Aarau
Die Busse unterbrechen in der Aarauer Altstadt das Piazza-Gefühl

Die Aarauer Altstadt ist herrlich gemütlich. Gerade deswegen sorgen die Busse immer wieder für Schreckmomente. Täglich kann man beobachten, wie Passanten im letzten Moment dem Bus ausweichen. Ein Ärgernis auch für die Buschauffeure.

Josua Bieler
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Enge Situation für die Chauffeure der Busbetriebe Aarau am oberen Ende des Zollrains.

Enge Situation für die Chauffeure der Busbetriebe Aarau am oberen Ende des Zollrains.

Emanuel Per Freudiger

Das war knapp. Drei Touristinnen hatten das «aarau info-Gebäude» verlassen und sich auf den Weg in die Altstadt gemacht, als sie vom Bus überrascht wurden, der vom Graben in die Altstadt einbog.

Die drei Frauen konnten gerade noch zur Seite springen. «Wir haben beim Verkehrsbüro gerade erfahren, die Altstadt sei verkehrsfrei, scheinbar ist sie das doch nicht», sagte eine der Frauen kurz nach dem Schreckmoment.

Die drei Touristinnen sind längst nicht die Einzigen, die in der Aarauer Altstadt vom Bus erschreckt werden. Täglich kann man beobachten, wie Passanten im letzten Moment dem Bus ausweichen.

Die Verkehrslage in der Aarauer Altstadt ist unberechenbar. Die Busse fahren im 15-Minuten-Takt und zu Stosszeiten gar im 7-Minuten-Takt durch die Altstadt nach Küttigen, Erlinsbach und Biberstein.

Trügerischer Freiraum

Seit März 2006 ist die Aarauer Altstadt autofrei, Fussgängerstreifen und Ampeln wurden entfernt. Dann wurden die Gassen neu gestaltet. Seit drei Jahren ist die Altstadt im Sommer immer beliebter und belebter.

Samstags und abends herrscht Betrieb wie auf einer italienischen Piazza. Gerade dieses trügerische Piazza-Gefühl ist das Gefährliche.

Denn verkehrsfrei ist die Alstadt nicht. Eine junge Mutter aus Aarau, die täglich durch die Altstadt spaziert, schildert die Lage so: «Überall stehen Stühle und Tische, sie laden zum Verweilen ein. Man kann sich frei bewegen und die Strassen queren. Doch dann kommt plötzlich der Bus.»

Die Busse sind zudem sehr leise. Einerseits, weil sie nur langsam über das Kopfsteinpflaster rollen, andererseits, weil es teilweise Hybridbusse sind.

Ausserdem kann man den Bus nicht von Weitem sehen: Die Gassen in der Altstadt sind so verwinkelt, dass der Bus aus der Sicht eines Spaziergängers plötzlich in einer Ecke auftaucht. Seit die Autos weg sind, wird über die Busse diskutiert.

Herausforderung für Busfahrer

Für die Busfahrer ist die Fahrt durch die Altstadt Präzisionsarbeit. «Die Altstadt ist neben dem Bahnhof das heikelste Gebiet, das ich befahre», sagt ein Chauffeur auf der Fahrt nach Erlinsbach.

Nirgends fahre er so langsam wie in der Altstadt, meist zwischen fünf und zehn Kilometern pro Stunde. Praktisch still stehe der Bus am Samstagabend, wenn die meisten Leute in der Altstadt seien. «Lieber einige Minuten zu spät sein als ein Unfall verursachen», sagt er.

Bei der Fahrt durch die Altstadt muss der Buschauffeur auf alles gefasst sein. Nicht nur Spaziergänger können plötzlich auftauchen, sondern auch Lieferwagen und Privatautos. «Ich muss bei jeder schmalen Gasse den Rechtsvortritt beachten«, sagt der Busfahrer. Am Morgen würden die Lieferwagen die Durchfahrt erschweren.

Die vielleicht gefährlichste Stelle befinde sich beim Rathaus. Dort fahren die Busse von der Kettenbrücke hinauf in die Altstadt. Bei Rathaus schneiden entgegenkommende Velofahrer oft die Kurve und sehen den Bus erst spät.

Altstadt ist besser erschlossen

Schwere Unfälle sind bis jetzt noch nicht passiert. Doch für Passanten und Busfahrer bleibt die Verkehrslage in der Altstadt unangenehm.

Solange die Busse durchfahren gibt es keine Verbesserung der Situation. Mehr Zeit für die Fahrt durch die Altstadt ist laut Erwin Rosenast, Mediensprecher von AAR bus+bahn, nicht nötig:

«Dort ist für die Buschauffeure grundsätzlich genug Zeit eingerechnet.» Dass die Passanten von den Bussen überrascht werden, ist Rosenast bekannt: «Die Hybridbusse hört man tatsächlich kaum.» Doch er weist auf die Vorteile dieser Busse hin: «Die Anwohner und die Umwelt profitieren davon.»

Kurt Schneider, Leiter Stadtentwicklung in Aarau, bemerkt, dass in der ganzen Altstadt Tempo 20 gelte und so die Gefahr vor Unfällen reduziert werde.

Dass die Busse durch die Altstadt fahren, sei das Resultat einer Interessenabwägung: «Die Busse weichen so potenziellen Rückstaustellen aus und sind dadurch pünktlich und direkter unterwegs.» Daraus würden leider Qualitätseinbussen für die Besucher und Bewohner der Altstadt resultieren.

Dass die Busse durch die Altstadt fahren, bringe aber auch einen Vorteil: «Die Altstadt ist gut erschlossen und das wirkt sich positiv auf die Besucherfrequenz in den Läden und Restaurants aus.»