Aarau

Die Angeklagten hatten das «Gespräch» mit dem Schlagstock gesucht

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Zwei Teilnehmer eines bewaffneten Auszugs nach Oberentfelden wurden wegen versuchter Drohung verurteilt.

An einem Dienstagabend wars, Ende Mai letzten Jahres. Neun Burschen mit mehrheitlich sehr fremdländisch klingenden Namen im Alter von 17 bis 22 Jahren bestiegen in Lenzburg zwei Autos – einen BMW und einen Audi – mit Ziel Oberentfelden.

Dort wollten sie einen ihnen (und wegen eines Vorfalls nach dem Maienzug 2015 auch dem Bezirksgericht) bekannten knapp 20-Jährigen «zur Rede stellen». So drückten sich jedenfalls zwei Beteiligte aus dem Freiamt aus, die nun in Aarau vor Gericht standen.

«Versuchte Drohung» warf ihnen die Staatsanwaltschaft im Strafbefehl vor, einem von ihnen auch unerlaubten Waffenbesitz sowie den Besitz und Konsum von Marihuana.

Dass es an jenem Abend nicht zu einem Gewaltausbruch mit unabsehbaren Folgen kam, war wohl vor allem dem Dilettantismus zu verdanken, mit dem die Gruppe zu Werke ging. Wo ihr potenzielles Opfer genau wohnte, wussten die neun Helden nämlich nicht.

So irrten sie in Oberentfelden herum, ausgerüstet mit ein paar Gegenständen, die der Polizei dann nicht so recht gefallen wollten. Ein Teppichmesser gehörte dazu, gleich wie zwei Softair-Pistolen.

Eine davon war mit verkupferten Metallkugeln geladen, der anderen fehlte dagegen das Magazin. Weiter umfasste das Arsenal ein Paar mit Sandquarz gefüllte Lederhandschuhe, ein zirka 20 Zentimeter langes Küchenmesser, zwei Baseballschläger und einen Teleskopschlagstock.

Der kleinere der beiden Burschen, die in Aarau vor Gericht standen, hatte den BMW nach Oberentfelden gelenkt. Da auf ihm keine Waffen gefunden wurden, konnte er für sich die Rolle des nichts ahnenden Chauffeurs beanspruchen. Anders als sein Kumpan hatte er einen Verteidiger beigezogen.

Dieser verzichtete jedoch auf eine Teilnahme an der Verhandlung. Der grössere Beschuldigte bestätigte, der Besitzer des Teleskopschlagstocks gewesen zu sein. Gerichtspräsidentin Bettina Keller-Alder fragte hierauf, ob ihm bewusst gewesen sei, dass es sich dabei um eine verbotene Waffe handelte. Er bejahte dies. Überhaupt bestätigte er den Sachverhalt in allen wesentlichen Punkten.

Nein, sagte der Kleinere, die im Strafbefehl aufgelisteten Gegenstände – mit Ausnahme eines Baseballschlägers – habe er erst wahrgenommen, als seine Passagiere ausgestiegen seien.

Diese habe er mitgenommen, weil er ohnehin nach Muhen zu seiner Freundin habe fahren wollen. Dort kam er freilich nie an. Irgendwie, liess der 20-jährige Detailhandelslehrling durchblicken, habe er den Weg von Oberentfelden nach Muhen nicht gefunden. Dafür fand er seine Passagiere wieder. Dumm nur für ihn und seine Kollegen, dass die Polizei sie ebenfalls fand.

Eine Abrechnung – unklar, wofür

In Oberentfelden ausgestiegen, gab der Lange zu Protokoll, habe er sich getrennt vom Rest auf die Suche gemacht. Mit Schlagstock und Baseballschläger. Was er denn gemacht hätte, wenn er den Gesuchten gefunden hätte, wollte die Gerichtspräsidentin wissen. «Ich hätte ihn zur Rede gestellt.» Weswegen, blieb offen.

«Hatten Sie Stress mit ihm?», fragte die Richterin. «Nein», sagte der Lange. «Und Ihr Bruder?», hakte Bettina Keller-Alder nach. Antwort: «Kann sein, ich weiss es nicht.» Warum er denn überhaupt bewaffnet in Oberentfelden herumspaziert sei? «Zur Sicherheit», antwortete der 19-Jährige. «Ich hatte Angst, er sei nicht allein.»

Ein Joint in der Zelle

Jener Mai-Abend endete auch für ihn dort, wo er begonnen hatte: in Lenzburg. Aber im Zentralgefängnis. Dort brachte sich der junge Mann mit einem weiteren glorreichen Einfall noch zusätzlich in die Bredouille. Versteckt unter seinen Geschlechtsteilen, hatte er in einem Plastiksäckli Marihuana in die Zelle geschmuggelt.

Einen Teil davon konsumierte er dort auch. Nur, geruchlos geht so was nicht vonstatten. Die verräterische süssliche Hinterlassenschaft bescherte ihm eine Durchsuchung der Zelle. So kamen, im Brandmelder versteckt, weitere 3,2 Gramm Marihuana zum Vorschein.

Fünf Wochen später wurde er nach einer tätlichen Auseinandersetzung in Hendschiken beim Bahnhof Wohlen erneut mit Marihuana erwischt. Den Stoff gönnt er sich nach eigenen Angaben etwa einmal im Monat.

Bettina Keller-Alder sprach beide schuldig, den «Chauffeur» aber nur als Gehilfen, nicht als Mittäter. Er kommt mit einer bedingten Geldstrafe von 380 Franken davon – bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Bezahlen muss er so oder so eine Busse von 100 Franken und die Verfahrens- sowie seine Parteikosten. Weniger glimpflich kommt sein langer Kumpan «ab der Chilbi».

Für den Ausflug nach Oberentfelden kassiert zwar auch er nur eine bedingte Geldstrafe. 1370 Franken beträgt sie, bei einer Probezeit von vier Jahren. Dazu kommen eine Busse von 800 Franken und die Verfahrenskosten.

Da er 2015 von der Jugendanwaltschaft bereits wegen Nötigung, Tätlichkeiten und Autofahrens ohne Führerausweis zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 14 Tagen verurteilt wurde, muss er diese zwei Wochen nun absitzen.

Als Nächstes scheint der dunkelhäutige 19-Jährige, der aus der Lehre flog und arbeitslos ist, nun aber erst einmal legal mit Waffen hantieren zu dürfen – in der Rekrutenschule.

«Situation wäre wohl eskaliert»

Die Oberentfelder Episode, machte Bettina Keller-Alder in der Urteilsbegründung deutlich, wäre wohl «zu einer sehr gefährlichen Aktion geworden, wenn Sie das Opfer getroffen hätten». Auch der BMW-Fahrer hatte eingeräumt, dass die Situation vermutlich eskaliert wäre, wenn der Trupp den Gesuchten gefunden hätte.

Die Gerichtspräsidentin legte deshalb den beiden jungen Männern nachdrücklich nahe, ihr Tun und dessen Folgen künftig besser zu bedenken – «damit Sie sich die Zukunft nicht noch mehr verbauen!»

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