchten Halt.» Ausserdem wurde das Korsett über dem Unterleibchen getragen, damit es nicht zu schnell dreckig wurde.

Nie hätte sie den Laden aufgegeben

Lotti Lehner blieb der Unterwäsche treu. All die Jahre lang. Was die Faszination war und ist, kann sie nicht sagen. «Ich habe es einfach getan», sagt sie, fast etwas verlegen. 1952 zog sie mit der Gotte mit an den Graben 24, ins ehemalige Restaurant «zum Markt». Noch immer stehen hier die Schubladenschränke aus dem alten Laden, gefüllt mit sperrigen Baumwoll-Büstenhaltern oder zarter Spitze, alles jahrzehntealt und längst unnütz geworden, aber fortschmeissen oder weggeben kann Lotti Lehner sie noch nicht, das Herz hängt daran. Selbst die Adler-Nähmaschinen sind noch von anno dazumal, schnurren auch nach über 60 Jahren wie Katzen auf der Ofenbank.

1968 übernahm Lotti Lehner das Geschäft von Gotte Emmy, 1976 heiratete sie mit 47 Jahren Max Lehner aus Teufenthal. Über Nacht wurde sie Mutter dreier Söhne, die leibliche Mutter war drei Jahre zuvor verstorben. Den Laden für die Familie aufzugeben, kam trotz der neuen Aufgabe nie infrage. «Ich habe meinem Mann immer gesagt, dass ich das Geschäft auf jeden Fall weiterführen möchte», sagt sie. Ein Wunsch, den ihr Mann ihr immer liess, diskussionslos.

Es hat sich vieles verändert in all den Jahren, sagt Lotti Lehner. Nicht das Handwerk, aber der Markt. Als sie vor über 70 Jahren ihre Lehre begann, gab es nur ein anderes Unterwäschegeschäft in Aarau, die Warenhäuser nahmen zaghaft erste Stücke ins Angebot auf. Ware von der Stange, ohne individuelle Anpassung. Selbstredend, dass jede Frau, die etwas auf sich hielt, ihre individuell angepasste Unterwäsche im Fachhandel kaufte, dazu die frischgebackenen Mütter ihre Still-BHs, und wer sich hatte die Brust abnehmen lassen müssen, bekam bei Wullschleger diskret Flaum-Füllungen eingenäht, lange bevor es Schaumstoff-Teile gab. «Alle kamen zu uns», sagt Lotti Lehner nachdenklich, «alle kamen sie.»

Aufgeben? Warum auch?

Heute bietet jeder Sanitätsartikel-Laden in der Stadt solche Unterwäsche an. Und mit dem Eröffnen der beiden grossen Unterwäsche-Boutiquen brach der Umsatz um die Hälfte ein, von der verkehrsfreien Altstadt ganz zu schweigen. Ans Aufgeben hat Lotti Lehner aber nie gedacht, obwohl sie ihre Nachfolgerin längst gefunden hat: Doris Roth, die seit 1991 als Damenschneiderin im Geschäft mitarbeitet. «Sie weiss gut Bescheid», sagt Lotti Lehner und Doris Roth lächelt und lässt die Nähmaschine sirren. Trotzdem: Ein Ende sei noch längst nicht in Sicht. «Was soll ich denn stattdessen tun?», fragt sie und echte Verwunderung steht ihr ins Gesicht geschrieben. «Solange noch alles geht», sagt sie und schüttelt ihre Arme, bewegt ihre Finger, «solange noch alles beweglich ist und die Augen funktionieren, bleibe ich hier.»

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