Suhr
«Die ersten Wochen sind schwierig» – das sagt der Projektleiter zur Mega-Baustelle

Der Strassenbau in Suhr erhitzt die Gemüter – Projektleiter Alex Joss klärt die wichtigsten Fragen.

Katja Schlegel
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Alex Joss, Projektleiter Departement Bau, Verkehr und Umwelt, kann die Verunsicherung von Pendlern und Anwohnern verstehen.

Alex Joss, Projektleiter Departement Bau, Verkehr und Umwelt, kann die Verunsicherung von Pendlern und Anwohnern verstehen.

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Baustelle Suhr

Baustelle Suhr

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Herr Joss, viele Suhrer haben sich erschrocken, als sie letzte Woche realisiert haben, welche Konsequenzen der Strassenbau für ihr Dorf hat. Können Sie das nachvollziehen?

Alex Joss: Die ersten zwei, drei Wochen sind bei jeder Baustelle in dieser Grössenordnung schwierig. Die Pendler und die Anwohner müssen sich an die neue Verkehrssituation gewöhnen, das braucht Zeit. Ich verstehe alle, die sich im ersten Moment ob der Einschränkungen stören.

Aber wir müssen diese Baustelle einfach machen, um den Werterhalt der Kantonsstrasse gewährleisten zu können. Und irgendwie müssen wir bauen. Dass damit nicht alle glücklich sind, begreife ich. Ich hoffe, dass die Kritiker in zwei Jahren glücklich sein werden, wenn alles fertig ist.

Der grösste Leidtragende ist der Fussgänger: Die provisorischen Trottoirs sind stellenweise extrem schmal, die Umwege über die Unterführungen beim «Pfister» und beim Knoten «Kreuz» sehr lang. Warum hat der Fussgänger das Nachsehen?

Nachsehen würde ich das nicht nennen. Wir haben darauf geachtet, dem Fussgänger die grösstmögliche Sicherheit zu geben. Der Automobilist muss im Baustellenbereich auf so viele Dinge achten, dass es zu gefährlichen Situationen führen könnte, wenn auch noch Fussgänger über die Strasse möchten. Das wollen wir vermeiden.

Aber die Umwege sind enorm.

Das ist richtig. Vielleicht muss der Fussgänger fünf Minuten früher aus dem Haus, um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Aber die Sicherheit sollte mehr als die fünf Minuten wert sein.

Warum wird der Autofahrer während der Bauzeit bessergestellt?

Eine Fussgängerverbindung beim Knoten «Bären» würde den Verkehr ausbremsen. Die Folge wären längere Staus. Das wäre sicher nicht im Interesse der Anwohner. Sie sehen, es ist ein ständiges Abwägen von Interessen. Wir sind davon überzeugt, dass kurze Stauzeiten und mehr Sicherheit besser sind als kurze Fusswegverbindungen.

Bezieht man Gewerbetreibende in solche Entscheide mit ein? Für die ist es womöglich überlebenswichtig, wie gut sie zu Fuss erreichbar sind.

Wir haben allen betroffenen Grundeigentümern mehrfach und persönlich die Situation geschildert, letztmals im Herbst. Dabei haben wir sehr viel Goodwill gespürt.

Und wie wurden Pächter oder Mieter informiert?

Unsere Ansprechpersonen sind die Grundeigentümer. Von ihnen erwarten wir, dass sie unsere Pläne ihren Pächtern und Mietern weiterleiten.

Wird der Verkehr dank der gesperrten Fussgängerstreifen besser fliessen als in baustellenfreien Zeiten?

Die Aufhebung dient eher der Kompensation. Der Verkehr fliesst zwar flüssiger, durch den Baustellenbetrieb aber langsamer.

Sie erwarten also, dass sich die Stausituation während der Bauzeit nicht verschärft?

Das ist heute schwierig abzuschätzen. Noch wissen wir nicht, ob und wie sich der Verkehr entwickeln wird. Wir beobachten, ob er sich zum Teil verlagert, sich allenfalls Schleichverkehr entwickelt oder die Pendler auf den öV ausweichen.

Auf dem Knoten «Bären» wurde die Lichtsignalanlage demontiert, der Verkehr wird durch den Verkehrsdienst geregelt. Wie lange wird dieser im Einsatz stehen?

Der Verkehrsdienst wird voraussichtlich vor Ostern durch eine provisorische Lichtsignalanlage ersetzt.

Die bereits gebaute Rechtsabbiegespur entlang des «Suhre-Parks» bleibt gesperrt, obwohl sie die Stausituation vom «Pfister»- Kreisel her entschärfen würde. Warum?

Es nützt nichts, die Spur zu öffnen, solange die Tramstrasse nicht ausgebaut ist. Wir würden das Stauproblem lediglich von der Bernstrasse auf die Tramstrasse verlagern. Und ein Stau auf der Bernstrasse ist weniger schlimm, als wenn die Autos auf der Tramstrasse noch den Knoten «Bären» verstopfen würden.

Wann tritt das Linkabbiegeverbot am Kreisel «Kreuz» in Kraft?

Das kommt darauf an, ob Einsprachen eingehen oder nicht. Im optimalen Fall kommt es im Mai.

Erklären Sie noch einmal, was die Überlegung hinter dem Verbot ist.

Es gibt zwei Punkte, die Sicherheit und die Zeit. Beim Thema Sicherheit müssen wir die SBB berücksichtigen, die die Gränicherstrasse kreuzt. Hier müssen wir gewährleisten, dass keine wartende Kolonne den Bahnübergang blockiert. Und zum Thema Zeit: Wenn wir auf der Kreuzung eine Phase für die Linksabbieger einschalten müssen, beeinträchtigt das die Leistungsfähigkeit des Knotens.

Verkehrszählungen haben gezeigt, dass wir wenig Verkehr haben, der links abbiegt. Die Autofahrer weichen bereits heute über die Ringstrasse aus. Weil diese mit einem Lastwagenfahrverbot belegt ist, müssen die Lastwagen den Knoten via Pfister-Kreisel umfahren. Ein Umweg, aber ein zumutbarer.

Der Fuhrhalter, dessen Chauffeure den Umweg fahren müssen, sieht das sicher anders.

Betrachten wir die nackten Zahlen: Betroffen von der Umleitung sind 150 bis 200 Lastwagen pro Tag. Der Umweg beträgt zwei Mal rund 400 Meter; gefahren mit 30 Stundenkilometern gibt das eine Verzögerung von weniger als zwei Minuten.

Selbst wenn der Chauffeur auf der Bernstrasse warten muss, zählt das nicht, denn ein Stau verzögert auch den Phasenablauf beim Linksabbieger. Er steht also an beiden Orten im Stau. Es ist also ein zumutbarer Umweg. Und einer, der mehr Sicherheit garantiert und vor allem auch eine kürzere Bauzeit.

Wie wirkt sich denn das Linksabbiegeverbot auf die Bauzeit aus?

Dank all der einschränkenden Massnahmen können wir die Bauzeit von zweieinhalb Jahren auf eineinhalb Jahre reduzieren. Die Einschränkungen führen also letztlich dazu, dass wir die Bauzeit um ein Jahr reduzieren können.

Was, wenn eine Einsprache das Linksabbiegeverbot verhindert?

Wenn wir die Spur sperren können und alles optimal läuft, ist der Kreisel im November fertig. Das Linksabbiegeverbot würde also nur für ein halbes Jahr gelten. Sollte es eine Einsprache geben, würde sich die Bauzeit um mehrere Monate verlängern. Damit ist niemandem gedient.

In Zürich werden derartige Baustellen im Zwei-Schicht-Betrieb und an sieben Tagen die Woche durchgezogen; logischerweise mit einer Vollsperrung. Warum hat man in Suhr auf eine solche Lösung verzichtet?

Wir haben eine Vollsperrung geprüft. Nachdem wir aber die Bauzeit von zweieinhalb auf eineinhalb Jahre reduzieren konnten, schied die Variante aus. Zum einen wollten wir vermeiden, dass Leute nachts arbeiten müssen, beziehungsweise die Anwohner nachts gestört werden. Weiter hätten wir Nachtfahrgenehmigungen für Lastwagen gebraucht.

Und ausserdem hätte eine Vollsperrung der Tramstrasse unter anderem bedeutet, den gesamten Verkehr über die Bachstrasse zu leiten. Das wiederum hätte bedeutet, die Suhre-Brücken verstärken zu müssen, damit sie 40-Tönner tragen können. Zusammengefasst lässt sich sagen: Der Aufwand für eine Vollsperrung war zu gross, der Nutzen zu gering.

Wie gross wäre die Zeitersparnis bei einer Vollsperrung gewesen?

Höchstes ein halbes Jahr. Gewisse Arbeiten dauern einfach ihre Zeit, ob nun mit oder ohne Vollsperrung.

Was passiert nun in den nächsten Wochen?

Auf der Tramstrasse werden die ersten Arbeiten erledigt. Entlang der Bernstrasse zwischen «Kreuz» und «Bären» wird die Baustelle eingerichtet und auf den beiden Knoten werden die provisorischen Lichtsignalanlagen montiert. Bis die Anlage beim «Kreuz» eingerichtet ist, gibt es auch da einen Verkehrsdienst.

Warum richten Sie die Baustelle jeweils auf der gesamten Strassenlänge ein und nicht Abschnitt für Abschnitt?

Wir wollen die Verkehrssituation nicht tagtäglich ändern, sondern ein Verkehrsregime aus Sicherheitsgründen möglichst lange beibehalten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier; wenn sich eine Strassensituation ständig ändert, erhöht das das Unfallrisiko.

Das heisst: Die Situation auf der Tramstrasse bleibt das nächste halbe Jahr so, wie sie heute ist.

Genau.

Wann wird es für den Autofahrer am schwierigsten, durch Suhr zu kommen?

Es ist nie schwierig. Während der ersten Wochen ist es höchstens anspruchsvoller, bis sich alle an die Baustelle gewöhnt haben. Wir achten immer darauf, das Maximum an Sicherheit herauszuholen – nicht nur für die Verkehrsteilnehmer, sondern auch für die Bauarbeiter. Eine Baustelle birgt immer gewisse Gefahren, egal ob auf einer Autobahn oder auf einer Gemeindestrasse.

Baustellen mit einer so hohen Verkehrsbelastung gibt es im Kanton aber relativ wenige.

Das stimmt, aber wir haben gesetzliche Richtlinien zur Signalisation, die wir einhalten. Ob nun pro Tag 25 000 Fahrzeuge durch die Baustelle fahren oder 200, spielt keine Rolle.