Biberstein
Die Bibersteiner Buben und ihre fahrenden Kisten

Vor 80 Jahren fand in Biberstein das erste Seifenkistenrennen der Schweiz statt. Mit den Jahren wurden die Gefährte immer schneller und professioneller. Dennoch ist der der Boom ist längst vorbei. Am nächsten Sonntag findet das nächste Rennen statt.

Pascal Meier
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Privatarchiv Walter Senn

Lehrer Bieler hatte am Bibersteiner Seifenkistenrennen den wichtigsten Job überhaupt: die Zeitmessung. Was hätten sich die Buben in ihren klapprigen Seifenkisten geärgert, wenn beim Start der Zeiger keinen Wank getan hätte. So drückte Robert Bieler am Ziel in der Buhalde stets zuverlässig den Knopf seiner Stoppuhr, wenn oben an der Welletenstrasse die Fahne schwang und ein weiterer Fahrer den Berg herab sauste. Oder eher holperte. Denn auf den gekiesten Strassen war an Geschwindigkeitsrausch nicht zu denken. Kein Wunder brauchte es damals noch keine Strohballen und rote Töggel, um die jungen Fahrer im Zaum zu halten.

Das war in den 1950er-Jahren. In Biberstein reicht die Geschichte des Seifenkistenrennens weit zurück. 1934 – vor 80 Jahren – wurde hier der erste Wettkampf mit Seifenkisten in der Schweiz ausgetragen. So zumindest ist es überliefert. Und darauf sind die Bibersteiner stolz. «Früher war das Seifenkistenrennen ein richtiges Dorffest», erinnert sich Walter Senn, der als Bub mit seinem Vater eine Seifenkiste baute und an vielen Rennen mitfuhr. Die Seifenkiste wurde in Biberstein liebevoll «Charli» genannt. «Wir bauten unsere ‹Charli› von Grund auf selber», so der heute

Räder von alten Kinderwägen

70-jährige Walter Senn. Sein Onkel habe bei den SBB gearbeitet und sei für das Schweissen an der Kiste zuständig gewesen. «Für die Räder waren jene von Kinderwagen am besten geeignet. Oft gingen wir auf die ‹Schutti›, um einen Wagen mit guten Rädern zu ergattern.» Gelenkt wurden die «Charli» mit Schnüren. Auch gebremst wurde auf diese Weise.

Wenn Walter Senn über damals spricht, schwingt noch immer Begeisterung für das Seifenkistenrennen mit. Unter den Bibersteiner Buben waren die fahrenden Kisten über Jahrzehnte populär. Man stachelte sich untereinander an, am Dorfrennen mitzumachen, und oft fuhren mehrere Buben nacheinander mit dem gleichen «Charli» die rund
700 Meter lange Strecke herunter.

Am Vorabend fand zudem der beliebte Tanzabend statt. «Ich höre die Musik noch in den Ohren, wenn ich an jenem Ort vorbei gehe», schwelgt Walter Senn in Erinnerungen. Bestens erinnert er sich auch an die Preisverleihung: Die schnellsten Fahrer erhielten vom Gemischten Chor, der das Rennen traditionell organisierte, ein Harass Mineralwasser.

So ging es viele Jahre zu und her in Biberstein und der Seifenkisten-Virus sprang von Generation zu Generation. 1975 kam dann aber der Bruch: Ein Unfall überschattete den Wettkampf. Ein Fahrer hatte sich verletzt, was das sofortige Aus für das traditionelle Rennen bedeutete. Das entschieden damals die Organisatoren. Nach über 40 Jahren.

Seit 9 Jahren lebt die Tradition wieder

Erst 2005 rollten die hölzernen Kisten wieder durch Biberstein. Zum 725-Jahr-Jubiläum der Gemeinde wurde erneut ein Seifenkistenrennen organisiert. «Wir wollten die Tradition weiterführen», erklärt Hanspeter Richner, der dafür mit Gleichgesinnten aus dem Buhalde-Quartier eine Interessengemeinschaft gründete. Seither findet in Biberstein alle zwei Jahre ein Seifenkistenrennen statt. Und zwar in einem professionellen Rahmen: Das Bibersteiner Rennen ist eines von 20 Austragungsorten der Schweizer Meisterschaft im Seifenkistenrennen.

Damit hat sich das Seifenkistenrennen in Biberstein stark professionalisiert, genau wie die Szene. Seifenkisten baut heute kaum noch jemand selber. Dafür gibt es standardisierte Bausätze. Im Startbereich sieht es zudem aus wie im Profi-Rennsport, nur ein paar Nummern kleiner: Die Teilnehmer der Schweizer Meisterschaft bauen Zelte auf und richten in diesen eine Werkstatt ein. Kurz vor dem Start wird die Seifenkiste aufgebockt, um die genieteten Räder zu wärmen. Einige Seifenkisten-Fahrer kommen sogar mit dem Camper nach Biberstein. Man kennt sich, sieht sich regelmässig an den Rennen für die Schweizer Meisterschaft im ganzen Land.

Die Fahrt selbst geht dann blitzschnell, aus den heutigen Kisten lassen sich gut 60 km/h rauskitzeln. An der Strecke stehen deshalb über hundert Strohballen. Die Liste der Vorschriften von Lista, der Veranstalterin der Schweizer Meisterschaft, ist lang: Es besteht Helmpflicht, der Fahrer muss auch bei 30 Grad einen langen Pullover tragen sowie Handschuhe, lange Hosen und geschlossene Schuhe. Im Gegensatz zu früher fährt die Sicherheit mit.

Immer weniger Teilnehmer

Trotz dieser Professionalisierung scheint der Boom der Seifenkistenrennen in der Schweiz vorbei zu sein. Das zeigt sich auch in Biberstein: Im Jahr 2005 standen 92 Seifenkisten am Start, 2012 waren es noch 63. Für das Rennen vom kommenden Wochenende werden noch rund 50 Fahrer erwartet, darunter 10 Teilnehmer aus Biberstein. «Das Interesse an den Seifenkisten nimmt leicht ab», bedauert Hanspeter Richner. «Aussterben wird das Seifenkistenrennen in der Schweiz aber nicht.» Dem pflichtet Walter Senn bei – und fügt mit einem schelmischen Lächeln an: «Angefressene Seifenkistenfahrer wird es immer geben.» Das sagt ein Fahrer der ersten Stunde, in dessen Garage immer noch ein «Charli» aus den 1960er-Jahren steht.

Nächstes Rennen: Am Sonntag startet das Bibersteiner «Charlirennen» zum
80-Jahr-Jubiläum. Das Rennen beginnt um 10 Uhr in der Buhalde.