Aarau

Die Haut als Symbol für Toleranz und Miteinander

Unsere Haut hält unglaublich viel aus, aber irgendwann kollabiert sie. So ist es auch mit unserer Gesellschaft. (Symbolbild)

Unsere Haut hält unglaublich viel aus, aber irgendwann kollabiert sie. So ist es auch mit unserer Gesellschaft. (Symbolbild)

Dermatologe Felix Bertram schreibt in seiner neusten Kolumne: «Es ist eine schiere Meisterleistung, was die Haut leistet und toleriert. Es gibt allerdings Extreme, bei der auch die Haut kapituliert und unwiederbringlichen Schaden nimmt.»

Soeben sind wir in ein neues Jahr gestartet. Ich hoffe, alle Leser hatten ein fröhliches und herzliches Silvesterfest und sind zuversichtlich in das Jahr 2020 gerutscht. Viele werden kurz vor dem Jahreswechsel – sofern der Alkohol nicht schon die Sinne benebelt hat – an das abgelaufene Jahr gedacht und sich mit den Wünschen für die Zukunft befasst haben.

Man wünscht sich vermutlich Gesundheit, Glück und Erfolg. Mir persönlich ist ein weiteres Substantiv in den Sinn gekommen: Toleranz.

Vielleicht ist es nur mein persönlicher Eindruck. Aber mir scheint, in letzter Zeit schmilzt die Toleranz, wie ein Eisblock in der Sonne – und Intoleranz greift um sich, wie ein böses Geschwür. Die Politik in unseren europäischen Nachbarländern und in Übersee überbietet sich aktuell an den denkbar extremsten politischen Rändern. Auch im sonstigen Umgang miteinander finden sich kaum noch Grautöne oder ein Perspektivenwechsel, um die jeweils andere Position auch mal zu akzeptieren oder zumindest durchzudenken. Besonders gut lässt sich dieses Phänomen im Biotop Internet beobachten, wo jede Meinung gleich von einer Horde Lemminge niedergebrüllt wird.

Auch vor der eigenen Haustüre finden sich hinreichend Beispiele für eben jene mangelnde Toleranz: Kindern wird der Zugang zur Spielgruppe verwehrt, weil sie zwei Papis haben; Abstimmungskämpfe wie derjenige um das Stadion Aarau gleiten bisweilen mit unschönen Aktionen ins Foulspiel ab und die Kommentare unter Onlinebeiträgen, zum Beispiel der AZ und vielen anderen Medien, sind gelegentlich schwer zu ertragen.

Warum sind wir nicht ein wenig toleranter und nachgiebiger? Leben und leben lassen. Es ist doch das Schöne an einem freien und demokratischen Land, dass sich jeder entfalten kann. Solange er die Freiheit und das Wohl eines anderen nicht einschränkt.

Auch im persönlichen Umfeld spürt man rasch, dass es nicht weit her ist mit der Toleranz, wenn man es wagt, aus der vorgesehenen stereotypen gesellschaftlichen Rolle auszutreten. Ein Jurist trägt einen Anzug, hat eine intakte Familie und ist im Rotary- oder Lions-Club. Ein Arzt möge bitte seiner ärztlichen Tätigkeit nachgehen, darf ein wenig alternativ daherkommen, sollte Freude an der Gartenarbeit haben und darüber hinaus bitte nicht weiter auffallen.

Ich überspitze es jetzt ein wenig und überzeichne die klischeehaften Bilder, die wir von anderen Menschen und ihren Rollen haben. Was aber, wenn der Anwalt in einer Heavy-Metal-Band spielt, lange Haare und einen Ohrring trägt? Was ist mit dem Polizisten, der in seiner Freizeit gerne Frauenkleider trägt? Ist ein Treuhänder, der eine violette Irokesenfrisur trägt, deswegen für seinen Beruf ungeeignet?

Kennen wir nicht alle diese Art von Vorverurteilung oder Rasterdenken, wenn jemand nicht in die vorgesehene Schublade passt? Allzu schnell wird hinter vorgehaltener Hand ein Urteil gefällt.

Ziehen wir doch zum Schluss die Analogie zu unserer Haut, dem Fachgebiet, dem ich mich als Dermatologe von Berufs wegen widme. Überlegen Sie mal, wie tolerant unsere Haut mit uns ist. Was sie für uns alles abfängt, aushält und verheilen lässt. Bakterien, Viren, Sonne und Umweltverschmutzung würden uns innert weniger Stunden dahinraffen, wenn uns bereits weniger als ein halber Millimeter der Hautoberfläche genommen würde. Würde man nur die oberste Hornschicht entfernen – wohlgemerkt papierdünn – würde der Wasserverlust des Körpers um den Faktor 100 steigen.

Es ist eine schiere Meisterleistung, was die Haut leistet und toleriert. Es gibt allerdings Extreme, bei der auch die Haut kapituliert und unwiederbringlichen Schaden nimmt. Und so ist es vielleicht auch mit uns als Gesellschaft. Sie kann eine ganze Menge aushalten, aber irgendwann kippt sie…

Denken wir noch einmal an die Haut. Sie gibt es in einer bunten Vielfalt, nämlich in hell, dunkel, gelb und rot. Und alles, was dazwischen liegt. Und alle sind sie gleich gut, gleich wichtig und zu denselben Fähigkeiten im Stande.

Die Haut als Symbol für Toleranz und Miteinander! In diesem Sinne ein frohes und weniger rohes Jahr!

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1