Aarau
Die Bewohner der Alters-WG geniessen viel Freiraum

Im Seniorenzentrum «Auf Walthersburg» wechseln die über 30 Bewohnerinnen und Bewohner monatlich ihren Esstisch. Vor 25 Jahren wurde die Alters-WG im Zelgli eröffnet, damals war dieses Wohnmodell mit individuellen Rückzugsräumen eine Pioniertat.

Hermann Rauber
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Die Alters-WG in Aarau
8 Bilder
Das Seniorenzentrum Aarau gibts seit 25 Jahren.
Die Alterswohnung ist gemütlich eingerichtet.
Zentrumsleiter Markus Felder.
Das Seniorenzentrum bietet Ausblick auf den Schachen und in den Jura.
Eine Bewohnerin kehrt nach dem Essen in ihre Alterswohnung zurück.
Vor dem Seniorenzentrum steht ein Kunstwerk mit einer blauen Kugel.
Blick auf Aarau in Richtung Wöschnau und Gösgen.

Die Alters-WG in Aarau

Sandra Ardizzone

Ein Vierteljahrhundert ist es her, seit die ersten Mieterinnen und Mieter in eine der 29 Wohnungen im Seniorenzentrum «Auf Walthersburg» im Aarauer Zelgliquartier zogen.

«Anfänglich wurde unser Konzept belächelt», sagt Zentrumsleiter Markus Felder rückblickend. «Denn wir sind weder ein Alters- und Pflegeheim noch eine Seniorenresidenz für Gutbetuchte, sondern ein Zentrum für ältere Menschen, die zwar unterstützt, aber noch selbstständig leben und wohnen möchten.» Und auch die Rechtsform weicht vom gewohnten Muster ab, wählte man doch als Trägerin eine gemeinnützige Betriebsgenossenschaft. Diese arbeitet im Gegensatz zu anderen privaten Anbietern im Alterssektor nicht gewinnorientiert.

Zu den stimmberechtigten Genossenschaftern zählen vor allem Kirchgemeinden und Altersorganisationen, dann aber auch die Stadt Aarau und wenige Einzelpersonen, die vornehmlich im Vorstand mitarbeiten. Eigentümerin der Gebäulichkeiten ist die SwissRe, die einen Teil der Wohnhäuser rund um die ehemalige Villa Zurlinden der Genossenschaft vermietet. Im Moment belegen 31 Personen die zur Verfügung stehenden 29 Wohnungen, hinzu kommen noch zwei Gästezimmer für temporäre Aufenthalte. Das Alter der Pensionärinnen und Pensionäre «Auf Walthersburg» schwankt zwischen 80 und 100 Jahren.

«Entscheidend gemäss unserer Philosophie ist, dass unsere Pensionäre solange wie möglich in geistiger und körperlicher Selbstständigkeit in einer Wohnung leben und einen eigenen Haushalt führen können», betont Präsident Max Rickenbacher. Dank der «familiären Grösse» sei die von vielen Seniorinnen und Senioren gewünschte «Privatsphäre und Individualität» gewährleistet. Einziger Fixtermin am Tag ist das gemeinsame Mittagessen, wobei der Zentrumsleiter darauf achtet, dass die Sitzordnung an den Tischen monatlich wechselt, was den sozialen Kontakt fördere.

Diese «Rotation» schätzt die Bewohnerin Sonja Sauerländer, «so erlebt man immer wieder persönliche Überraschungen und merkt, wie vielfältig die Kenntnisse und Interessen der Mitbewohner sind.» Andere Aktivitäten wie das gemeinsame Nachtessen, das Chorsingen, Turnstunden, der «Herrenstamm» oder der Nachmittagsjass sind freiwillig, ebenso wie die Teilnahme an den ökonomischen Gottesdiensten im Haus. Sie habe den Schritt ins Seniorenzentrum «nie bereut», die Atmosphäre zwischen Gemeinsamkeiten und dem persönlichen Freiraum stimme, betont Sonja Sauerländer.

Für das Wohl der 31 Bewohnerinnen und Bewohner (die Frauen sind klar in Überzahl) sorgen 26 Mitarbeitende, meist mit einem Teilzeitpensum. Allein neun diplomierte Pflegefachpersonn garantieren einen internen Spitexdienst fast rund um die Uhr, weitere neun Angestellte arbeiten in der Gastronomie. Denn die Küche und der Service im Restaurant werden von allen Seiten gelobt, ebenso wie die atemberaubende Aussicht von der Terrasse aus gegen die Silhouette der Altstadt, den weiten Schachen und die Jurahänge. Dies hat laut Max Rickenbacher eine Umfrage unter den Bewohnern gezeigt. Geschätzt wird auch, dass ein Bäcker zweimal pro Woche mit einem mobilen Kiosk ins Haus kommt.

«Dankbar, dass es in Aarau diese Form des freien Zusammenlebens für Senioren gibt», ist Bewohner Hans Widmer. «In meiner kleinen Wohnung bin ich frei und doch nicht allein», betont er. «Wenn ich krank bin, werde ich von einer internen Pflegefachfrau betreut, stimmt etwas bei der Wasserleitung oder bei der Heizung nicht, erscheint der Hauswart, zuständig für alles Mögliche und Unmögliche.» Auch Widmer freut sich über die schöne Lage des Seniorenzentrums. «In meinem kleinen Garten blühen die Schwertlilien, im Schachen unter uns spielen sie Fussball und aus der Ferne grüssen – wie blaugrüne Wellen hinter dem breiten Aaretal aufsteigend – die Hügel des Jura.»

Natürlich braucht auch die Genossenschaft «Auf Walthersburg» eine Betriebsbewilligung vom Kanton und muss sich an das Pflegegesetz und die entsprechenden Verordnungen halten. In Kontakt steht man laut Markus Felder auch mit den übrigen Anbietern in der Region. «Tariflich sind wir im Vergleich mit den städtischen Heimen und anderen privaten Anbietern durchaus konkurrenzfähig», erklärt Rickenbacher. Am bisherigen Konzept werde nicht gerüttelt. Allerdings prüft man zur Zeit die Möglichkeit zur Angliederung einer eigenen Pflegeabteilung. «Ob eine solche infrage kommt, wird von der wirtschaftlichen Tragbarkeit abhängen», sagt der Präsident der Betriebsgenossenschaft.

Der Name Walthersburg geht auf einen Bauernhof im oberen Zelgli zurück, der der Familie Walther gehörte. Weil das stattliche Haus aus der Ferne wie eine Burg aufragte, entstand im Volksmund der Begriff, der in der Bezeichnung Walthersburgstrasse weiterlebt. Ab 1910 wurde der Hof Stück um Stück als Bauland verkauft, 1917 verschwand auch das Wohnhaus und machte der Villa und einer grosszügigen Parkanlage der neuen Besitzerfamilie Zurlinden Platz. Anno 1967 liess Rudolf Zurlinden die alte Villa abreissen und ersetzte diese durch einen Neubau. Dieser bildet das Kernstück des Seniorenzentrums, das 1990 eingeweiht werden konnte.

Aus Anlass des 25-Jahr-Jubiläums findet am Samstag, 20. Juni, zwischen 11 und 16 Uhr ein Tag der offenen Tür in der Alters-WG statt.

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