Xenja sitzt mit festgezurrtem Helm und angespanntem Gesicht in der Reitergarderobe im Schachen. Gedankenverloren schnürt sie sich die Handschuhe um. Es ist still, die Reiter sind in sich gekehrt. Und doch ist die Spannung deutlich spürbar, welche eine knappe Viertelstunde vor dem Rennen in der Garderobe vorherrscht. Plötzlich reisst eine Glocke die Reiter aus ihrer Konzentration. Xenja besteigt ihren sechsjährigen Wallach Kenmay, erhält letzte Anweisungen von der Trainerin im Führring und reitet zum Start.

Xenjas Rennen ist das zweite an diesem Sonntag und führt dreimal an der Tribüne vorbei, ein Flachrennen über 2600 Meter. Die Tribüne ist zwar zu Beginn des Nachmittages noch nicht voll besetzt. Umso belebter geht es dafür an den Apéroständen und in der Festwirtschaft daneben zu und her. Während die ersten Pferde im Trabrennen mit ihren Reitern in einem Gefährt über die Rennstrecke preschen, gönnen sich viele Zuschauer zuerst einmal ein Mittagessen.

Inspektion im Führring

Genau studiert werden unterdessen die Pferde, welche im Führring schon für das dritte Rennen warmgelaufen werden. Mit Stift und Rennprogramm in der Hand studieren die Zuschauer mit ernster Miene die Pferde. Ein Pferd, das stark schwitzt oder nervös ist, wird dabei oft nicht als Favorit eingestuft. Während für einen Laien jedes Pferd jedoch ziemlich ähnlich ausschaut, fallen Nicole Payllier schon kleinste Details auf. Sie ist Vorstandsmitglied des Rennvereins.

«Dieses Pferd hat eine sehr schmale Brust, jenes dahinter ist dagegen viel athletischer gebaut. Das muss aber noch gar nichts für das Rennen bedeuten. Wie diese ausgehen, ist im Voraus immer ungewiss», sagt Payllier, selber eine ehemalige Rennreiterin. Auch gebe es Pferde, welche mit weicherem Boden besser zu Recht kommen und umgekehrt.

Ein nervöses Pferd wäre ein eher schlechtes Zeichen.

Ein nervöses Pferd wäre ein eher schlechtes Zeichen.

Die Pferde stehen als Athleten im Mittelpunkt. Jedes Pferd erhält während dem Wettkampftag ein auf das Tier angepasste Futter, dazu die richtige Einstreu. Es wird geputzt und poliert, bis das Fell im Sonnenlicht schimmert. Schliesslich sind die Pferde das bis zu 100 000-fränkige Potenzial eines Besitzers. Ein teures Hobby also, das oft nicht mit einem stolzen Preisgeld belohnt wird und dennoch mit Leidenschaft betrieben wird.

«Die Pferdeliebhaber sind keine versnobte Gesellschaft, wie man sie von England kennt», betont Nicole Payllier. Ein Glas Weisswein auf ein gelungenes Rennen darf es dann aber doch sein.

Ausserhalb dieser kleinen Welt der Pferdenarren bedeutet der Sport für viele Besucher des Pferderennens im Schachen pure Unterhaltung. Mit Sonnenbrille und kurzen Hosen liegen sie im Gras, schwatzen und essen eine Bratwurst, während diejenigen, die gewettet haben, ihr Pferd auf der Zielgeraden anfeuern. Es sind diese beiden Welten von Professionalität und Unterhaltung, welche an einem Pferderennen ineinander verschmelzen.

Hinzu komme, dass in Aarau der Anlass sehr volksnah und eher klein gehalten werde, meint Payllier: «So übertragen sich die Emotionen körperlich, wenn der nebenan mitfiebert und sich über das Resultat freut. Es ist diese Kombination von Kribbeln, Pferdesport, Tier und Natur, welche die Zuschauer nach Aarau zieht.»

Dieses Kribbeln hielt auch in Xenjas Flachrennen bis auf die letzten Zentimeter an. Ihr und ihrem Wallach Kenmay reichte es letztlich auf den zweiten Rang. Mit einem Preisgeld von 1728 Franken ist ihr der Start in eine hoffnungsvolle Saison geglückt.