Archäologie

Die Grabungen und Funde im westlichen Aargau

Bevor der Beton kam, waren hier die Archäologen in ihrem Element.

Bevor der Beton kam, waren hier die Archäologen in ihrem Element.

Die Zeiten haben sich geändert, aber die Vorlieben der Menschen für bestimmte Wohnlagen nicht. So findet die Kantonsarchäologie bei der Begleitung von modernen Bauprojekten oft Spuren aus verschiedenen Jahrtausenden. Eine Auswahl der neusten Grabungen aus der Region.

Schöftland

Handwerker suchten die Nähe zum Wasser

Bei einer grossen Überbauung mit Tiefgarage hat die Kantonsarchäologie eine Grabung am Benoit-May-Weg durchgeführt. Dass hier etwas im Boden steckt, war anzunehmen. Die archäologische Fundstellenkarte zeigte an, dass sich die Baustelle auf einer Verdachtsfläche befand. In einer Überschwemmungsebene der Suhre fanden die Archäologen Reste einer hoch- bis spätmittelalterlichen Siedlung.

Die Lage am Wasser ist von den Siedlern bewusst gewählt worden, denn es handelte sich um ein Handwerkerviertel. Im Mittelalter wurde hier an der Suhre gearbeitet. «Hinweise auf einen hölzernen Kanal sowie mehrere Mühlsteinfragmente deuten auf eine Nutzung der Wasserkraft für gewerbliche Zwecke», sagt Luisa Galioto, Bereichsleiterin Ausgrabungen bei der Kantonsarchäologie. Von den Häusern, die hier einst standen, konnten die Archäologen nur noch die Pfostenabdrücke im Boden feststellen. Die Archäologen haben auch die Überreste von Gruben gefunden, die als Keller dienten oder als sogenannte Grubenhäuser. Diese waren etwa einen halben bis einen Meter tief, darüber stand ein Holz- oder Fachwerkhäuschen mit einem Strohdach. «Die Grubenhäuser wurden vorwiegend als Werkstatt benutzt», sagt Luisa Galioto.

Weil es in den Grubenhäusern feucht gewesen sein dürfte, wird vermutet, dass sie für die Verarbeitung von Textilien verwendet wurden, da die Feuchtigkeit den gewobenen Stoff weicher macht. Für die Menschen dürfte die Feuchtigkeit eher unangenehm gewesen sein. Im Handwerkerviertel wurde auch gewohnt. Der restliche Teil der Siedlung befand sich auf einer Hochterrasse im Osten – im Trockenen. Wie viele Leute im Handwerkerviertel gewohnt und gearbeitet haben, weiss Galioto nicht. «Dafür wurde die Siedlung zu wenig untersucht», sagt sie. Die Kantonsarchäologie geht jedoch davon aus, dass die Siedlung nur von kurzer Dauer war, da sie nur für den Zeitraum des 11. bis 13. Jahrhundert nachgewiesen werden kann. Über die Gründe, warum sie verlassen wurde, kann ebenfalls nur spekuliert werden. «Vielleicht wurde sie unrentabel», sagt Galioto. Auch im Mittelalter gab es wirtschaftlich gute und schlechte Zeiten. Brandschuttreste zeugen von einem Feuer, das vielleicht dazu führte, dass die Siedlung aufgegeben wurde.

Oberkulm

Was man gegen Grabräuber tun kann

Diese Graburne wurde en bloc aus dem Gräberfeld ausgegraben.

Diese Graburne wurde en bloc aus dem Gräberfeld ausgegraben.

Oft sind es Bauarbeiter, die auf Funde stossen. So geschah es in Oberkulm, wo die Arbeiter bei der Erschliessung eines Ackers eine spätbronzezeitliche Urne gefunden haben. Und da war noch mehr: Die Archäologinnen und Archäologen des Kantons stiessen bei den Grabungen auf ein spätbronzezeitliches Gräberfeld. Das Gräberfeld erstreckte sich auf einer Schotterterrasse am rechten Ufer der Wyna, die aufgrund ihrer Lage hochwassersicher war. Insgesamt acht Graburnen, zwei Brandgruben und eine Feuerstelle wurden bei den Grabungen entdeckt.

Weil sich die Urnen in einem schlechten Zustand befanden und die Archäologen unter Zeitdruck standen, wurden die Gefässe en bloc ausgegraben. «Die Freilegung eines stark fragmentierten Gefässes dauert ziemlich lange», sagt Luisa Galioto. So konnten die 3000 Jahre alten Urnen später von den Restauratoren in den Räumen der Kantonsarchäologie freigelegt und wieder zusammengesetzt werden. Dort ist es vermutlich auch angenehmer zum Arbeiten, als in einem feuchten Acker in Oberkulm? «Uns machen Wind und Wetter kaum etwas aus», sagt Galioto. Unter einer der Urnen wurde eine verbrannte und verbogene Nadel gefunden. Diese wurde extra gekrümmt, um sie für Plünderer unattraktiv zu machen. «Die Grabbeigaben sind vermutlich zusammen mit der Leiche verbrannt worden», sagt Galioto. Zu dieser Zeit war es üblich, den Verstorbenen Grabbeigaben mitzugeben, zum Beispiel Geschirr oder Schmuck.

Ob die Beigaben für das Leben nach dem Tod gedacht waren oder für Grabzeremonien verwendet wurden, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. «Aus dieser Zeit fehlen schriftliche Quellen, die uns Auskünfte über die Bestattungsrituale geben», sagt Galioto. So lässt sich zum Beispiel nicht erklären, warum bei einer Urne ein darin enthaltenes Schälchen verkehrt herum lag und sich offensichtlich von den Schälchen in anderen Gräbern unterscheidet. Weiteres ist unklar: Zu den Gräbern gehört auch eine Siedlung. «Wo Leute starben, da lebten sie auch», sagt Galioto. Wo genau sich diese befand, wissen nur die Äcker.

Gränichen

Eine selten grosse Siedlung

Auch in Gränichen führte die Kantonsarchäologie eine Grossgrabung durch, die 2017 abgeschlossen wurde. Gränichen war schon in der Mittleren Bronzezeit (1600–1300 vor Christus) ein beliebter Wohnort. Auf der Schwemmfläche des Lochbachs befand sich ein Dorf. Damals siedelten die Leute gern an Einmündungen von Bächen ins Haupttal: Da war der Grund schön eben und man konnte bequem das Wasser nutzen.

Die bronzezeitliche Siedlung in Gränichen ist ein seltenes Fundstück, bisher sind in der Schweiz nur wenige Siedlungen solchen Ausmasses bekannt. Eine gefundene Sichel zeugt von der landwirtschaftlichen Tätigkeit der bronzezeitlichen Gränichern.

Buchs

2015 konnte der Südwestbereich des römischen Gutshofs in Buchs untersucht werden.

2015 konnte der Südwestbereich des römischen Gutshofs in Buchs untersucht werden.

Römische Scherben verraten viel

Dass es in Buchs einen römischen Gutshof gegeben hat, wissen die Archäologen seit den 1930er-Jahren. Der Hof wurde vom 1. bis zum 3. Jahrhundert nach Christus genutzt. Während dieser Zeit wurden die Gebäude immer wieder um- und angebaut. Im Jahr 2012 konnte im Rahmen der Bauarbeiten an der Überbauung Keiserpark erstmals der Wirtschaftstrakt im Nordwesten der Gutshofanlage näher untersucht werden. Im Jahr 2015 folge bei einer erneuten Grossüberbauung der Südwestbereich. Neben Überresten verschiedener Wirtschaftsgebäude konnte eine Aufteilung in Innenhöfen mit Umfassungsmauern nachgewiesen werden. Unter den spärlichen Keramikfunden befindet sich eine rotgeflammte Keramikscherbe.

Die besondere Farbe ist typisch für die Keramikproduktion der 11. Legion, die zwischen 70 und 101 nach Christus in Vindonissa stationiert war. «Die Scherbe zeigt, wie gut das Land zu römischer Zeit vernetzt war», sagt Kantonsarchäologin Luisa Galioto. Die römische Keramik sei sehr gut erforscht, sodass zum Teil die Herkunft auch kleinerer Keramikscherben leicht bestimmt werden könne. «Neben Produkten aus grossen Zentren wie dem Legionslager gab es sicher auch verschiedene lokale Töpfereien», sagt Galioto.

Diese wurden vermutlich von Vindonissa, das eine Zentrumsfunktion hatte, geprägt. Der Wirtschaftstrakt des Gutshofes wurde zwischen dem Ende des 2. und dem Anfang des 3. Jahrhunderts nach Christus verlassen. Auch hier hat es gebrannt. Könnte es Brandstiftung gewesen sein? «Schwer zu sagen», meint die Archäologin. Da müsste man die Stelle finden, wo jemand vor 1800 Jahren Feuer gelegt hat.

Muhen

Welchen Zweck hatte die Grube?

Dass sich Siedlungsmuster wiederholen, zeigt auch das Beispiel Muhen: Wo die Überbauung Bächlimatt mit 24 Eigentumswohnungen entsteht, haben schon in der Bronzezeit Menschen gelebt. Die Kantonsarchäologie hat die Bauarbeiten begleitet und ist auf eine zwei auf zwei Meter grosse Grube gestossen. Zunächst wurde sie für eine Feuerstelle oder Gargrube gehalten, als solche wurde sie jedoch nie benutzt. Die Archäologen werden die Baustelle weiter begleiten.

Seengen

Ein Archäologe legt in Seengen ein Grab frei.

Ein Archäologe legt in Seengen ein Grab frei.

Acht Gräber vor der Zerstörung gerettet

An der Unterdorfstrasse in Seengen hat die Kantonsarchäologie eine Grabung durchgeführt und mehrere frühmittelalterliche Gräber gefunden. Dass dort Menschen begraben wurden, war seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Als 2013 eine nicht angemeldete Geländeabtragung durchgeführt wurde, befürchteten die Archäologen, dass die Gräber zerstört würden. Es gelang ihnen jedoch trotzdem, die Bauarbeiten zu begleiten und so wurden acht Gräber freigelegt.

Darin lagen unter anderem ein ungefähr 45- bis 60-jähriger Mann, eine 30- bis 40-jährige Frau und ein 9- bis 12-jähriges Kind. Alle Verstorbenen wurden in gestreckter Rückenlage beerdigt, vermutlich zwischen dem 7. und 8. Jahrhundert. Darauf deutet zum einen das Alter einer Gürtelschnalle hin. Zum anderen die Tatsache, dass die restlichen Verstorbenen ohne Grabbeigaben auf die letzte Reise geschickt wurde, eine Sitte, die in diesem Zeitraum einsetzte. Der mittelalterliche Friedhof ist nicht die erste menschliche Spur an diesem Ort: Auf der nach Südosten gerichteten Terrasse befand sich ein römischer Gutshof, wie gefundene Überreste einer Säule bestätigten.

Lenzburg

Mauern und Böden aber kein Tempel

2018 hat die Kantonsarchäologie die Bauarbeiten des Strassenbauprojekts zum A1-Zubringer begleitet. Der namenlose römische Vicus, der vermutliche eine rituelle Funktion hatte, deckt ein grosses Gebiet im Bereich Lindfeld ab. 1872 fanden die ersten datierten Grabungen statt. Bei den neusten Grabungen, die begleitend zu den Bauarbeiten um den A1-Zubringer stattfanden, stiessen die Archäologen auf Überreste von Häusern und Mörtelböden.

Das Herzstück des Vicus blieb jedoch verborgen - sofern es denn überhaupt existiert. Anders als beim militärisch geprägten Vindonissa vermuten die Archäologen, dass die Siedlung auf dem Lindfeld einen rituellen Charakter hatte und dass irgendwo im Boden noch die Überreste eines Tempels schlummern könnten.

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