Wären die Deutschen vor 200 Jahren nicht hier gewesen – Aarau sähe heute anders aus. Zschokke, Oehler, Sauerländer, Herosé, Gottschalk, Bronner – alles Deutsche. Hierher flüchteten so viele, dass die europäischen Mächte eine Verschwörung witterten und Spitzel herschickten, um allfällige Komplotte aufzudecken. Viele dieser deutschen Flüchtlinge spielten eine grosse Rolle in der Stadtgeschichte. An der Kantonsschule unterrichteten mehrheitlich Deutsche. Und selbst Aaraus erster Stadtammann David Frey (vor 1803 nannten sich die Stadtväter Schultheiss) war ein Deutscher. Auf ihn folgte sein älterer Bruder Friedrich Frey.

Die Schwiegermutter war Schuld

Die Gebrüder Frey gehören zu den politischen und wirtschaftlichen Aufsteigern der Revolutionsjahre. Sie manövrierten die Stadt durch die unruhigen Jahre der Helvetik und insbesondere das «Jahr ohne Sommer», das Hungerjahr 1816. Stadtammann Friedrich Frey hörte sich die Klagen aus der Bevölkerung an, entschied mit dem Rat über die Gesuche nach mehr Holz, Öl und Steuererlasse, Bruder David sass derweil im Grossen Rat des frisch gebildeten Kantons.

Doch nicht nur das: Ohne die Brüder Frey hätte Aarau 1798 kein «Bundeshaus» gehabt und ab 1803 keine Mädchenschule. Ohne sie würde es die Schoggi Frey nicht gegeben. Und der Kanton Aargau hätte 1848 mit Friedrich Frey-Herosé nicht seinen ersten Bundesrat feiern können. Dabei war es im Grunde genommen bloss eine Schwiegermutter mit Prinzipien, die verantwortlich dafür war, dass die beiden nach Aarau kamen und hier Bürger wurden.

Brüder heiraten Schwestern

Friedrich und David Frey stammten aus Lindau am Bodensee. Nach seiner Lehrzeit kam Friedrich nach Zurzach, wo er im «Kaufhaus zum Salmen» der Witwe Deppeler als Geschäftsführer angestellt wurde. Er mauserte sich nicht nur zum unverzichtbaren Mitarbeiter, sondern gewann 1773 auch das Herz von Tochter Elisabeth. Eine Hochzeit war der Witwe Deppeler recht, doch wünschte sie sich, dass ihr Schwiegersohn im Lande Bürger werde.

Friedrich bewarb sich also in Zurzach um das Bürgerrecht – doch der Flecken wollte ihn nicht. Man habe bereits genug reformierte Bürger, beschied der Rat. Also fragte er in Zofingen an. Doch die Zofinger wollten ihre reichen Holzvorräte nicht durch weitere Bürger schmälern lassen. Und so probierte es Friedrich in Aarau.

Aarau öffnet die Stadttore gern

Anders als andere Städte sträubte sich Aarau nicht gegen Neuaufnahmen ins Bürgerrecht. Vor allem reichen Kaufleuten öffnete man die Stadttore gern. Schliesslich mussten die Leute für das Bürgerrecht tief in die Tasche greifen; einmal für die Einkaufssumme von 2000 Gulden, dazu jedem Behördenmitglied und Weibel 4 Gulden, dazu die Militärsteuer, das Wachtgeld und die Vermögenssteuer. Die Einkaufssumme wurde dem Waisenhausfonds zuerkannt.

Später ging Aarau sogar dazu über, seine Ortsbürgerschaft zu verschenken, wie der «Schweizer Republikaner» im April 1802 vermeldet: Die Bürgerschaft der Stadt Aarau habe beschlossen, ihr Ortsbürgerrecht «allen denen, welche sich in Aarau niederlassen, ein Haus kaufen und nützliches Gewerbe treiben wollen, unentgeltlich» zu übergeben. «Das ist umso merkwürdiger, da Aarau sehr reich an Gemeindegütern ist», hält der Autor verwundert fest.

Die Nachricht aus «Der Schweizerische Republikaner» im April 1802 über die verschenkte Aarauer Ortsbürgerschaft.

Die Nachricht aus «Der Schweizerische Republikaner» im April 1802 über die verschenkte Aarauer Ortsbürgerschaft.

Friedrich jedenfalls musste die Einkaufssumme und anderen Steuern noch berappen und sich ausserdem dazu verpflichten, in Aarau keine fremden Messer zu verkaufen, da es hier bereits 35 Messerschmiedemeister gab, und das Haushaltswarengeschäft so zu führen, damit die alteingesessenen Bürger und ihre Geschäfte nicht geschädigt würden. Nach seiner Niederlassung in Aarau 1774 erteilte der Stadtrat Friedrich die Erlaubnis, Elisabeth Deppeler zu heiraten. Die beiden wohnten am Graben, mit Blick auf die Hirsche, die im Stadtgraben ästen.

Ein stattliches Haus muss her

David Frey kam hierher, um ihm beim Umzug des Quincaillerie-Geschäfts von Zurzach nach Aarau zu helfen. Er bewarb sich 1779 um das Bürgerrecht und heiratete die Schwester von Friedrichs Frau, Anna Maria. Die beiden wohnten erst an der Kronengasse und später an der Siechenstrasse (heute Bahnhofstrasse).

In den Achtzigerjahren erweiterten die Brüder ihr Geschäft mit Knöpfen, Schnallen, Messern und Uhren um den einträglichen Textilhandel und besuchten regelmässig Messen in Nah und Fern. Gemäss den Steuerregistern der Stadt florierte das Geschäft, die Brüder stiegen wirtschaftlich und gesellschaftlich auf.

Friedrich kaufte sich eines der schönsten Häuser, den «Schlossgarten» vor dem Laurenzentor – das Haus, das im April 1798 zum ersten «Bundeshaus» der Schweiz wurde: Als Aarau im April überraschend zur Landeshauptstadt der Helvetik wurde, musste dringend ein stattliches Haus für die Unterbringung der Behörden- und Verwaltungsmitglieder her. Friedrich verkaufte der Stadt den «Schlossgarten» für wenig Geld.

Die französische Revolution stellte alles auf den Kopf

Eigentlich war, wer eingebürgert worden war, von sämtlichen Ämtern der Stadt ausgeschlossen. So war es Brauch; erst die Nachkommen der Brüder Frey hätten ein solches Amt ausüben dürfen. Doch die Französische Revolution stellte alles auf den Kopf. Bereits zu Beginn der Helvetik 1798 wurde David Frey Stadtrat und zum Sekelmeister von Aarau und ein Jahr später zum Kantonsunterstatthalter ernannt.

David engagierte sich im Erziehungsrat, war 1802 einer der Gründer der Kantonsschule und reichte 1803 den Vorschlag zur Errichtung einer Mädchenschule ein. Im August 1803 wurde David zum Stadtammann von Aarau gewählt. Das blieb er fünf Jahre lang, in der Zeit, in der sich der junge, aus verschiedenen Herrschaftsgebieten zusammengefügte Kanton festigen und Aarau sich zur Hauptstadt mausern musste. 1808 wurde David Frey in den Grossen Rat gewählt, 1813 Friedrich.

Tödlicher Sturz vom Pferd

Das Amt des Stadtammanns ging von David an Friedrich über. Dieser blieb bis zu seinem Tod im September 1818 im Amt. Es war das Übergewicht, das dem stolzen Offizier zum Verhängnis wurde. Friedrich Frey-Herosé (Sohn von Friedrichs erstem Sohn Daniel) schreibt über seinen Grossvater: «Er war ein schöner, kräftiger Mann, in späteren Jahren zur Wohlbeleibtheit geneigt. Um diese zu bekämpfen, blieb der alte Dragoneroffizier ein eifriger Reiter. Anfangs Herbstmonat 1818 stürzte das sonst gut dressierte Pferd unter dem schweren Mann und dieser trug in der Leistengegend eine gefährliche Verletzung davon, an welcher er am 21. desselben Monats, tief betrauert, starb.» David führte das gemeinsame Unternehmen als Kolonialwarenhandel weiter. Er starb 1827.

Friedrichs Sohn Daniel gründete die chemische Fabrik in der Telli. Dessen Sohn, Friedrich Frey-Herosé, Chemiker und späterer Bundesrat und Bundespräsident, erbaute 1836 die mechanische Baumwollspinnerei in der Telli, in der später die Schokoladefabrik der Brüder Robert und Max Frey eingerichtet wurde. Noch heute findet sich im Logo der Chocolat Frey das Einhorn – das Familienwappen der Freys aus Lindau.

Quellen: «Die Frey von Aarau, 1773 – 1949» von Robert Oehler, Aarau 1949

«Geschichte der Stadt Aarau», Aarau 1978

Raoul Richner, Stadtarchivar Aarau