Eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Unternehmers ist es, die vielen Entwicklungen seiner Branche zu analysieren und zu entscheiden, was lediglich ein kurzer Trend ist und was wirklich Zukunft hat. Auf Neuerungen mit wirklicher Zukunftsperspektive sollte man dann mutig setzen und sie mitgestalten, wenn man nicht abgehängt werden möchte. Wir leben in Zeiten des rasend schnellen Wandels, ganze Branchen ändern sich innerhalb kürzester Zeit oder verschwinden gar. Ganz aktuell erleben wir, wie die Kassiererinnen im Supermarkt vielleicht nicht abgeschafft, aber zumindest stark dezimiert werden. Vor drei Jahren ist es mir in London bereits aufgefallen, dass die Kassen ohne Personal funktionieren und nun sehe ich diese Entwicklung auch hier bei Coop und Migros.

Auch die Medizin wird sich wandeln. In meinem Fachgebiet, der Dermatologie, wären Algorithmen bereits jetzt schon so weit, Hauterkrankungen genauer und präziser zu erkennen, als ein Dermatologe es tut. Ein erster Vorbote ist der bei uns in Lenzburg bereits eingesetzte Fullbody-Scan, der mit einer 96-prozentigen Genauigkeit Muttermale in unbedenklich und kritisch unterteilen kann sowie bei den jährlichen Verlaufskontrollen Veränderungen an den einzelnen Muttermalen hochpräzise erkennt.

Aktuell beschäftige ich mich mit einem Projekt, das eine Sofortkommunikation via Video zwischen Hausarzt und Facharzt, zwischen Apotheke und Arzt sowie zwischen Arzt und Patient möglich macht. Auf diese Art können Bagatellen unmittelbar geklärt werden, Rezepte werden via App elektronisch versendet. Mit dieser Video-Kommunikation muss der Hausarzt die betagte Dame mit dem auffälligen Pigmentfleck nicht via schriftliche Zuweisung zum Dermatologen senden, wo es erst in Wochen einen Termin gibt, sondern schaltet sich in Echtzeit zum Fachkollegen und klärt den Fleck ad hoc mit den modernen Möglichkeiten der Bildgebung ab. Eine eventuell nötige OP könnte im Anschluss direkt terminiert werden.

Die Notfallambulanzen können entlastet werden, da jeder potenzielle Notfallpatient vorderhand via Video triagiert wird; ich vermute, dass auf diesem Wege vielleicht schon 70 Prozent der Notfallpatienten geholfen werden kann. In der Dermatologie wäre diese Technik auch ausgezeichnet in der Arzt-Patienten-Kommunikation einsetzbar. Der Patient kann seinen Sonnenbrand an der Costa Brava via Videocall dem Dermatologen zeigen, die besorgte Mutter kann die Verbrennung des Kindes unmittelbar abklären, das neu entdeckte Muttermal kann sofort beurteilt werden und man muss nicht Wochen auf einen Termin warten. Der sich zuspitzende Hausarztmangel auf dem Land könnte zumindest teilweise mit den modernen Möglichkeiten der Digitalisierung abgefangen werden.

Firmen, die ganze Montagemannschaften in Afrika im Einsatz haben, könnten eine ärztliche Basisabklärung via App direkt in der Schweiz durchführen lassen. Auch ausserhalb der Dermatologie kommen immer mehr Applikationen zum Einsatz. Uhren oder Armbänder könnten EKGs ableiten, bald wird vermutlich der Blutzucker auf diesem Wege messbar sein und viele andere Werte. Ich verstehe, dass diese Entwicklung nicht jedem gefällt und dem einen oder anderen Angst macht. Viele tun sich schwer mit der Vorstellung, dass gewisse Abklärungen in Zukunft nicht mehr von Angesicht zu Angesicht mit dem Arzt persönlich erfolgen, sondern gegebenenfalls via Video-App. Auch muss man natürlich festhalten, dass diese Möglichkeiten ihre Grenzen haben.

Zunächst einmal gibt es gar nicht genug Dermatolog(inn)en um diesen Service zu bieten. Wir bei Skinmed hätten aktuell höchstens die Möglichkeit, diesen Service für unsere ärztlichen Zuweiser zu bieten und das auch mit Einschränkungen. Für die Diagnose vieler Hautkrankheiten braucht es Untersuchungen, Probebiopsien, Abstriche oder auch einen haptischen Eindruck; Operationen müssen nach wie vor selbstredend im OP beim Arzt durchgeführt werden. Sicher muss man diese Entwicklung auch sehr kritisch und genau beobachten und die richtigen Rahmenbedingungen setzen. Aber dann kann es eine enorme Erleichterung sein und uns im ärztlichen Alltag in vielerlei Hinsicht helfen. Es kann zudem einen substanziellen Beitrag zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung im Gesundheitswesen leisten.

Neues darf keine Bedrohung sein oder gar bekämpft werden – auch wenn es dem einen oder anderen zu schnell geht oder Angst macht. Neues und Zukunftsentwicklungen, Innovationen und Trends sind immer in erster Linie Chancen. Viele Entwicklungen sind sogar unvermeidlich. Sie werden kommen, egal wie wir persönlich dazu stehen. So wird auch die Digitalisierung in der Medizin Einzug nehmen – so viel ist sicher. Also lassen wir uns auf die Zukunft ein und gestalten sie mit – ohne dabei nicht auch kritisch zu bleiben und sich immer wieder zu hinterfragen.

*Der Autor Dr. Felix Bertram (44) ist ärztlicher Leiter und Inhaber von Skinmed, dem Zentrum für Dermatologie und plastische Chirurgie in Aarau. Er lebt im Raum Lenzburg.