54 Prozent aller Niederämter waren laut einer Studie letztes Jahr für ein neues AKW Gösgen. In einer Abstimmung würde das reichen, auch wenn niemand von «guter Akzeptanz» sprechen könnte. Doch das waren Meinungen vor Fukushima.

Jetzt hat der Bundesrat den Ausstieg aus der Atomwirtschaft beschlossen. Wie stehen die Niederämter diesem Entscheid gegenüber? Geplant war eine Umfrage mit Fotos und Namen der Befragten. Doch die Bevölkerung ist zurückhaltend. Man sagt seine Meinung lieber anonym.

Atommüll macht mehr Angst

«Die sollen aufhören, am Ende darf ich mich nicht mal mehr rasieren», sagt ein aufgebrachter Passant in Niedergösgen. Seine Frau beschwichtigt: «Wir sind schon für den Ausstieg, aber nicht so.»

Am Ende der Umfrage sind wohl alle Probleme der Atomthematik genannt: Mehr als die unmittelbare Präsenz des Atomkraftwerks fürchten sich viele vor der Endlagerung. Eine 45-jährige Hausfrau in Niedergösgen sagt: «Als Kind fand ich das AKW unheimlich, so wie jetzt meine Kinder. Als Erwachsene lebt man einfach damit. Angst macht mir die Endlagerung.» Sie befürwortet einen Ausstieg, wenn auch nur zögernd. «Gut wäre es schon, aber am Ende schadet es doch dafür der Natur. Es können sich nicht alle Solarzellen leisten.»

Ein 61-jähriger Schweisser in Dulliken hingegen sorgt sich um die Arbeitsplätze, sollte das AKW dereinst vom Netz gehen. «Sicher nicht», sagt er auf die Frage, ob er für einen Ausstieg sei. «Unsere sind sicher und Erdbeben gibt es auch keine heftigen.»

Frauen dafür, Männer eher nicht

Zuerst macht es also wie erwartet den Anschein, dass die Niedergösger, welche nur wenig vom nahen AKW profitieren, für einen Ausstieg sind – und die Dulliker dagegen. Doch die Front verläuft nicht zwischen Dulliken und Niedergösgen. Sie verläuft zwischen Männern und Frauen.
Eine Niedergösgerin sagt: «Ausnahmsweise bin ich mit dem Bundesrat einmal einig. Wir können nicht weitermachen wir bisher.» Aber zu Hause meide sie das Thema, denn ihr Mann arbeitet bei einem Stromkonzern.

Alle acht befragten Frauen in Niedergösgen und Dulliken sind für einen Ausstieg aus der Atomenergie. Alle Männer sind entweder ganz oder eher dagegen. Der Schweisser in Dulliken wurde in seiner Aussage, hier könne nichts passieren, von der Kioskfrau unterbrochen: «Es kann immer etwas passieren», sagt sie, «auch ohne Erdbeben. Man hat in Japan doch gesehen, was alles schief laufen kann.» «Die Frauen haben immer Angst», sagt der Schweisser und dass, wenn es im AKW halt doch «chlöpft», dann einfach fertig sei.

Rentner betrifft die Frage nicht

Ähnlich fatalistisch sehen es zwei Rentner: «Wenn die AKW vom Netz gehen, sind wir eh nicht mehr da», sagen sie statt einer Antwort auf die Frage, ob sie den Ausstieg befürworten. Eine Rentnerin seufzt jedoch: «Wenn man bloss wüsste, wohin mit dem Atommüll. Nicht dass die kommenden Generationen darunter leiden und wir haben im Überfluss gelebt. E chli spare, da wär ich dafür.» Sie wasche extra nur in der Nacht. «Wenn man so viel Geld für die Forschung nach alternativen Energien ausgegeben hätte, wie für die Atomforschung, wären wir schon weiter.»

Was also sagt die kommende Generation? Die Antwort eines 17-jährigen Dulliker Automechanikers, der mit Sicht auf den Kühlturm ein Auto putzt, ist hoffentlich nicht repräsentativ. Er sagt: «Das Kraftwerk stört mich nicht, es ist mir egal, ich mache mir nie Gedanken darüber. Nein auch jetzt nicht nach Fukushima.»