Aarau
Des Lebens müde das Zimmer angezündet

Eine 50-jährige Frau wollte sich umbringen und gefährdete damit auch das Leben ihrer Nachbarn – dafür wurde sie mit bedingter Haft bestraft.

Sabine Kuster
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Fall vor dem Bezirksgericht Aarau

Fall vor dem Bezirksgericht Aarau

Es war 2009, als die damals 49-jährige Therese (Name geändert) eines Morgens aufwachte und Brandgelüste verspürte, die sie nicht mehr zügeln konnte. Sie holte aus dem Putzschrank eine Flasche Brennsprit und leerte diese über ihr Bett und einen dürren Adventskranz. Um Viertel vor neun Uhr entfachte sie das Feuer. «Danach legte sie sich auf den Fussboden, um zu sterben, da sie keinen Sinn mehr in ihrem Leben sah», heisst es in der Anklageschrift.

Den Lebensmut verlor die geschiedenen Hilfspflegerin, als die Kinder ausgezogen waren. Es war von Anfang an ein schwieriges Leben gewesen mit einem alkoholabhängigen Vater, Lernschwierigkeiten in der Schule und der Einweisung in ein Heim, als sie mit 18 Jahren eine Frau überfiel. Bald wurde eine schwere Depression diagnostiziert. Seit sechs Jahren macht sie eine Psychotherapie und schluckt Psychopharmaka.

Nach der Tat völlig verwirrt

Vor dem Bezirksgericht in Aarau schilderte Therese am Mittwoch mit monotoner Stimme, wie sie nach der Tat durch die Stadt irrte. «Ich bekam auf einmal Angst und verliess die Wohnung. Ich nahm den Bus in die Stadt, weil ich um elf Uhr Therapie beim Doktor hatte. Ich sass beim Coop und rauchte, bis es Zeit dazu war. Ich entschied mich, ihm nicht vom Brand zu erzählen. Danach lief ich in der Stadt umher. Meine Tochter, die Hausverwalterin und die Polizei riefen an, aber ich nahm nicht ab. Erst um halb sechs Uhr rief ich meine Tochter zurück und nahm den Bus zu ihrer Wohnung.»

Die Tochter bekräftigte als Zeugin, sie würden heute täglich miteinander telefonieren und die Mutter besuche sie regelmässig. «So etwas würde sie nicht wieder machen, jetzt ist sie glücklich.» Die Mutter selbst schien sich weniger sicher zu sein: «Ich weiss nicht, ob ich es merken würde, wenn der Drang wieder über mich kommen würde», sagte sie. Und es gebe immer noch Tage, an denen sie es kaum aus dem Bett schaffe.

Gerichtspräsident Thomas Müller schlug ihr in der Folge auf väterliche Weise Möglichkeiten vor, eine solche Gefahr einzuschränken. «Sie müssten in einem solchen Moment jemanden anrufen», sagte er, riet ihr, mehr unter die Leute zu gehen und sich ein Haustier anzuschaffen.

Die Staatsanwaltschaft forderte für ihre Tat 18 Monate Freiheitsstrafe unbedingt und eine ambulante Behandlung. Der Verteidiger plädierte auf fahrlässige Verursachung der Feuersbrunst, da sich die Mandantin in ihrem Zustand nicht bewusst gewesen sei, dass sie andere gefährde.

Das Gericht teilte seine Auffassung nicht und verurteilte Therese einstimmig der Brandstiftung. Von fahrlässiger Verursachung der Feuersbrunst könne nur die Rede sein, wenn der Täter nicht in der Lage war, zu begreifen, dass aus seiner Handlung eine Feuersbrunst entstehe. Wegen der bescheinigten mittleren Verminderung der Zurechnungsfähigkeit reduzierte es aber die Strafe auf 14 Monate und sah auch die Voraussetzungen für den bedingten Strafvollzug gegeben. Allerdings ist die Probezeit mit vier Jahren ungewöhnlich lange. Das Gericht ordnet zudem Bewährungshilfe und betreutes Wohnen an.