Suhr

Die Apotheke war geschlossen — so ging der Vermummte zu Denner

Die Apotheke an der Bachstrasse in Suhr.

Die Apotheke an der Bachstrasse in Suhr.

Ein 32-Jähriger will in Suhr nur einen Ladendiebstahl geplant haben. Das Gericht verurteilt ihn wegen versuchten Raubs.

Der 23. Februar 2019 war ein sonniger, milder Vorfrühlingstag. Gleichwohl zog sich Edgar (Name geändert), als er vor der Lindenapotheke in Suhr stand, die Kapuze seines weissen Pullovers über den Kopf und band sich, bis unter die Augen, einen schwarzen Schal ums Gesicht.

Wieso? Das Temperaturempfinden sei von Mensch zu Mensch verschieden und er habe kalt gehabt, liess Edgar das Bezirksgericht Aarau wissen.

Staatsanwaltschaft forderte therapeutische Massnahme

Dieses musste sich mit dem 32-jährigen, damals drogenabhängigen arbeitslosen Schweizer befassen, weil die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau Edgars Vermummung nicht als seinem individuellen Temperaturmempfinden geschuldet verstand.

Sie legte ihm mehrfachen versuchten qualifizierten Raub und mehrfache Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz zur Last. Dafür forderte sie eine unbedingte Freiheitsstrafe von 36 Monaten und eine Busse von 1500 Franken. Zudem sei eine stationäre therapeutische Massnahme anzuordnen.

Messer mit 16,5 Zentimeter langer Klinge

Laut Anklageschrift hatte der Beschuldigte im Treppenhaus einer Liegenschaft an der Bachstrasse eine Sporttasche deponiert, welche Kleider zum Wechseln und seinen Hausschlüssel enthielt. Auf sich trug er dafür ein Messer mit einer 16,5 cm langen Klinge, einen 60-Liter-Abfallsack und schwarze Handschuhe.

Gemäss Aussage eines Velofahrers, dem Edgar aufgefallen war, marschierte er zielstrebig zum Eingang der Apotheke. In der Absicht, so die Staatsanwaltschaft, «den dort anwesenden Angestellten unter Verwendung des mitgeführten Messers Gewalt anzudrohen und sie so zur Herausgabe von Geld und Medikamenten zu zwingen».

Nur: Es war halb sechs Uhr abends und die nur zu Reinigungszwecken noch hell erleuchtete Apotheke war schon geschlossen. So machte Edgar rechtsumkehrt und begab sich zur schräg gegenüberliegenden Denner-Filiale, die bis 18 geöffnet war. Dort, beim Getränkeregal, nahm die inzwischen vom aufmerksamen Velofahrer avisierte Polizei Edgar fest.

2015 war dieser in der Ostschweiz zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt worden. Dies bei einer Probezeit von fünf Jahren. Aus Sicht der Anklage hatte dieser Schuss vor den Bug seine Wirkung verfehlt. Es sei keinerlei Einsicht, kein Besserungswillen feststellbar, sagte der Staatsanwalt. Was Edgar vor dem Gericht zum Besten gebe, seien «Schutzbehauptungen und Marginalisierungen seiner Probleme».

Die Schwelle zum Versuch überschritten?

Edgar hatte bei der Befragung durch das Gesamtgericht unter dem Vorsitz von Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder erklärt, eine stationäre Therapie brauche er nicht. Den Entzug habe er im vorzeitigen Strafvollzug schon gemacht. Und: Er habe nur einen Ladendiebstahl bei Denner geplant gehabt, ja eigentlich bloss einen Mundraub.

Er habe Esswaren und Getränke benötigt. Die Sporttasche habe er zwei Tage zuvor in einem Memberclub stehenlassen. Und weil er seither bei einem Kollegen übernachtet habe, sei ihm auch das Fehlen seines Wohnungsschlüssels gar nicht aufgefallen.

Dazu führte der Staatsanwalt aus, in der betreffenden Liegenschaft gebe es mehrere Handwerksbetriebe – aber keinen Memberclub. Die Schwelle zum Versuch habe Edgar eindeutig überschritten.

Verteidiger forderte einen Freispruch

Ihm widersprach Edgars Verteidiger: Sein Mandant habe sich nur kurz vor der Apotheke aufgehalten. Und im Denner sei er nicht zur Kasse gegangen, sondern zum Getränke-Bereich. Auch gebe es keinen kausalen Zusammenhang zwischen dem Deponieren der Sporttasche und der Straftat. Edgar sei von Schuld und Strafe freizusprechen. Vom Widerruf der bedingten Freiheitsstrafe von 2015 sei abzusehen – wie auch von der Anordnung einer stationären Massnahme. Einzig wegen des eingestandenen Drogenkonsums sei Edgar eine Busse von 100 Franken aufzuerlegen.

Eventualiter sei Edgar zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten zu verurteilen, wovon 6 Monate zu vollziehen wären. Schliesslich sei Edgar umgehend und unter Haftentschädigung in die Freiheit zu entlassen.

Das Gericht erkannte Edgar schuldig des versuchten Raubs im Fall der Lindenapotheke. Es gebe genug Indizien, die zeigten, dass die Schwelle zum Versuch hier klar überschritten worden sei, sagte die Gerichtspräsidentin. Im Fall der Denner-Filiale sei dies hingegen nicht klar, weshalb hier ein Freispruch erfolge. Der qualifizierte Tatbestand sei im Übrigen durch das Messer nicht begründet, da dieses nicht unter das Waffengesetz falle.

30 Monate Gefängnis, aber keine Massnahme

Das Gericht verurteilte Edgar zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 30 Monaten (Gesamtstrafe) und einer Busse von 600 Franken. Auf eine stationäre Massnahme soll verzichtet werden.

Da Edgar jede Motivation dafür abgehe, sei eine solche nicht zweckmässig, sagte Bettina Keller. Und: «Sie haben jetzt die Chance, es aus eigener Kraft zu schaffen. Wir erwarten aber, dass Sie alles dafür tun werden.» Für die Zeit, bis das Urteil Rechtskraft erlangt, wurde Sicherheitshaft angeordnet.

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Autor

Ueli Wild

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