Aarau
Die Aarauer Sprengnacht fühlte sich an wie Silvester – nur besser

Das Ende des «Sprecherhofs» zog Tausende Schaulustige an. Ein paar waren wehmütig, viele bierselig. Es war eine Stimmung wie in einem vollen Fussballstadion.

Aline Wüst
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Die Kantonspolizei schätzt, dass 5000 Menschen die Sprengung vor Ort mitverfolgten, hier auf der Hinteren Bahnhofstrasse.

Die Kantonspolizei schätzt, dass 5000 Menschen die Sprengung vor Ort mitverfolgten, hier auf der Hinteren Bahnhofstrasse.

christoph voellmy

Bereits um 22 Uhr blickten alle zum ausgehöhlten Hochhaus. Ob es sich unwohl fühlte, so nackt und begafft? Kaum. Randvoll mit Sprengstoff, genoss der «Sprecherhof», was sonst nur Kirchen zuteil wird. Beleuchtung bis tief in die Nacht, und das am Donnerstag. Vier Stunden später werden die Scheinwerfer ins Nichts leuchten.

«Ich verstehe das einfach nicht», sagte ein 80-jähriger Mann. Als das Hochhaus gebaut wurde, da sei es der Stolz der Stadt gewesen. «Und jetzt, 40 Jährchen später, ist es nichts mehr wert.»

Das tue ihm weh. Machen kann er nichts. Der «Sprecherhof» ist ein Todgeweihter, sein Untergang ein Spektakel. Nach dem Knall wird der Mann sagen: «Es war gut, momoll.» Die Faszination in seiner Stimme wird er nicht verbergen können.

Was ist so magisch an einer Sprengung, dass Hunderte übermüdet ins Büro gehen am nächsten Tag? «Man muss jedes Ereignis zum Erlebnis machen», erklären die vier jungen Männer, die um halb zwölf im Gais- Kreisel Fondue essen und Weisswein trinken.

«Wir wollen sehen, wie er zusammensackt», sagten Hans Roth und Heinz Gränacher. «Besser als zu Hause gamen», sagt eine Gruppe Teenager. Zwei Asylbewerber erzählen, dass sie schon morgens gespürt hätten, dass irgendetwas in der Luft liegt.

Sie werden ausharren, frieren bis zum Knall. Wollen wie alle mit eigenen Augen sehen, was sonst nur im Fernsehen gezeigt wird. Ein anderer Zuschauer meinte: «Faszinierend ist, dass etwas so schnell passiert.» – Zwei Sekunden wird der Zusammensturz des «Sprecherhofs» dauern.

Auch gefachsimpelt wird im Vorfeld. «Die Druckwelle, die spürt man, und der Staub, ich sag dir, der Staub wird überall eindringen.» Als Erfahrungswert wird der Zusammensturz der Zwillingstürme in New York herbeigezogen – an den Haaren.

Den tieferen Sinn in der Lust am Knall zu suchen, macht wohl keinen Sinn. Es ist ein Ereignis mehr im Leben, das unter «mit eigenen Augen gesehen» abgebucht werden kann. Etwas zum irgendwann den Enkelkindern Erzählen. Und ein Grund für ein Bier oder zwei oder fünf.

Noch 60 Minuten. In den Zuschauerzonen um den «Sprecherhof» ist die Atmosphäre geladen wie in einem vollen Fussballstadion vor dem Anpfiff. Tapfer verstecken die Kinder ihr Gähnen.

Hinter einem Fenster im Altersheim zeichnet sich der Schatten einer alten Frau ab. Auf einem Balkon an der Hinteren Bahnhofstrasse grölen Betrunkene. Singen «Fürio, de Bach brönnt» – das Lied zum Aarauer Brauch Bachfischet.

Dann wieder huldigen sie laut einem FC-Aarau-Spieler: «Remo Staubli Fussballgott.» Zwischendurch kippen sie Bier auf die Menschen unten auf der Strasse.

Dann wird das Gelände geräumt. Die Frage aller Fragen: Wo sieht man die Sprengung am besten? Die Sicherheitskräfte lassen auch bettelnde Schaulustige nicht mehr durch. Sie wissen warum.

«Ich freu mich so!», sagt eine junge Frau und küsst ihren Freund. Fast auf den Füssen stehen sich jetzt die Zuschauer in den Publikumszonen.

Nach 2 Sekunden nur noch dunkle Nacht

Dann endlich! Es hornt. Der Countdown. Dann der Knall, der sich im Herzen festkrallt. Und nach zwei Sekunden ist da, wo mal ein Hochhaus stand, nur noch dunkle Nacht.

Die Menge johlt: «Zugabe, Zugabe!» Hunderte Male stürzt der «Sprecherhof» in den nächsten zehn Minuten auf den Handydisplays noch zusammen.

Als die Abschrankungen weggeräumt werden, drängen die Leute zum Trümmerhaufen. «Unglaublich. Wahnsinn», sagt eine Frau immer wieder.

Ein Mann mit Ostschweizer Dialekt erzählt seinen Freunden lauthals: «Den Leuten in der Ostschweiz habe ich nicht gesagt, dass nur ein Turm gesprengt wird. Ich hab ihnen erzählt: Ganz Aarau wird gesprengt.»

Wie die Sprengung war? Wie Silvester – nur besser, weil einmalig.

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