Aarau
Die äusserst erträgliche Leichtigkeit des Seins

az-Sommerreporterin Sabine Kuster übt sich im Müssiggang. Nach drei Stunden und zwanzig Minuten sinnfreier Handlung und unproduktiver Gedankengänge kehrt sie auf die Redaktion zurück - und ist bis in die Fingerspitzen entschleunigt.

Sabine Kuster
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Die Sommerreporterin langweilt sich 3 Std. 20 Min. lang. Es fällt ihr gar nicht so schwer.

Die Sommerreporterin langweilt sich 3 Std. 20 Min. lang. Es fällt ihr gar nicht so schwer.

Christoph Voellmy

Pünktlich zu den Sommerferien kommt der Vorwurf wieder: Wir haben den Müssiggang verlernt, wir halten Langeweile nicht mehr aus. Selbst in den Ferien würden wir, so stehts in Zeitungen und Magazinen, vom Badetuch zur gotischen Kirche und anschliessend an eine Grillparty hetzen. Müssiggang sei eine verlorene Tugend. Die Sommerreporterin, selbst von eher ungeduldiger Natur, machte die Probe aufs Exempel.

Vogelinseli, 13.50 Uhr. Zwei Typen, ausgestreckt auf der Wiese liegend, scheinen den Müssiggang schon recht gut draufzuhaben. Aber schlafen ist nicht wahre Musse, man soll sich mit sich selbst beschäftigen, soweit ich das verstanden habe.

Ich breite mein Badetuch aus. Es kann losgehen. Als Erstes werden die Geräusche lauter. Das Wasserkraftwerk brummt lauter, als die Vögel in der Voliere zwitschern.

Streiche Sonnencreme ein. Lese den Produktetext: Die Crème beinhaltet Titanium-Dioxide und Biberöl. Finde Schokolade in der Tasche. Stelle die Tasche in den Schatten. Überlege, was ich nachher im Büro machen muss.

Der Fairness halber muss erwähnt werden: Ich bin durch eine abklingende Sommergrippe noch etwas sediert. Rumliegen fällt mir heute leichter. Ausserdem ist das Rumliegen vom Chef bewilligt, deshalb stellt sich das protestantische schlechte Gewissen nicht ein.

Ich schnäuze mich, drehe mich auf den Bauch und lege die Brille ab. 14.28 Uhr. Die Gedanken werden kürzer und zusammenhangsloser. Rote Ameisen. Gähne ausgiebig. Frau mit Kinderwagen. Zwei Typen, der eine mit einem Multipack Energiedrink unter dem Arm. Der Fotograf lenkt mich ab. Die Schokolade fällt mir wieder ein, probiere ein Stück, nein, zwei. Lese auf der Verpackung, dass ich 125000 Franken gewinnen könnte, wenn ich den Talon abschicke. Habe Durst. Noch zwei Kinderwagen. 15.02 Uhr. Fast alle der roten Bänke sind besetzt. Es sind acht.

Ich sollte mal wieder mein Velo putzen und meine Tasche waschen. Und die Beine epilieren. Kontraproduktiv, so ein Nichtstun, wenn einem ständig Ideen kommen, was man danach tun sollte. Suche einen Brunnen. Lasse die Tasche liegen und teste die Gesellschaft. Sie besteht, die Tasche ist noch da, als ich zurückkomme. Schäfchenwolken. Westwind. Warte auf grosse Gedanken.15.15 Uhr. Denke darüber nach, dass die Umgebung schöner aussieht, seit ich kurzsichtig bin. Die Blumen vor meiner Nase wirken mit der Unschärfe dahinter besser. Mache mir Sorgen. Ich glaube, mein Herz schlägt unregelmässig. Ein dritter Energy-Typ kommt. Sie rauchen Shisha-Pfeife. Denke zuerst, ich hätte einen neuen Leberfleck auf meinem Arm. Es ist Schokolade. Die Energy-Jungs springen in den Fluss.

Plötzlich ertönt ein Lautsprecher. Ich schaue gespannt zum gegenüberliegenden Ufer. Action! Zwei Kanus fahren über die Bootstreppe. «Einsteigen!», sagt die Lautsprecherstimme. «Parat?» «O. k.!» Kanus und Passagiere fahren zum Wasser und setzen sanft auf. Das habe ich noch nie gesehen. Wo sitzt der Mann, der den Kanuten Anweisungen gibt? Noch zwei Kanus folgen. Ich spaziere zur Insel-Nase und rufe den Kanuten zu. Bis Basel würden sie fahren, rufen sie zurück. Ich bin neidisch.

Ein Girl stösst zur Energy-Gruppe. Suche ein vierblättriges Kleeblatt. Finde keines. Ein junges Liebespärchen sitzt schon seit mindestens einer Stunde hier. Endlich hat er seinen Arm um sie gelegt. Ein Rugby trifft ein Rentnerpärchen, welches ebenfalls auf einer der Bänke sitzt. Noch ein Energy-Girl. 16.40 Uhr. Ich muss dringend auf die Toilette. Hier gibt es keine. Fahre im Zeitlupentempo zum Summertime-Restaurant. Trinke in der Schwanbar Limonade. Lese: «Mindestens haltbar bis: siehe Flaschenhals. Tenminste houdbar tot: zie flessenhals.» 17.10 Uhr.

Nach drei Stunden, zwanzig Minuten sinnfreier Handlung und unproduktiver Gedankengänge erreiche ich die Redaktion. Ich bin bis in die Fingerspitzen entschleunigt. Es war gar nicht schwer. Ich prahle ein wenig damit. Es lässt sich nicht nur mit Produktivität, sondern auch mit Nichtstun Eindruck schinden. Man muss den Müssiggang zelebrieren.