Die Altstadt sei «unser aller Sache, nicht nur jener, die hier wohnen und arbeiten, sondern auch der ganzen städtischen und regionalen Bevölkerung», sagte der damalige Stadtammann Marcel Guignard am 4. März 2006.

An jenem Tag also, an dem die Verkehrsberuhigung des historischen Zentrums der Kantonshauptstadt endlich Tatsache wurde.

Vorausgegangen war diesem «neuen Kapitel der lokalen Geschichtsschreibung» ein Jahrzehnte dauerndes Seilziehen auf politischer und juristischer Ebene.

Erst mit der Realisierung des Sauerländertunnels, gefolgt vom neuen Staffeleggzubringer samt zweiter Aarebrücke und der Spange zwischen den Kreiseln AEW und Gais, gelang die Befreiung der Altstadt vom Durchgangsverkehr.

«Ende gut, alles gut?», fragte sich der damalige Aargauer Baudirektor Peter C. Beyeler im dichten Schneegestöber in seiner Festansprache am Mittag des 4. März 2006.

Es sei «verständlich, dass beim Gewerbe und der Gastronomie Zukunftsängste aufkeimen», doch er sei zuversichtlich, «dass die Stadt zusammen mit dem Detailhandel und den Wirten einiges an Kreativität an den Tag legen wird, um Menschen in die Altstadt zu locken».

Tatsächlich befürchteten nicht wenige eine «Verödung» oder gar den Tod des Stadtkerns nach dem negativen Vorbild von Brugg, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht und mit Blick auf einen weiteren Einkaufsmagneten im Perimeter des Bahnhofareals als zusätzliche Konkurrenz.

Altstadtkoordinator Marcel Suter

Der Stadtrat vertrat die Ansicht, dass diese «Belebung» im verkehrsberuhigten Zentrum nicht Sache der öffentlichen Hand sein könne, sondern der privaten Initiative überlassen sei.

Immerhin setzte die Behörde im Sinne einer «Anschubhilfe» Marcel Suter als Altstadtkoordinator ein.

Zusammen mit einem Steuerungsteam gelang es innerhalb kurzer Zeit, ein Reglement zur Nutzung des öffentlichen Raums zu entwickeln. Zu den Aufgaben zählte auch ein Eventprogramm, das die Attraktivität der Altstadt fördern sollte. So feierten im Jahre 2006 Anlässe wie die Aarauer Stadtstubete oder das Night-Shopping ihre Premiere.

Nach zwei Jahren wurde das Mandat des Altstadtkoordinators vom Stadtrat vorzeitig aufgelöst, weil man im Unteren Rathaus den Gesundheitszustand des Stadtkerns als stabil einstufte und sich die pessimistischen Prognosen nicht bewahrheitet hatten.

Marcel Suter allerdings blieb der Altstadt als Promotor ohne Entgelt und aus freien Stücken erhalten, «im Wissen darum, dass ein kleiner Husten lebensbedrohlich werden könnte».

Die Aktivitäten wurden unverändert und ab 2008 unter dem Dach der Organisation Aarauer Standortmarketing weitergeführt. Mit Erfolg, auch wenn ab 2010 die Bauarbeiten für die Neugestaltung der Altstadtgassen für Erschwernisse sorgten.

Das gelungene Werk konnte Ende Oktober 2011 abgeschlossen und mit einem Eröffnungsfest der Öffentlichkeit übergeben werden.

Im gleichen Jahr trafen sich die Direktbeteiligten zu einer Entwicklungskonferenz Altstadt, die aber keinen frischen Wind, sondern nur warme Luft brachte.

Am Widerstand Betroffener gescheitert ist vorerst auch eine Revision des Altstadt-Reglementes. Es zeigte sich, dass die Interessen der Beteiligten, nämlich Geschäftsinhaber, Wirte, Liegenschaftsbesitzer und Altstadtbewohner, überaus verschieden sind.

Auch der vom Stadtrat einberufene erste «Runde Tisch Altstadt» im vergangenen Jahr brachte keine Lösungen, höchstens Signale zur Gesprächsbereitschaft. Drei Problemfelder standen und stehen im Brennpunkt: Der Busverkehr, die lärmigen Partynächte unter freiem Himmel und die Tagesnutzung der Geschäfte im Stadtkern.

Detailhandel mit Problemen

Während die Gastronomie im historischen Zentrum floriert, «kämpfen die Fachgeschäfte heute weniger mit verkehrstechnischen Begebenheiten, sondern vielmehr mit den Entwicklungen im Detailhandel», zieht Marcel Suter nach zehn Jahren Bilanz.

Suter verweist in diesem Zusammenhang auf den Einkaufstourismus, aber auch auf Internetangebote. «Wir müssen für den Detailhandel in der Innenstadt noch mehr tun», sagt Suter.

Und mit Blick auf die Grossverteiler rät er: «Man darf die Konkurrenz nicht kritisieren – man muss an der eigenen Stärke arbeiten.» Aarau sei diesbezüglich nicht schlecht unterwegs. Aber: «Zurücklehnen wäre fatal.»

Weil von diesen Rahmenbedingungen nicht nur Aarau betroffen ist, haben sich im vergangenen Juni 13 Städte des Kantons zur Interessengemeinschaft Aargauer Altstädte zusammengeschlossen. Präsident ist übrigens der Aarauer Festredner vom 4. März 2006, alt Regierungsrat Peter C. Beyeler.