Aarau
«Die Ablehnung des Zentralspitals war ein Fehler»: Ulrich Bürgi über seinen Abschied aus der Politik

Der Aarauer Ulrich Bürgi kämpfte als Einwohnerrat gegen den Maienzug-Vorabend und als Grossrat für ein bezahlbares Gesundheitswesen. Jetzt verabschiedet sich der Freisinnige aus der Politik.

Nadja Rohner
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Hat während 18 Jahren Stadt- und Kantonspolitik gemacht: Ulrich Bürgi (FDP), abtretender Grossrat.

Hat während 18 Jahren Stadt- und Kantonspolitik gemacht: Ulrich Bürgi (FDP), abtretender Grossrat.

Britta Gut

«Politik ist für mich ein Hobby, ich habe genug andere Nebenbeschäftigungen.» Das sagte Ulrich Bürgi 2004 im AZ-Interview, als er – damals erst seit zwei Jahren im Aarauer Einwohnerrat – mit dem Vorwurf konfrontiert wurde, sich mit einem besonders kühnen Vorstoss profilieren zu wollen. Jetzt braucht der Chefarzt Notfallmedizin des Kantonsspitals Aarau ein neues Hobby: Per Ende Jahr tritt Bürgi aus dem Grossen Rat zurück. Nach elf Jahren im Einwohnerrat – und vier Jahren als Kopf der städtischen FDP – sass er seit 2014 im Kantonsparlament.

Mit 63 wäre Bürgi zwar in einem Alter, das die Kandidatur für eine weitere Legislatur durchaus zugelassen hätte. Aber: «Übernächstes Jahr werde ich pensioniert. Bis dahin werde ich sukzessive meine Mandate abgeben. Im Juni 2021 auch das Vizepräsidium des Aargauischen Ärzteverbands.» Bisher habe er wenig Freizeit gehabt, sinniert Bürgi. Nun will er mehr Musse fürs Reisen, Lesen und den Sport.

Mit Ulrich Bürgi verliert die Gesundheitskommission ihren Präsidenten. Als oberster Aargauer Gesundheitspolitiker habe er stets versucht, die Diskussion durch Fakten zu versachlichen, sagt der Freisinnige. «Man muss im Gesundheitswesen aufgewachsen sein, um es komplett zu verstehen. Leider mangelt es in der Politik an Faktenwissen; und ich sah es als meine Aufgabe, es einzubringen.»

Schon Vater und Grossvater waren KSA-Ärzte

In Aarau aufgewachsen, ging Bürgi als 20-Jähriger zum Studieren nach Bern. Danach arbeitete er lange am Unispital Zürich und als fliegender Arzt bei der Rega. 2001 kam er zurück in seine Heimatstadt und wurde Leitender Arzt am KSA – dort, wo schon sein Vater und sein Grossvater als Mediziner tätig waren. Seit 2004 ist Ulrich Bürgi Chefarzt. Warum ausgerechnet in der Notfallmedizin? «Wegen der Abwechslung», sagt er. «Ich habe in 35 Jahren nie zwei gleiche Tage erlebt.»

Kein Wunder, ist es Bürgi wichtig, die Spitäler zu unterstützen. «Sie sind für die Gesundheitsversorgung eminent – die Politik versucht leider immer wieder, sie mehr einzuschränken und finanziell zu kontrollieren.» Explizit sprach sich der Arzt vor Jahren für ein einziges Aargauer Zentralspital aus. Vergeblich. «Meine Haltung dazu ist unverändert», sagt Bürgi heute.

«Die Ablehnung im Grossen Rat war ein Fehler. Wir sind angewiesen auf die Regionalspitäler, das hat die Covid-Krise gezeigt. Aber der Aargau braucht keine drei grossen Zentrumsspitäler, wie er es heute mit den Kantonsspitälern und der Hirslanden Klinik hat. Das Problem sind nicht nur die teuren Doppelspurigkeiten – es wird auch immer schwieriger, für alle Spitäler genügend Fachleute zu rekrutieren, um den 24-Stunden-­Betrieb zu gewährleisten.» Jetzt, da sowohl das KSA als auch das KSB kräftig bauen, ist das Thema erst mal vom Tisch. «Die nächste oder übernächste Generation wird es zwangsläufig aufgrund der finanziellen Folgen wieder aufgreifen.»

Er kämpfte für das Stadion im Torfeld Süd

Wenn man Ulrich Bürgi nach seinen politischen Erfolgen fragt, sagt er nie «ich», immer «wir». Und das, obwohl er kein Hinterbänkler war, sondern ein Wortführer. «In meiner Zeit als Einwohnerrat haben wir viel erreicht, das heute Aarau bereichert: den Bahnhof-Neubau, das Stadtmuseum, die Fussballanlage Schachen, die Fusion mit Rohr.»

Bürgi hat sich als Co-Präsident des Komitees für das Stadion im Torfeld Süd eingesetzt. Zudem brachte er die Idee ins Spiel, dort auch gleich die Kunsteisbahn und eine Halle zu bauen– allerdings ohne Erfolg. Und das Stadion, mittlerweile mit Wohntürmen statt weiteren Sporthallen geplant, steht noch immer nicht. Dennoch ist Bürgi überzeugt: «Unsere Grundlagenarbeit war nicht vergebens.» Er engagierte sich auch ausserhalb der Politik für den FC Aarau 1902, zum Beispiel im Vorstand und im Juniorencamp. «Früher war ich an jedem Match. Heute hängt die Frequenz von der Qualität auf dem Platz ab – aber im neuen Stadion kaufe ich sicher wieder eine Saisonkarte.»

2004 kam der wohl umstrittenste Vorstoss des Einwohnerrats Bürgi: Er forderte den Stadtrat zum Verzicht auf den Maienzug-Vorabend auf, diese «kommerzielle, dominante City-Megaparty, die den eigentlichen Maienzug konkurrenziert». Der Aufschrei war gross, und im Parlament hatte Bürgis Postulat keine Chance. Heute schmunzelt er, wenn man ihn darauf anspricht. «Meine drei mittlerweile erwachsenen Kinder sehen das zwar anders – aber ich bin nach wie vor überzeugt, dass der Vorstoss richtig war. Meine Sorge gilt dem 450 Jahre alten, einmaligen Kulturgut Maienzug, der für die Aarauer der wichtigste Tag im Jahr bleiben soll.»

«Die Flugrettung ist aktuell völlig überdimensioniert»

Im Grossen Rat hatte Bürgi als Kommissionspräsident viel Arbeit – auch deshalb finden sich unter den 15 Vorstössen mit seinem Namen nur drei, die nichts mit der Gesundheitsversorgung zu tun haben. «Wir hielten in den Wirren um Regierungsrätin Franziska Roth die politische Aufsicht über das Departement Gesundheit und Soziales aufrecht, haben das Spitalgesetz durchgebracht und die gemeinwirtschaftlichen Leistungen – ein Zankapfel – im Budget fixiert», zählt er die Erfolge auf.

Gerne hätte er noch die Abgeltung der Vorhalteleistungen für das KSA («den teuren 24-Stunden-Dienst») durchgebracht, die Flugrettung reguliert («aktuell völlig überdimensioniert»), die Gesundheitspolitische Gesamtplanung und den zweiten Teil des Spitalgesetzes mitgestaltet. Zweimal kandidierte Bürgi für den Nationalrat.

Es reichte knapp nicht. «Ich hätte mich auf Bundesebene für eine tiefgreifende Revision des Krankenversicherungsgesetzes eingesetzt. Das Gesundheitswesen wird zunehmend unbezahlbar; unnötig viel Geld geht durch zu viele Krankenkassen und aufgeblasene Verwaltungsapparate verloren.» Und: «Wir haben grosse Probleme in der nationalen Digitalisierung. Das Bundesamt für Gesundheit geht in der Covid-Krise unter, weil es in diesem Bereich hinterherhinkt.»

Vom Kanton erwartet er Impf-Unterstützung

Apropos Covid – wie stark prägt die Pandemie Bürgis Arbeitsalltag? «Es ist eine massive Zusatzbelastung, zumal November und Dezember im Notfall generell starke Monate sind. Wir schaffen es, weil die Mitarbeitenden sehr grossen Einsatz zeigen – aber sie sind langsam erschöpft.» Er hätte sich mehr Unterstützung vom Kanton erwartet, sagt Bürgi.

«Das Contact-Tracing müsste deutlich besser funktionieren, nachdem man sich den Sommer über darauf vorbereiten konnte. Der Kanton hätte uns Spitäler ausserdem bei den Tests unterstützen sollen, denn das Testen der Bevölkerung gehört eigentlich nicht zu unseren Aufgaben. Deshalb warten wir nun mit einiger Sorge auf die Impfung und erwarten vom Kanton, dass er sich dieses Mal an der Infrastruktur und Logistik beteiligt.»