Neue Schulbänke gab es keine. Dafür war kein Geld. Auch das Cembalo fiel durch, ein Klavier musste für den Musikunterricht reichen. Geleistet hatte man sich zur Eröffnung lediglich eine Occasion-Schreibmaschine für 550 Franken, «wegen zusätzlicher Schreibarbeiten». Dafür hatten die Suhrer jetzt ein eigenes Bezirksschulhaus. Und was für eines. Eines mit 22 Schulzimmern, Zeichensaal und Garderobenhalle, Hauswirtschafts- und Handarbeitsräumen, mit einer Doppelturnhalle, einem Singsaal und vier Musikzimmern; im Aussenbereich die Sportanlagen.

Seit 50 Jahren hat Suhr eine eigene Bezirksschule. Und damit gleich lange wie Buchs. Diese Bez gibt es so seit der Fusion zur Kreisschule Aarau-Buchs 2018 aber nicht mehr. Überlebt hat Suhr auch die Gränicher Bez, die 2014 nach 126 Jahren aufgelöst wurde.

50 Jahre, keine lange Zeit. Und doch eine kleine Ewigkeit, in der sich allerlei verändert hat. Alt Gemeindeschreiber Hans Huber war einer der ersten, die 1968 im neuen Bez-Schulhaus zur Schule gehen durften. Schulbeginn war damals noch im April, bevor der Neubau überhaupt richtig fertig war. «Nur ein paar Zimmer waren eingerichtet», erinnert Huber sich. Gesungen wurde nicht im Singsaal, der war noch im Bau. «Stattdessen hatte man den Flügel in eines der Klassenzimmer gestellt.»

Für die Suhrer war das Schulhaus im Dorf eine Erleichterung. Bis anhin hatten sich die Bezler auf die Standorte Aarau und Gränichen aufgeteilt; wer im Feld wohnte, ging nach Aarau, die vom Dorf nach Gränichen. Die Verteilung lag jeweils ausgeglichen bei rund 70 Schülerinnen und Schülern pro Standort. Nach Aarau schickten auch die Rohrer rund 50 Schüler, die Buchser rund 100, dazu 20 nach Gränichen.

Wettlauf gegen die Zeit

Doch 1958 meldete Aarau, dass der Platz wegen der wachsenden Schülerzahlen langsam aber sicher eng werde. 1960 beschloss die Gemeindeversammlung Suhr, eine eigene Bez zu schaffen. Und damit begann ein Wettlauf gegen die Zeit: Wie Suhr musste auch Buchs eine eigene Bezirksschule aufbauen. Die Angst der Suhrer: Buchs könnte ihnen die guten Lehrer wegschnappen, wenn man zu lange haderte. Man beschloss deshalb, beim Kantonalen Erziehungsrat mit Nachdruck die Vordringlichkeit einer Suhrer Bez anzumelden. Mit Erfolg: 1964 steht der Kredit von 6,975 Millionen Franken auf der Traktandenliste. «Das grösste Bauvorhaben, das die Gemeinde Suhr je zu vergeben hatte», steht im Protokoll. Trotzdem wird der Kredit angenommen – mit einer einzigen Gegenstimme.

Mit dem Kredit war die Sache aber noch nicht erledigt. Einer Aufstellung der Schulpflege entnimmt man folgende Beträge: 62 500 Franken für Lehrmittel, 750 Franken für den Stundenplaner, 600 Franken für den Sammlungsbetreuer, der die ausgestopften Tiere hütete. Kein Zuckerschlecken für eine Gemeinde, die damals ziemlich auf dem Zahnfleisch lief. Und dann waren da noch die Ortszulagen: Das finanzielle Zückerchen für Lehrer, auch ihren Wohnsitz in die jeweilige Gemeinde zu verlegten – in Zeiten von Lehrermangel kam das gut an. Dafür liess sich die Gemeinde nicht lumpen: 1967 budgetierte der Gemeinderat 6000 Franken Ortszulage für drei Hauptlehrer und ein halbes Dutzend Hilfslehrer.

Etwas weniger politisch

Eines hat sich in den letzten 50 Jahren grundlegend verändert: der Status eines Bez-Schülers. «Vor 50 Jahren war die Bezirksschule etwas Elitäres, da gab es die Bezler und die anderen», sagt Gesamtschulleiterin Denise Widmer. «Heute haben wir drei gleichberechtigte Stufen.» Unterschiede gab es dann aber doch; zwischen den Standorten. «Die Bez Suhr war immer weniger politisch und offener als andere», sagt Martin Meyer, seit 23 Jahren Lehrer an der Bezirksschule und seit knapp 10 Jahren Schulleiter der Bez. Er habe sich als Aarauer einiges anhören müssen, als er sich damals für Suhr entschied.

Anders ist auch die Geschlechterverteilung: Waren es vor 50 Jahren bei 68 Bez-Erstklässlern (aus Suhr und Hunzenschwil, aufgeteilt in zwei Klassen à 34 Schüler) 48 Buben und 20 Mädchen, ist das Verhältnis heute ausgeglichen. Auch bei den Lehrpersonen hat sich einiges verändert: Damals wurden die rund 230 Kinder von elf Lehrpersonen unterrichtet (neun Männer, zwei Frauen), heute unterrichtet ein Kollegium von 31 Personen (22 Frauen, neun Männer) 240 Schülerinnen und Schüler aus Suhr, Gränichen und Hunzenschwil, verteilt auf vier Klassen in drei Jahrgängen.

Rostwasser aus dem Hahn

Gefeiert wird das 50-Jahr-Jubiläum in Suhr nicht. «Wir schauen lieber nach vorne», sagt Martin Meyer. «Wir wollen uns weiterentwickeln und zukunftsweisende Projekte vorantreiben.» Und moderner: «Die Schüler sagen über uns, die Bez sei gut, kompetent, organisiert – und alt – alt in Bezug auf unser Gebäude», sagt Meyer und lacht. Dem Schulhaus sieht man seine 50 Jahre an, gewisse Fenster sind noch original, Mauern sind viellagig überstrichen, das zwischenzeitlich lecke Dach wurde nur partiell geflickt, aus den Leitungen der Hauswirtschaft kommt rostiges Wasser. «In all den Jahren wurden nur Pflästerli aufgeklebt, eine umfassende Sanierung wurde immer hinausgezögert», sagt Widmer. Jetzt wird es Zeit, die Sanierung ist im Finanzplan für 2021/2022 eingestellt.

In Suhr kennt man keine Zukunftsängste. «Da müsste viel passieren, dass es eng für uns würde», sagt Widmer und verweist auf ihre Vorteile. «Wir sind mit total 1350 Kindern eine grosse, aber dennoch familiäre Schule», sagt sie. Noch kenne sie alle 240 Schülerinnen und Schüler persönlich. Und auch wenn Suhr mit vielen herausfordernden Rahmenbedingungen kein einfaches Pflaster sei, so würden die Kinder dank all der guten Lehrpersonen gerne in die Schule kommen. «Und das ist unsere Qualität.»