Wenn Kristina Eva Schwabe am Aarauer Bahnhof steht und sich die Menschen anschaut, die in der «Junkie-Ecke» kauern, dann sieht sie verlorenes Potenzial, dann wird sie traurig, dann wird sie politisch. «Für unsere Gesellschaft zählen einzig die Arbeitsfähigen, jene, die ‹schaffen›», sagt Schwabe. Alle anderen gelten als nicht vollwertig. «Dabei hat kaum einer jener Menschen im ‹Junkie-Ecken› sein Schicksal selbst gewählt.» Kristina Eva Schwabe schmerzt diese Gesellschaftsdefinition, in der nur die Leistungsstarken etwas zählen. Deshalb hatte sie der Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen so entgegengefiebert.

2008 hatte die Küttigerin das erste Mal von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens gehört. «Das ist es!», dachte sich die junge Frau und meldete sich bei jenen Leuten, die das Grundeinkommen auf die nationale politische Agenda setzen wollten. «Viele politische Ideen kratzen nur ein wenig an der Oberfläche der bestehenden Zustände. Das bedingungslose Grundeinkommen aber wälzt das Denken und die Strukturen um. Das ist ein elementarer Wandel», sagt Schwabe.

Oder mindestens wäre es das. Denn die Schweiz wird in absehbarer Zukunft kein bedingungsloses Grundeinkommen einführen. 81 Prozent der Aargauer Stimmbürger haben der revolutionären Idee am Sonntag einen Korb erteilt, schweizweit waren es 77 Prozent.

Viel Elan und düstere Prognose

Trotz dieses Rückschlags: Kristina Eva Schwabe setzt sich weiterhin voller Elan für das Anliegen ein. Sie hat diverse Texte geschrieben, Podien veranstaltet, Unterschriften gesammelt und Flyer verteilt. Vor allem aber konfrontierte sie ihr direktes Umfeld mit der Idee, diskutierte und animierte ihre Bekannten zum Umdenken. «Für mich ist das eine Herzensangelegenheit», sagt Schwabe.

Sie kennt das Gefühl, von der Leistungsgesellschaft ausgeschlossen zu sein, sich nutzlos vorzukommen, zu wollen, aber nicht zu können. Schwabe leidet seit Jahren unter psychosomatischen Beschwerden und hat diverse Klinikaufenthalte hinter sich. «Das Gefühl, etwas zurückgeben zu wollen und sich vom Leistungsdruck derart gehemmt und gelähmt zu fühlen, ist kaum aushaltbar und führt oft zu Resignation», sagt Schwabe.

Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen, ist sie überzeugt, würden Menschen wie sie vom Zwang erlöst, sich in das «System Leistung» einzugliedern. «Es geht mir vor allem um die Bedingungslosigkeit, erst in zweiter Linie um das Einkommen», sagt Schwabe. «Jeder sollte bedingungslos das machen können, was ihm liegt und was er gerne tut.» Sie spricht von Systemzwang, von unterdrückten Intentionen, vom Wunsch nach freier Entfaltung. Viele Menschen fühlten sich nicht wirklich wohl in ihrer Arbeitsrealität. «Trotzdem ist die Idee, dass jeder ohne Leistungszwang Geld bekommt, für viele Schweizer ein Problem und weckt scheinbar gewaltige Verlustängste.»

Nicht nur für die Faulen

Bemerkt hat Schwabe dies während ihrer Zeit als Unterschriftensammlerin für die Grundeinkommens-Initiative. «Die Reaktionen waren teilweise sehr negativ. ‹Wie domm muessmer si› sagten einige. Andere hingegen fanden die Idee umwerfend gut.» Auf den Vorwurf, das bedingungslose Grundeinkommen fördere vor allem die Faulheit der Menschen und verleite sie dazu, sich tatenlos zurückzulehnen, reagiert Schwabe gelassen. «Ich bin überzeugt, dass der Mensch grundsätzlich tätig sein will. Wir müssen wieder lernen, uns gegenseitig ein bedingungsloses Grundvertrauen zu schenken.» Klar gebe es ein paar Egomanen, die sich einzig um ihr eigenes Wohl kümmerten. «Aber die gibts auch heute schon, wo wir kein bedingungsloses Grundeinkommen haben», sagt sie.

Daran, dass die Schweiz als erstes Land dieser Welt ein bedingungsloses Grundeinkommen einführt, glaubte Schwabe aber nie wirklich. «Ich war immer Realistin. Und dennoch bin ich überzeugt davon, dass wir diese Diskussion weiterführen müssen.» Denn irgendwann in naher Zukunft, wenn die Digitalisierung noch mehr Menschen arbeitslos mache, dann werde das Grundeinkommen die einzige Lösung sein.

Bis zum Wahlsonntag klebte Schwabe deshalb eifrig Kleber mit der Aufschrift «I love Grundeinkommen» auf ihre Banknoten, um das politische Anliegen auch auf monetärem Weg zu streuen. Damit möglichst viele Menschen mit ihrem Anliegen in Kontakt kommen, liess sie sich in den vergangenen Monaten nur noch 10er- und 20er-Nötli auszahlen.