Muhen
Die «Kita» für Senioren wird erwachsen

Was klein begann, hat sich zu einem Regelbetrieb entwickelt. Trotzdem hat die Tagesstätte Sonnenblick finanziell zu kämpfen.

Bernhard Schindler
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«Wir sollten im Schnitt an fünf Tagen vier bis fünf Gäste betreuen können, dann haben wir Überlebenschancen.»

«Wir sollten im Schnitt an fünf Tagen vier bis fünf Gäste betreuen können, dann haben wir Überlebenschancen.»

Es ist 7 Uhr an einem Montagmorgen. Lilly wird von einer Person der Spitex in Kölliken gewaschen und angekleidet. Samstags und sonntags macht das ihr Mann, doch
an Werktagen hats Hansjörg eilig. Dann fährt er Lilly nach Muhen in die Tagesstätte. Um 8.35 Uhr begleitet er seine kranke Frau zum Auto und hilft ihr einsteigen. Wenig später, kurz vor 9 Uhr, betreten die beiden die ebenerdig angelegte, rollstuhlgängige Wohnung. Dort erwarten die Betreuerinnen Margrit Sutter und Susi Fehlmann ihre Tagesgäste bereits.

Nun setzen sich alle an den gedeckten Tisch mit selbst gemalten Tischsets, Kaffee, Gipfeli, Konfi und mehreren Käsesorten. Die einen bereiten ihre Brötchen selber vor, andere lassen sich eine Butterschnitte streichen. Lilly erzählt von Pontresina, wo sie einmal als Zuschauerin dem Engadin-Marathon beiwohnen durfte. «Ein grossartiges Ereignis», sagt sie, «volle Action.»

Nach dem Frühstück schlägt die Stunde für Köchin und Betreuerin Susi Fehlmann. «Was wollen wir heute zu Mittag essen?» Einige Vorschläge werden laut: «Wie wärs mit Geschnetzeltem? – Und dazu Reis.» Die Tagesgäste und Betreuerinnen erheben sich und begeben sich zur Sessel- und Polstergruppe, wo man die Zeit verbringt, bis der Einkauf ansteht. Hans aus Wikon soll ein Lied anstimmen. Aber Helene Schaufelberger ist schneller: «Aprite le porte ...» fängt sie an zu singen, und alle fallen ein.

Pionierleistung im Aargau

Helene Schaufelberger, die Krankenschwester mit Zusatzausbildung für Langzeitpflege, hatte 2005 die Idee, eine Tagesstätte für alte Menschen zu gründen. So etwas gab es damals im Aargau noch nicht. Es bedurfte eines grossen Engagements der Initiantin und einiger Vertrauter, die zusammen einen Verein gründeten. Dieser lebt von freiwilligen Spenden, Mitgliederbeiträgen und einem Tagessatz von 150 Franken (inklusive Frühstück, Mittagessen und Zvieri). «Wir sollten im Schnitt an fünf Tagen vier bis fünf Gäste betreuen können, dann haben wir Überlebenschancen. Allerdings können wir keine vollen Löhne bezahlen. Unsere zehn Mitarbeitenden, alle in Krankenpflege ausgebildet oder mindestens angelernt, erhalten einen Stundenlohn für die Zeit, die sie gebraucht werden», sagt Helene Schaufelberger.

Grosse Spenden hat die Tagesstätte zu Beginn ihrer Tätigkeit vom «Beobachter» erhalten. 2007 bekam das Team den Erlös für die «grösste Cremeschnitte der Welt» von der Bäckerei Allenspach. Bis 2010 war die Tagesstätte stark defizitär und mehrheitlich nur an einem Tag geöffnet. Heute sind es vier Werktage, an denen Gäste aus Kölliken, Safenwil, Muhen, Ober- und Unterentfelden und weiter entfernten Orten gebracht werden. Ziel bleibt, mit fünf bis sechs Gästen an fünf Tagen Kostenneutralität zu erzielen.

Unterdessen haben die Gäste mit dem Rüsten der Gemüse und der Vorbereitung des Menus begonnen. Lilly darf Champignons schneiden. Wie es in der Küche zu dampfen und gut zu riechen beginnt, wird die Stimmung beinahe ausgelassen. Es wird erzählt, gesungen, der Appetit kommt beim Einatmen der Zwiebeldüfte.

«Menschen brauchen Anerkennung ... und Liebe in jedem Alter», heisst es im Prospekt der Tagesstätte. Ziel des Vereins ist, die oft stark beanspruchten Angehörigen während einiger Stunden oder Tage zu entlasten. Die Fähigkeiten der betagten Menschen werden so möglichst lange erhalten und gefördert, soziale Kontakte geknüpft und auch Kontakte unter den Angehörigen gefördert.