Herr Meier geht zum Urologen am Kantonsspital Aarau (KSA). Er hat Probleme mit seiner Prostata. Der Urologe tastet die Prostata ab, erhebt die Krankengeschichte, führt Laboruntersuchungen durch. Die Befunde gibt er in einer KSA-eigenen Smartphone-App zur Berechnung des Prostatakrebs-Risikos ein. Das Programm meldet: Bei Herrn Meier stimmt was nicht.

Mit einer Magnetresonanztomografie (MRI) werden die verdächtigen Areale in der Prostata lokalisiert. Von dort werden dann mit einem Präzisionsinstrument Gewebeproben entnommen und vom Pathologen untersucht.

Die Diagnose: Prostatakrebs. Ein Fall für das Onkologiezentrum Mittelland im KSA. In einer sogenannten «Tumorkonferenz» sitzen dort verschiedenste Spezialisten – Urologe, Onkologe, Radiologe, Pathologe, mitunter Pflegende – zusammen und besprechen die Ausgangslage sowie die Möglichkeiten. Sie empfehlen eine auf Herrn Meier und seinen Tumor massgeschneiderte Therapie. Ein Data-Manager erfasst den Fall. Dann spricht der behandelnde Arzt ausführlich mit dem Patienten, erklärt ihm das weitere Vorgehen.

Bei der Operation wird Herrn Meier die Prostata entnommen. Dazu kommt ein hochpräziser Roboter zum Einsatz.

Herr Meier ist nur ein Beispielfall. Sein Schicksal steht exemplarisch für eine Diagnose, die ganze Familien in ihren Grundfesten erschüttern kann: Krebs. Bei Frauen triffts am häufigsten die Brust, bei Männern die Prostata, bei beiden Geschlechtern folgt der Darm. Beinahe jeder kennt einen Betroffenen, oder gehört sogar selber dazu. Mit der Lebenserwartung der Menschen steigt auch das Risiko, an Krebs zu erkranken. Gleichzeitig werden Vorsorge, Früherkennung und Therapie immer besser.

Onko-Tag auch für Angehörige

Das Kantonsspital Aarau trifft mit seinem Onko-Tag morgen Samstag also einen Nerv der Zeit. Der Onko-Tag soll Erklärungen liefern, Angst nehmen und Vertrauen aufbauen. Bei den Krebspatienten, aber auch bei deren Angehörigen. «Entscheidungen werden, besonders bei älteren Patienten, oft von Angehörigen getroffen», sagte Mark Hartel, Chefarzt der Klinik für Chirurgie. «Deshalb ist deren Aufklärung ebenso wichtig.»

Das KSA will mit dem Onko-Tag nicht nur Ängste nehmen, sondern auch feiern. Neben «15 Jahre Prostatazentrum» wird vor allem auch die neu erlangte Zertifizierung des Onkologiezentrums Mittelland gefeiert, ein über Jahre hart erarbeiteter Qualitätsstempel, wenn man so will. «Wir sind DAS Tumorzentrum im Mittelland, haben dank hoher Fallzahlen viel Erfahrung und universitäres Niveau», sagt Dimitri Sarlos, Chefarzt der Gynäkologie und Gynäkologischen Onkologie. «Das wollen wir nun auch nach aussen tragen.»

Das KSA gehört zu den vier grössten zertifizierten Onkologiezentren der Schweiz. Es besteht aus mehreren Krebszentren, die sich den einzelnen Organen widmen – also beispielsweise ein Brustkrebszentrum (eines der wenigen Zentren für gynäkologische Tumore in der Schweiz), ein Prostatakrebszentrum oder ein Darm- und Pankreaskrebszentrum. Und alle diese Zentren wollten unbedingt etwas zum Onko-Tag beitragen, sodass die Organisatoren fast ein bisschen überwältigt waren von der Resonanz.

So kann nun ein wirklich üppiger, bunter Strauss an Themen präsentiert werden. Wie reagiert die Libido auf den Verlust der Prostata? Wie funktioniert Hitzetherapie gegen Krebs? Wie lebt man mit einem Hirntumor? Ohne Speiseröhre und Magen? Was, wenn mein Kind Krebs hat? Und: Gibt es ein «Angelina-Jolie-Gen» (Veranlagung für Brustkrebs) auch bei Männern? Wer nicht stillsitzen und zuhören möchte, begibt sich auf eine Führung durchs Labor oder durchs Bestrahlungs-Zentrum. Zudem gibts ein begehbares Prostata-Modell und die Besucher dürfen den Operationsroboter ausprobieren. Natürlich nicht am lebenden Objekt.

Im Programm finden sich nicht nur rein medizinische Themen. Zur Sprache kommen auch die finanziellen und sozialen Probleme, die eine Krebserkrankung mit sich bringt. Es gibt Vorträge zu «Humortraining mit Lachyoga», die Onko-Spitexleiterin spricht, Publizist Roy Oppenheim erläutert den Wert der Krankheit als schöpferische Quelle für Künstler wie van Gogh. Eine Ernährungsberaterin klärt über Mythen und Fakten auf, die im Zusammenhang mit Nahrungsmitteln und Krebs herumschwirren. Und die Spitalseelsorge fragt: «Was ist mit Gott?»

Ärzte finden: «Es bräuchte kantonale Vorsorgeprogramme»

Zum Thema Krebs gibt es Tausende Fragen. Die az hat vier davon den Experten vom KSA gestellt.

Das KSA hat eine der grössten Roboterchirurgien im Land. Was kann der Apparat?

Stephen Wyler: Er kann den Operateur dabei unterstützen, ganz präzise Gewebe herauszunehmen oder zusammennähen. Zum Beispiel bei Prostataentfernungen. Man nimmt das Organ komplett heraus und vernäht die Harnröhre wieder mit der Blase. Dabei muss einerseits der Harnröhrenschliessmuskel intakt bleiben, damit es nicht zur Inkontinenz kommt. Auch die Erektionsnerven sollen geschont werden, damit die Potenz erhalten bleibt.

Sind Krebsbehandlungen eigentlich ein gutes Geschäft?

Mark Hartel: Es widerstrebt mir als Mediziner, darüber zu sprechen, denn das steht für mich nicht im Vordergrund. Wir haben einen Leistungsauftrag des Kantons, die ganze Bevölkerung zu behandeln, nicht nur finanziell interessante Fälle. Im Gegensatz zu Privatkliniken können wir keine Rosinen herauspicken. Das hat den Nachteil, dass manche Behandlungen mehr kosten, als dass das Spital damit einnimmt, weil eben nicht alles lukrativ ist.

Dimitri Sarlos: Die meisten Privatkliniken haben keine Tumorzentren. Das zeigt, dass man mit diesen Behandlungen nicht besonders viel Geld verdienen kann.

Kann man Krebs wirklich heilen?

Mark Hartel: Gewisse Tumorarten, ja. Bei einem Darmkarzinom stehen die Chancen gut, wenn es früh erkannt und operiert wird. Die Zukunft geht dahin, dass man jeden Tumorpatienten so individuell wie möglich therapiert. Leider gibt es weiterhin Tumorarten, wie beispielsweise den Bauchspeicheldrüsenkrebs, bei denen die Überlebenschancen geringer sind und die Forschung in den letzten Jahren nur wenig Fortschritte gemacht hat.

Betreiben wir genug Vorsorge?

Dimitri Sarlos: Früherkennung ist auch eine Aufgabe der Tumorzentren. Wir sind der Meinung, dass es im Aargau kantonale Vorsorgeprogramme bräuchte, beispielsweise für Mammografien. Das ist in vielen europäischen Ländern Standard geworden. In den Westschweizer Kantonen erhalten die Frauen alle zwei Jahre eine Einladung des Gesundheitsdepartements für eine radiologische Untersuchung der Brust. In den Deutschschweizer Kantonen gibt es das kaum, es herrscht ein Mammografie-Röstigraben. Es wäre Sache der kantonalen Politik, solche Programme einzuführen. (nro)