Militär
Die erste Aarauer Kaserne war eine «Flohhütte»

Das «Feldgrau» verschwindet nach rund 200 Jahren aus dem Aarauer Stadtbild. In unserem zweiten Teil der Serie werfen wir einen Blick zurück in eine Zeit, als der Kanton Aargau erst wenige Jahre bestand.

Hermann Rauber
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Ansicht der neuen Kaserne in Aarau. Die kolorierte Lithographie enstand etwa im Jahr 1849.

Ansicht der neuen Kaserne in Aarau. Die kolorierte Lithographie enstand etwa im Jahr 1849.

Staatsarchiv AG

Aarau hat eine mehr als zweihundert Jahre alte Tradition als Garnisonsstadt und Waffenplatz. Als Aarau kurzzeitig erste Hauptstadt der Helvetik wurde, quartierte man 1798 Hals über Kopf Truppen im einstigen Salzhaus am Schlossplatz ein. Die Unterkunft war mehr als bescheiden und erhielt von den Bewohnern wenig schmeichelhaft die Bezeichnung «Wanzenburg» oder «Flohhütte».

Der 1803 gegründete Aargau hatte andere Sorgen als den Bau militärischer Kantonnemente, obwohl in Aarau kantonale Truppen der Infanterie, Artillerie und Kavallerie ausgebildet wurden. Es dauerte bis 1845, ehe der Grosse Rat einen Kredit für die heute noch bestehende Kaserne bewilligte. Nicht ganz ungeschoren davon kam die Kantonshauptstadt, musste sie sich doch an den Kosten für die neue Kaserne und den Exerzierplatz im Schachen mit 16'000 Franken beteiligen, das benötigte Gemeindeland unentgeltlich abtreten und darüber hinaus laut der Historikerin Margareta Edlin «eine beachtliche Menge an Baumaterial liefern».

Andrea-Falco Ehrat (23), Zimmermann, Zürich, 43. RS-Woche, Gefreiter «Die heutige RS ist verweichlicht. Schuld daran ist das neue Armee-Konzept. Im Gegensatz zu uns geniessen die neuen Rekruten jetzt eine Schoggi-RS. Sie müssen immer weniger leisten und werden geschont, wenn es Mal irgendwo zwickt. So macht das keinen Sinn. Dann habe ich lieber Berufssoldaten. Dass man die Schikane reduziert, sehe ich ein. Aber wenn man bei einem Vergehen wie zum Beispiel Rauchen im Zimmer nicht adäquat bestraft wird, sehe ich Disziplinprobleme.»
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Marco Manser (20), Metallbauer, Appenzell (AI), 9. RS-Woche, Rekrut «Als Amateur-Schlagzeuger profitiere ich extrem von der Ausbildung bei der Militärmusik. Das ist das einzige Schlaue, was man im Militär machen kann. So nehme ich aus der Militärzeit immerhin etwas Sinnvolles mit nach Hause. Die Ausbildung ist fast mit einem Semester auf der Musikhochschule zu vergleichen. Um mit dem Schlagzeugspiel Geld zu verdienen, bin ich zu schlecht. Im Militär tue ich quasi genau das.»
Samuel Schwizer (19), Zimmermann, Häggenschwil (SG), 23. RS-Woche, Soldat «Ich liebe es, den Aarauer Frauen hinterherzuschauen. Hier laufen so viele Schönheiten durch die Stadt. Das bin ich von zu Hause nicht gewohnt.»
Andreas Fritsche (20), Landwirt, Montlingen (SG), 23. RS-Woche, Soldat «Mein schönstes Erlebnis hier? Das Fahren eines ‹Saurer- Lastwagens›. Der war 35 Jahre alt, geschalten und hat noch richtig schön geraucht. Als Militärfahrer freut mich das. Auch die Meter-Pizza in ‹La Caverna› ist immer wieder ein Highlight. In Aarau kann man sich gut überfressen.»
Robin Dähler (21), Automechaniker, Winterthur (ZH), 41. RS-Woche, Wachtmeister «Wenn du als Wachtmeister vorgeschlagen wirst, kann man das nicht ablehnen. Ich habe mich schnell damit abgefunden, dass die RS nun länger dauert. Am 22. Dezember bin ich aber endlich fertig. Dann kann ich wieder praktisch arbeiten und den Bürostuhl ein für alle Mal ad acta legen.»
Samuel Luthiger (20), Polymechaniker, Hünenberg (ZG), 7. RS-Woche, Rekrut «Ich verfluche unsere Vorgesetzten dafür, dass sie immer, nachdem wir am Abend zuvor Ausgang hatten, Morgensport ansetzen. Dann haben wir um 5:30 Uhr anzutanzen und müssen eine halbe Stunde joggen. Immerhin ohne Gepäck.»

Andrea-Falco Ehrat (23), Zimmermann, Zürich, 43. RS-Woche, Gefreiter «Die heutige RS ist verweichlicht. Schuld daran ist das neue Armee-Konzept. Im Gegensatz zu uns geniessen die neuen Rekruten jetzt eine Schoggi-RS. Sie müssen immer weniger leisten und werden geschont, wenn es Mal irgendwo zwickt. So macht das keinen Sinn. Dann habe ich lieber Berufssoldaten. Dass man die Schikane reduziert, sehe ich ein. Aber wenn man bei einem Vergehen wie zum Beispiel Rauchen im Zimmer nicht adäquat bestraft wird, sehe ich Disziplinprobleme.»

Jakob Weber

RS dauerte nur fünf Wochen

Bezugsbereit war das neue militärische Quartier im östlichen Bereich des einstigen Fleinergutes an der Laurenzenvorstadt im Herbst 1849, das Raumkonzept bot Platz für rund 1000 Mann und 100 Pferde. Die erste Dragoner-Rekrutenschule, die damals noch bescheidene fünf Wochen dauerte, begann in Aarau 1850. Damit konnte man auch das seit 1818 bestehende Zeughaus (heute General-Herzog-Haus), einen ehemaligen Kornspeicher aus der späten Bernerzeit, in die Truppen-Infrastruktur integrieren. Heute hat auf dem Platz davor das Schützen-Denkmal von 1924 einen neuen Standort gefunden. Mit der Zeit entstand so eine «Stadt in der Stadt» mit geringer «Durchlässigkeit».

Münchner «Rundbogenstil»

Kasernen sind im Innern als reine Zweckbauten konzipiert, präsentieren sich nach Aussen aber mit stilistischen Zugaben. Der lang gestreckte, symmetrische Bau in Aarau im Münchner «Rundbogenstil» zählt laut Irma Noseda «zu den hervorragenden Militärbauten» der Epoche um 1850.

Der Badener Architekt Caspar Joseph Jeuch hat seine Ausbildung unter anderem in der bayerischen Metropole absolviert und eine Vorliebe für die sogenannte Florentiner Renaissance entwickelt.

Dieser Stil, der sich «für den majestätisch-wehrhaften Ausdruck einer Kaserne besonders eignet», wurde bereits 1840 für das Zeughaus in St. Gallen verwendet. Die Fassade und der Vorplatz gegen die grosszügige Chaussée der Laurenzenvorstadt bildeten noch bis in die jüngere Zeit häufig die Kulisse für militärische Paraden und Feierlichkeiten. (HR)

Geschossen und exerziert wurde von Anfang an im Schachen, ab 1882 auch im Raum Gehren zwischen Küttigen und Erlinsbach. Mindestens bis zum Inkrafttreten der neuen Militärorganisation von 1874 rentierte der Waffenplatz im Schachen, zahlte doch der Bund jährlich rund 4500 Franken für das gepachtete Land. Der stete Ausbau der Militäranlagen war aber auch ein Segen für Handel und Gewerbe in Aarau. Allein die Metzgereien durften im 19. Jahrhundert dank den krisensicheren Fleischlieferungen mit einem Mehrverdienst im fünfstelligen Bereich rechnen.

Mit der Militärreform im Bundesstaat von 1848 erhielt Aarau 1850 den Zuschlag als einer der eidgenössischen Ausbildungsplätze für die Kavallerie. Das führte zum Bau einer Reithalle, die heute noch steht und seit Jahren kulturellen Zwecken dient, und bewirkte eine erste Erweiterung der Kasernenanlage. Etwas Luft gab es erst 1872, als Aarau als Standort für die Artillerie ausgedient hatte. Von dieser Vergangenheit zeugen noch heute Zierkanonen auf dem Dachsims der alten Infanteriekaserne. In die Lücke sprang die 5. Armeedivision, die ab 1876 ihr Hauptquartier im Aarauer Kasernenareal hatte, was erneut zu baulichen Massnahmen führte. Im gleichen Jahr erfolgte die «Beförderung» zum Hauptwaffenplatz für die Ausbildung der Dragoner. 1904 kamen das neobarocke Offiziershaus (heute Kompetenzzentrum Militärmusik) und 1938 schliesslich neben der alten eine neue Kavalleriekaserne hinzu.

Areal gehört Kanton und Bund

Eigentümer des Areals war und ist bis heute zur Hauptsache der Kanton Aargau, zu einem kleineren Teil der Bund. Nach der Aufhebung der Kavallerie 1972 stand der Armeestandort Aarau zur Diskussion. Erste zaghafte Ideen und Visionen für eine zivile Nutzung im südlichen Teil des Kasernenareals erstarben aber bald wieder. Denn der Aargau wollte «seine» Garnison unbedingt erhalten und sanierte die Kaserne in der Hauptstadt ab 1980 umfassend. Verbunden damit waren der Abbruch alter Gebäude (etwa der ehemaligen Militär-Kantine von 1849) und der Bau einer modernen Infrastruktur, zum Beispiel einer Mehrzweckhalle. Teile der nach 1972 frei gewordenen Kapazitäten dienten überdies dem Kanton nun als willkommene Platzreserve für die wachsende Verwaltung und für Engpässe beim Schulraum.

2002 wurde die traditionelle Infanterie-RS durch Durchdiener abgelöst, doch am 20. September dieses Jahres werden die jungen Füsiliere ganz aus dem Stadtbild verschwinden. Gehalten werden konnte das Militärspiel. «Feldgrau» war also während zwei Jahrhunderten sichtbarer Bestandteil des öffentlichen Lebens in Aarau, ritten doch die Dragoner jeweils durch die Strassen oder Gassen zu einer Übung und kreuzten dabei das Rekrutenspiel, das flott musizierend vom Schachen in die Kaserne zurückkehrte. Tempi passati!