Frau Fuchs, wie lebt es sich in Peking? 

Martina Fuchs: Jetzt gerade nicht so einfach, wegen des Smogs. Auf die Strasse gehe ich nur mit Maske vor Mund und Nase. Zuhause hält mich ein Luftreiniger made in Switzerland am Atmen. Vor allem jetzt im Winter, wenn im Norden von Peking die Kohlekraftwerke auf Hochtouren laufen, ist die Luft besonders giftig. Auch wegen der Millionen Autos, welche die Luft verpesten. Aber diese wahnsinnige Energie und die Vibes in Peking, die alles vorwärtstreiben, sowie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen vor Ort zu erleben, ist enorm spannend. 

Und Ihr Zuhause? Wie leben Sie privat?

Ich habe ein kleines Studio im Trendviertel Sanlitun im Zentrum von Peking. Etwa fünfzehn Quadratmeter gross. Es ist winzig. Dazu gehören eine eingebaute Küche und ein separates Bad. Ich verdiene auch nur sehr wenig, ein Lokal-Gehalt. Dafür sammle ich umso mehr Erfahrung, lerne eine fremde Kultur, Sprache und Arbeitsmentalität kennen und kann einflussreiche Kontakte knüpfen.

Wie kamen Sie als Schweizerin zu Ihrem Job beim chinesischen Fernsehen?

Es war vor fünf Jahren an einer Pressekonferenz auf der syrischen Botschaft in Abu Dhabi, mitten im Arabischen Frühling. Ich arbeitete damals in Dubai für Reuters, da lernte ich einen Kameramann von CNN kennen, dessen Schwester beim chinesischen Staatsfernsehen in Peking arbeitete. So entstand der Kontakt.

Das tönt alles sehr abenteuerlich. Sind Sie eine Abenteurerin?

Fremde Kulturen interessierten mich schon seit der Primarschulzeit in Aarau. Mit 18 Jahren, während den Sommerferien in der Kantonsschule, packte ich den Koffer und reiste für fünf Wochen nach Tansania, um dort in einem Kindergarten zu arbeiten. Vorher hatte ich monatelang Suaheli gelernt, die am weitesten verbreitete Verkehrssprache Ostafrikas.

Ihr Vater, der ehemalige Stadtbaumeister, hat gemeint, Sie seien schon als Jugendliche nicht zu halten gewesen.

Ganz eindeutig. Ich erinnere mich, wie ich als 16-Jährige mit einer Freundin, halb Schweizerin, halb Portugiesin, in Portugal in den Ferien war. Nach zwei Wochen wäre die Heimreise in die Schweiz geplant gewesen, doch ich sagte Tschüss, nahm in Lissabon den Bus, fuhr die Küste runter und bestieg die Fähre nach Tanger, Marokko. Dort habe ich meinen Eltern telefoniert: Hallo, bin in Afrika.

Sprachen eröffnen einem fremde Kulturen. Sie haben deshalb schon als Jugendliche Suaheli gebüffelt?

Richtig. Mein Universitätsstudium wollte ich unbedingt in einer Fremdsprache absolvieren. Wirtschaftsgeschichte und internationale Beziehungen studierte ich in Genf in Französisch. Im Nebenfach belegte ich Portugiesisch und Arabisch.

Und dann stellten Sie die Weichen für Ihre berufliche Zukunft.

Mein erstes Job-Interview nach der Uni hatte ich in Bern beim schweizerischen Geheimdienst. Ich hatte ja Arabisch studiert in Genf, und beim Geheimdienst suchten sie offenbar jemanden, der arabische Sender abhören konnte. Den Arabisch-Test bestand ich ohne Probleme. Doch dann ging es um meine charakterliche Eignung. Es sei ja alles okay, meinten sie, nur sei ich etwas zu extravertiert. Etwas für mich zu behalten, ist nicht unbedingt mein Ding. Die beiden Praktika bei der UNO in Genf und auf der Schweizer Botschaft in Damaskus, als es in Syrien noch friedlicher war, befriedigten mich nicht. Da war einfach zu wenig los. Aber ich wollte ja schon immer die Welt entdecken, schauen, wie die Leute anderswo leben, was sie denken. Und so erwachte das Interesse am Journalismus. Meine Entdeckungen anderen Leuten zu vermitteln, das macht mir Spass.

Wo haben Sie das journalistische Handwerk gelernt?

An der amerikanischen Universität von Kairo studierte ich Fernsehjournalismus. Die Unterrichtssprache war teils Englisch und teils Arabisch. Einen Job habe ich dann bei Reuters in London gefunden, in der Küche des Journalismus. Je nach Sprachkenntnis, Begabung und Interesse wird man nach dem ersten Praktikumsjahr ins Ausland geschickt, in meinem Fall war es Dubai. Ich kam dabei viel herum, unter anderem in den Jemen, nach Katar, Oman und Kuwait.

Das waren turbulente Zeiten. Wie erlebten Sie die Umwälzungen des Arabischen Frühlings?

Der Arabische Frühling war auf dem Höhepunkt, als ich in Dubai war. Man sitzt als Journalistin wie auf Nadeln, 24 Stunden, rund um die Uhr. Dubai war das regionale Headquarter von Reuters. Ich und die Kollegen, die arabisch konnten, sassen praktisch auf dem Hot Seat, auf dem heissen Stuhl, verfolgten die Nachrichten, die reinkamen, das libysche Radio, das ägyptische Fernsehen. Die Breaking News brachten wir als Flash, in grossen roten Buchstaben. In der Zentrale in London wurden die Nachrichten nochmals geprüft, bevor sie freigegeben wurden. Dann ging es darum, die Meldungen zu ergänzen und aufzudatieren, bis zum ausführlichen Bericht. Stressig war das schon. Nach drei Jahren Arabischem Frühling wurde mir alles zu viel. Frühlingshaft war die Lage in der arabischen Welt nicht mehr. Pessimismus und Ausweglosigkeit machten sich breit.

Und da suchten Sie in China ein neues Betätigungsfeld, ausgerechnet in China?

In China ist es gerade umgekehrt. Da herrscht Aufbruchstimmung, die Wirtschaft boomt. Für Sprache und Land hatte ich mich schon in Dubai interessiert, belegte dort einen dreimonatigen Crashkurs in Chinesisch. Natürlich waren das nur ein paar Brocken. Chinesisch ist wirklich eine der schwierigsten Sprachen mit Tausenden von Schriftzeichen und vier verschiedenen Tonlagen.

Wie ist das chinesische Staatsfernsehen organisiert?

Das Hauptquartier von China Central Television CCTV ist in Peking, wir haben aber auch Ableger in Nairobi, Washington und anderen Städten und Ländern. CCTV zählt mehr als 40 Kanäle, einen für Sport, für Finanzen, Musik oder die Armee. Die meisten senden in Chinesisch. Einer in Englisch, CCTV News, bei dem ich nun seit bald vier Jahren arbeite. 2016 ist geplant, in Europa einen Newsroom zu eröffnen. Vieles ist noch im Aufbau. Mit BBC oder CNN ist CCTV noch nicht zu vergleichen. Doch unsere Sender werden zur Zeit mit moderner Technik aufgerüstet. Mehr und mehr arbeiten internationale Leute beim chinesischen Staatsfernsehen. Ziel ist es schon, irgendwann einmal mit den Grossen wie CNN und BBC mithalten zu können.

Bei aller Liberalisierung, ist es nicht immer noch die Partei, die über allem wacht? Wie lässt sich da unabhängiger Journalismus betreiben?

Wie gesagt, ich arbeite beim internationalen News-Kanal. Und da bemüht man sich schon, internationale Relevanz zu bekommen und sich von der Partei zu distanzieren. Die chinesische Regierung und das CCTV-Management sind sich bewusst, dass wir nicht das Sprachrohr der Regierung sein können. Ich bin als Foreign Expert angestellt und arbeite für die Show «Global Business». Ich kann meine eigenen Storys machen, die sich um Themen der Wirtschaft und Finanzen drehen.

Sie werden nicht kontrolliert?

Ich habe im Newsroom freie Hand. Wenn das Skript steht, lege ich es den Redaktoren vor. Normalerweise wird nichts geändert. Ein Foreign Expert hält sich bei politischen Meinungsäusserungen und bei innenpolitischen Diskussionen zurück. Es ist ein Non-Verbal-Agreement, in das auch ich mich schicke.

Worüber berichten Sie?

Features und Reportagen über die Inflation in China beispielsweise oder wie sich die Frauen in Kaderpositionen hocharbeiten, über das Bodyguard-Business, von dem es immer mehr gibt in China mit der rasant wachsenden Anzahl von Neureichen. Meine Vorliebe sind jedoch Interviews, die ich mit wichtigen Business-Leuten aus China, CEOs, Zentralbanken-Chefs und Ministern aus aller Welt führen darf.

Interviews, die Sie in Englisch führen?

Genau, die meisten in Englisch. Doch mittlerweile spreche und schreibe ich fliessend Business-Chinesisch. In Chinesisch geführte Interviews werden untertitelt, damit sie international ausgestrahlt werden können. Die chinesische Sprache begleitet mich immer, sei es im Newsroom oder auf einem Reporting Trip. Meine Kameramänner verstehen kein Wort Englisch, eine Verständigung ist nur in ihrer Sprache möglich. Auch meine Chat-Gruppe tauscht sich auf Chinesisch aus.

Wie stabil ist dieses grosse Land? Gibt es nicht auch Brüche in dieser Gesellschaft? Alle Bevölkerungsschichten können doch sicher nicht mithalten?

Solange die Regierung der Bevölkerung versichern kann, dass es vorwärtsgeht und jeder profitieren kann, ist alles okay. Mit dem momentanen Wirtschaftswachstum von über 6 Prozent pro Jahr dürften meiner Meinung nach in den nächsten Jahren keine gravierenden sozialen Probleme entstehen. Wenn jedoch die Provinzen im Westen des Landes, die Uiguren oder andere Minderheiten spüren sollten, dass sie benachteiligt sind, wenn es Terroranschläge geben sollte oder die Regierung mehr Truppen schickt, um die Kontrolle zu bewahren, dann könnte es schon zu sozialen Unruhen kommen. Ich denke aber, dass das nicht so bald passieren wird, zumal die Macht der Zentralregierung in Peking gross ist.

Wie verhält es sich mit dem Internet und dem Zugang zu den Social Media, zu Facebook und Twitter?

Wir haben in China noch keinen uneingeschränkten Zugriff zu Facebook, Twitter und Youtube. Wir müssen die «Great Firewall», wie wir sagen, mit einem VPN-Server überspringen.

Und das ist möglich?

Das bringen auch die Chinesen zustande. Ich bekomme jeden Tag ein paar Freundschaftsanfragen auf Facebook von Chinesen innerhalb Chinas. Die Regierung kontrolliert die Social Media zwar mit einem Heer von Zensoren. Es kann schon mal vorkommen, dass ein SMS über Tibet nicht ankommt.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Chinesen? Wie sind sie?

Sie sind enorm tüchtig, äusserst arbeitsam. Für mich als Schweizerin ging anfänglich vieles zu schnell, ich musste mich erst an das Tempo gewöhnen. Bevor sie handeln, gehen sie aber alles nochmals sorgfältig durch. Sie sind sehr organisiert. Und sie sind sanft im Umgang und in der Kommunikation.

Haben Sie chinesische Freunde gewinnen können?

Am Anfang hatte ich mehr westliche Freunde, Europäer und Amerikaner, auch Leute aus anderen asiatischen Ländern. Als mein Chinesisch nach einem Jahr besser wurde, schlug es um. Nun sind neun von zehn Freunden Chinesen. Sie brauchen eine gewisse Zeit, bis sie Vertrauen finden.

Wo sehen Sie die Schweizer aus Pekinger Optik?

Verglichen mit den Chinesen sind die Schweizer wahnsinnig langsam. Die Chinesen sind auf der Überholspur. Auch in der Mediennutzung. Und das macht der Regierung natürlich auch Angst, sie könnte die Kontrolle verlieren.

Wohin führt Ihr beruflicher Weg?

Ich würde gern mit CCTV 2016 nach London ziehen. Ich sehe meine Rolle nicht nur als internationale Journalistin, sondern auch als Vermittlerin zwischen Kulturen. Ich hatte Glück in den vergangenen drei, vier Jahren. Ich durfte für CCTV viele Reisen unternehmen. Ich berichtete aus der Mongolei, Malaysia, Indien, Singapur und Südkorea, ich machte exklusive Interviews wie zum Beispiel mit dem Finanzminister der Mongolei oder dem Zentralbankenchef von Indien.

Und Bundesräte haben Sie auch schon getroffen in Peking?

Die Bundesräte Didier Burkhalter, Eveline Widmer-Schlumpf und Johann Schneider-Ammann, aber auch Seco-Direktorin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch. Bereits 2014 war ich für CCTV am WEF in Davos. Auch 2016 darf ich wieder hin und werde wahrscheinlich zum zweiten Mal Nationalbankchef Thomas Jordan interviewen.

Wie haben die Bundesräte denn reagiert, als sie von einer Schweizer CCTV-Journalistin angesprochen wurden?

Etwas komisch geschaut haben sie schon, als da eine Schweizerin chinesische Kameraleute herumdirigierte. Aber ich denke, sie schätzen auch, dass kulturelle Offenheit und Toleranz so möglich sind.