Für Eicheln tun die Rothirschdamen alles. Kommen die Tierpfleger mit einem Kessel daher und schütteln ihn ordentlich, legen sie einen flotten Galopp hin – das Geräusch hüpfender Eicheln kennen die Tiere haargenau.

Und lassen die mächtigen Bäume ihre Früchtchen in den Bach fallen, der sich durch das Gehege schlängelt, tauchen die Hirsche schon mal unerschrocken ihren Kopf tief ins eisige Wasser. Nur Männchen Aaro verschmäht die Leckerbissen. Er hat aktuell nur Augen für seine brünstigen Kühe und frisst kaum etwas.

Zwar fallen die Eicheln von den Bäumen direkt ins Gehege – doch tragen die Eichen nicht jedes Jahr Mast und wenn, reichen die Früchte nirgends hin. Deshalb ist es im Aarauer Wildpark Roggenhausen seit Jahrzehnten Tradition, dass Kinder im Herbst Eicheln und Kastanien sammeln und dafür ein Bätzeli Sackgeld bekommen: 20 Rappen für ein Kilogramm Kastanien, 40 Rappen für ein Kilogramm Eicheln.

Die Absicht: Winterspeck

Die Eicheln und Kastanien sind nicht nur als Leckerbissen für die Tiere gedacht. Hinter der Fütterung steckt eine Absicht: Winterspeck. «Die Wildtiere müssen jetzt winterfeist werden, also ein paar Kilo Fett für den Winter zulegen», sagt Wildparkleiter Christoph Fischer. Eicheln und Kastanien sind reich an Kohlenhydraten und Proteinen und schlagen deshalb schön auf die Rippen. «Diese hochwertigen Nährstoffe brauchen die Tiere, das gehört zur natürlichen Haltung», sagt Fischer. Damit die Tiere nicht speckig werden, wird das restliche Futter reduziert. «Ein Kilo Eicheln entspricht einem Kilo Heu», sagt Tierpfleger Ruedi Lindenmann.

Zwei, die seit Jahren durch die Wälder ziehen und Eicheln und Kastanien sammeln, sind die Geschwister Sascha (10) und Janine (13) Wülser aus Niederlenz. «Das Schwierigste ist, den richtigen Baum zu finden», sagt Janine. Ist die Eiche oder Kastanie erst einmal entdeckt, ist das Sammeln ein Leichtes. Aber aufpassen muss man, sagt Sascha: «Wenn man in die Stacheln der Kastanie fasst, ist das blöd. Das tut ganz schön lange weh.»

Deshalb müsse man immer gute Schuhe tragen, um auf geschlossene Schalen draufzutrampen und sie so aufzubrechen. Ihr Tipp für den besten Sammelmoment: Nach dem Regen und wenn es windet: «Dann sind die Schalen aufgeweicht und die Nüsse fallen von den Bäumen.»

Jedes Nüsschen zählt, auch wenn es nur ein paar Gramm schwer ist. Rund 250 Eicheln müssen ins Körbchen, bis das Kilo erreicht ist. Da wird es einem bei den Rekord-Zahlen, an die sich Lindenmann erinnert, fast schwindlig: Damals wurden zwölf Tonnen Kastanien gesammelt, dazu fünf Tonnen Eicheln. Doch das ist selbst dem gefrässigsten Rot- oder Axishirsch zu viel. Gerade bei den Kastanien, weil die nur von den Hirschartigen gefressen werden. «Einen Teil der Kastanien haben wir deshalb an andere Wildparks verkauft», sagt Lindenmann.

Sammeln hat etwas Nostalgisches

Das Sammeln für ein bisschen Sackgeld hat etwas Nostalgisches. Es erinnert natürlich an die Mäuse, die Kinder fingen und gegen einen Batzen ablieferten – um die Mäuse flugs wieder vom Misthaufen zu stibitzten und sie noch einmal abzugeben und doppelt abzustauben.

An längst vergangene Zeiten erinnern auch die 20 beziehungsweise 40 Rappen Entschädigung: «Das wird ab und zu kritisiert», sagt Lindenmann. Aber mehr könne er beim besten Willen nicht bezahlen. «Sonst kann ich das Futter gleich beim Händler bestellen.» Das kommt für ihn aber nicht infrage, auch wenn nun samstags extra ein Tierpfleger zusätzlich im Park sein muss, um die Ware entgegenzunehmen. «Das ist Tradition im Roggi, das muss so bleiben.»

Die Sammelwut jedenfalls vermag der kleine Rappenbetrag nicht zu dämpfen. Lindenmann erinnert sich an Sammler, die bis zu 800 Kilogramm Kastanien angeschleppt haben. «Das gibt dann einen ordentlichen Batzen», sagt er und lacht. Und auch Sascha und Janine sind sich nicht zu schade, sich auch für ein Fünferli zu bücken. «Wir machen das für die Tiere und fürs Roggi», sagen sie.

Grossmutter Lotti Schlatter knufft Sascha in die Seite und meint: «Einen Coupe wollen wir uns mit den gesammelten Nüssen aber schon verdienen, oder?» Sascha grinst. Und nickt.