Vor einem Jahr wurde die Energiezentrale im Kasinogarten eingeweiht, jetzt ist «der grosse Bruder» in Betrieb. 15 000 und 47 000 Megawattstunden Wärme und Kälte können die beiden Werke pro Jahr erzeugen. Zusammen mit der Ausweitung der Versorgung auf den Schachen, der geplanten Energiezentrale Telli und dem Holzwärmeverbund Goldern sollen es bis 2018 100 000 Megawattstunden werden. Das wäre ein Viertel des Wärmebedarfs der ganzen Stadt.

Damit ist die IBAarau – einst vorwiegend Gaslieferantin – eine Pionierin: Nicht wegen der immensen Investitionssumme von 100 Millionen Franken, auch nicht wegen des Fernwärme-/Fernkältenetzes. Solche gibt es schon in verschiedenen Städten. Sondern wegen der Energiequelle, die das Unternehmen anzapft: Ein so grosses Projekt, welches Grundwasser nutzt, gibt es in der Schweiz sonst noch nirgends.

Nicht alle Städte haben diese Möglichkeit, aber Aarau kann die Grundwasserströme der Aare und der Suhre als sehr ökologischen Energieträger nutzen.

Bereits viele Abnehmer

Nun, da beide Zentralen in Betrieb sind, müssen sie genutzt werden. Es sei der IBAarau gelungen, «zahlreiche Unternehmen und Private zu überzeugen», sagte Hans-Kaspar Scherrer in seiner Rede an der gestrigen Einweihung der Energiezentrale Torfeld Süd. Ein Abnehmer der Kälte und Wärme ist das Gastro-Social-Hochhaus und auch die neuen Gebäude des Kantonsspitals an der Herzogstrasse sind laut IBAarau CEO Hans-Kaspar Scherrer angeschlossen. Das Aeschbachquartier im Torfeld Süd soll dereinst ebenso gekühlt und geheizt werden. Noch keinen Bescheid hat die IBAarau vom Kanton für seine Liegenschaften mit dem Zeughaus an der Rohrerstrasse.

Das schlagende Verkaufsargument der IBAarau ist die Kälte. Bestehende Gebäude haben alle schon eine Heizung, doch die Kühlung wird für sanierte Gebäude immer wichtiger: Die Wärme, welche diese Häuser speichern, muss im Sommer reduziert werden.

Wird sich der Mut auszahlen?

Es wird noch einige Jahre dauern, bis sich zeigt, ob die IBAarau mit ihrem Pioniergeist Erfolg hat. Laut Hans-Kaspar Scherrer sollen sich die Investitionen in acht bis zehn Jahren auszahlen. Das Fernwärme-/Fernkältenetz hat eine prognostizierte Lebensdauer von gut 50 Jahren.

So weitermachen wie bisher konnte die IBAarau nicht. Die Aarauer Stimmbürger haben 2012 den Gegenvorschlag zur Initiative Energiestadt Aarau konkret (Esak) angenommen. Demnach soll Aarau bis 2150 eine 2000-Watt-Gesellschaft sein. Das dauert noch. Bis 2020 aber soll der Energieverbrauch um 15 Prozent sinken und der Anteil der fossilen Energie-Träger wie Öl oder Erdgas sowie der Anteil der Treibhausgase soll um 20 Prozent sinken.

Die Energiezentralen sind ein Schritt, um diese Ziele zu erreichen. Es liessen sich damit jährlich bis zu 11 000 Tonnen CO2 oder 3500 Tonnen Heizöl einsparen, rechnet die IBAarau vor.

Es wird eine schwierige Herausforderung, Aaraus Energieziele einzuhalten. Der Bau der Energiezentralen war es auch. Im Torfeld Nord mussten Leitungen unter den SBB-Geleisen durch gelegt werden und es musste mit den Nachbarn über die Nutzung des Grundwassers verhandelt werden. Die Einsprachen dreier Parteien konnten im März 2015 bereinigt werden. Die Beeinflussung der Grundwassertemperatur wird nun überwacht und ausgewertet. Beim Wärmeverbund Kasino gab es einen Streit mit dem Denkmalschutz um den Standort des Doppelkamins der Zentrale im Kasinogarten. Der Kamin steht nun hinter dem benachbarten Kino.

Den gestrigen Tag der offenen Tür nutzten zahlreiche Besucher, um Einblick in die neue Energiezentrale zu erhalten.