Suhr/Oberentfelden

Die hochgelobte Kinderbetreuung: Zahlt sie denn sich wirklich aus?

Bringen Kindertagesstätten der Gesellschaft Nutzen oder handelt es sich dabei um ein Ammenmärchen?

Bringen Kindertagesstätten der Gesellschaft Nutzen oder handelt es sich dabei um ein Ammenmärchen?

Kindertagesstätten bringen höhere Steuererträge – wer hat das eigentlich bewiesen? Zwei Studien, eine für die Stadt Zürich und eine für die Region Bern, haben nachgerechnet, wie viel pro investiertem Franken zurückfliesst.

«Es ist erwiesen, dass jeder in die familienergänzende Kinderbetreuung investierte Franken in der Form höherer Steuererträge zurückfliesst.» Das sagte der Oberentfelder Gemeindeschreiber Max Haudenschild am Mittwoch in der az.

Der Suhrer Gemeinderat erzählt dies seinen Bürgern schon lange. Und auch Regierungsrätin Susanne Hochuli versucht aktuell den Gemeinden die Förderung von Krippen schmackhaft zu machen, in dem sie darauf verweist, dass sich jeder investierte Franken später ausbezahle.

Doch worauf beziehen sich die Politiker überhaupt? Lassen sich die positiven Auswirkungen tatsächlich in Franken berechnen? Ein privates Berner Forschungsinstitut hat zum Volkswirtschaftlichen Nutzen von Kindertagesstätten zwei Studien verfasst: Im Jahr 2001 für die Stadt Zürich und 2007 für die Region Bern.

In der Studie für Zürich wird der Profit von externer Kinderbetreuung für die gesamte Gesellschaft auf 3 bis 4 Franken pro investiertem Franken beziffert. Dies zum Beispiel, weil die Kinder besser integriert und sozialisiert werden, weil besonders Migrantenkinder sich besser entwickeln und höhere Schulabschlüsse erreichen.

Die Eltern ihrerseits können mehr arbeiten und generieren so nicht nur mehr Lohn, sondern es entstehen auch weniger Sozialhilfekosten, denn gerade Alleinerziehende sind relativ oft Sozialhilfeempfänger. Gleichzeitig kommt es zu weniger Lohneinbussen durch einen Karriereknick, wenn die Mutter ihren Job behält. Unternehmen profitieren, wenn somit das Know-how erhalten bleibt. Dies steigert die Produktivität.

Bis zu 40 Prozent mehr Steuern

Die Studie berechnet den finanziellen Nutzen für die Stadt Zürich detailliert und kommt zum Schluss, dass es sogar bezüglich des Fiskus ein Plus gibt. Pro investierter Steuerfranken fliessen rund 1,6 Franken in Form zusätzlicher Steuereinnahmen zurück.

In der Region Bern fällt der Profit dünner aus: Einer bis 1,4 Franken fliesst langfristig zurück zum Fiskus. Vor allem Bund und Kanton profitieren. Für die Gemeinden der Region Bern sieht es weniger positiv aus: 0,8 bis 1,2 Franken erhalten sie zurück, denn sie investieren mehr in die Förderung der Kitas. Auf alle Berner Gemeinden bezogen, die insgesamt weniger Geld aus dem Lastenausgleich erhalten, als die Region Bern, beträgt die Refinanzierung gar nur 0,6 bis 0,9 Franken.

Ungeschmälert bleibt der Profit für Kinder, Eltern und Unternehmen. Deshalb fliessen auch für die Region Bern auf die Gesellschaft bezogen kurzfristig 1,5 bis 2 Franken und langfristig 2,6 bis 3,5 Franken zurück. Diese Zahlen bestätigen die Studie in Zürich.

Suhr rechnet selber nach

Die Gemeinde Suhr will es selber wissen: «Wir werden in den nächsten Jahren schauen, ob bei jenen Familien, welche externe Kinderbetreuung in Anspruch nehmen, das steuerbare Einkommen steigt», sagt Gemeinderat Daniel Rüetschi.

Max Haudenschild in Oberentfelden ist skeptisch, ob man die Kita-Förderung wird genau messen können. Die meisten Kinder seien ja nur einzelne Tage pro Woche in der Krippe. Im letzten Jahr sei von rund 100 Kindern der Kita «Äntenäscht» nur eines die ganze Woche da gewesen. «Aber», sagt Haudenschild, «meine Tochter konnte ihren Lohn behalten, weil Grosseltern und die Kita ein Teil der Betreuung übernehmen.» Zudem gehöre das heute zum Grundangebot einer Gemeinde.

Tatsächlich rechnen sich viele Gemeinden einen Standortvorteil aus, wenn es im Dorf genügend Krippenplätze gibt. Eine Zuzügerbefragung des statistischen Amtes des Kantons Zürich, die auch das aargauische Wettingen umfasst, verpasst dieser Hoffnung auf den ersten Blick einen Dämpfer: Nur 5 Prozent der Zuzüger gaben 2013 an, sie seien wegen dem Betreuungsangebot nach Wettingen gekommen. Stärkeren Einfluss hatte die gute Anbindung an den öV mit 48 Prozent. Dieses Ergebnis ist aber zu relativieren, denn unter den Befragten waren lediglich 13 Prozent Familien mit Kindern. Dies, weil Familien seltener zügeln.

Der Link zur Studie der Stadt Zürich: Hier.

Der Link zur Studie der Region Bern: Hier.

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