Auf den Tag genau elf Jahre lang haben Marianna Barbüda und Evort Meyer das Alterszentrum «Zopf» in Oberentfelden geleitet. Am 1. März hat sie das neue Leiterpaar, Pascal und Rosella Broye aus Villmergen, abgelöst. Gestern fand die feierliche Stabübergabe statt, bei der Stiftungsratspräsident Conrad Walther das scheidende Paar verabschiedete. Im Umgang mit den beiden, so der Präsident, «habe man stets gemerkt, dass ihnen Herzlichkeit und Mitgefühl sehr wichtig waren».

Frau Barbüda, Herr Meyer, während elf Jahren haben Sie den «Zopf» geleitet. Hat sich in dieser Zeit die Klientel verändert?

Marianna Barbüda: Wir haben eine starke Veränderung wahrgenommen. Am Anfang kamen die Leute hierher, wenn sie noch nicht allzu pflegebedürftig waren. Heute finden sie, dank der Spitex, deutlich später ins Heim – sei es mit dem Rollator, sei es liegend. Das Altersheim ist eher zu einem Pflegeheim geworden.

Evort Meyer: Im Hinblick auf die Versorgungslage macht eine Entlastung zu Hause Sinn. So sind die Plätze im Heim den Leuten vorbehalten, die stark auf Pflege angewiesen sind. Zunehmend finden hier auch Menschen Unterschlupf, die sozial isoliert sind, die nicht aus körperlichen Gründen hier sind, sondern weil sie Betreuung brauchen. Mit Demenz beispielsweise sind die Angehörigen häufig überfordert.

Gab es bei den Alterswohnungen auch eine solche Veränderung ?

Marianna Barbüda: Die Leute kommen da heute eher ein wenig früher. Es gibt hier welche, die erst gut 70-jährig sind. Die sagen sie sich: «Ich komme früh genug hierher, damit ich noch eine Zeit lang in der Wohnung sein kann.» Die Bewohner unserer Wohnungen haben im Übrigen Vorrang, wenn es darum geht, einen Platz im Heim zu finden.

Evort Meyer: Früher gab es eben eine Art Stigma: «Alters …» Im Prinzip sind es ja ganz normale, rollstuhlgängige, moderne Wohnungen, die einen recht guten Bewegungskomfort und den Anschluss an die Dienstleistungen des Heims bieten. Bis hin zum Notruf während 24 Stunden pro Tag. Wenn jemand zu Hause nicht mehr zurechtkommt, denke ich, geht es ihm in einer Wohnung hier vermutlich nicht anders.

Hat sich die Sozialstruktur der Klientel mit der Zeit verändert?

Evort Meyer: Es gab nie eine spezifische Klientel. Diese war stets gut durchmischt. Gemerkt haben wir am Anfang, dass wir uns hier in einer eher ländlichen Region befanden. Viele «Zopf»-Bewohner stammten damals noch aus der Landwirtschaft. Mit der seitherigen Entwicklung Entfeldens hat sich das geändert.

Wie sieht es mit den Wartelisten aus?

Marianna Barbüda: Der «Zopf» ist in aller Regel sehr gut besetzt. Im Moment haben wir zwei, drei Personen auf der Heim-Warteliste. Das liegt im üblichen Rahmen. Für die Wohnungen gilt dasselbe. Wir könnten nicht auf einen Schlag zehn Wohnungen füllen – ausser, wir würden inserieren.

Evort Meyer: Unsere Warteliste ist eigentlich die: Priorität im Heim haben jene, die aus gesundheitlichen Gründen darauf angewiesen sind, dass sie hierher kommen können.

Der «Zopf» geniesst einen ausgezeichneten Ruf, was das Preis-Leistungs-Verhältnis angeht ...

Evort Meyer: Wir haben ein sehr kostengünstiges Angebot – immer noch eines der günstigsten im Kanton. Wir haben uns auch schon gefragt: Weshalb sind wir so günstig? Wahrscheinlich ist die Grösse des Heims in einer guten Balance. Denken Sie an die ganze Logistik mit Küche und Wäscherei. Die nachgelagerten Dienste werden umso günstiger, desto mehr Betten Sie haben.

Marianna Barbüda: Ein gutes Angebot besteht auch darin, dass wir in Unter- und Oberentfelden Mahlzeiten verteilen – 40 bis 60 Essen pro Tag. Vielfach sind die Abnehmer Leute, die später zu uns kommen. Sie kennen dann schon einmal das Essen und die Leute.

Evort Meyer: Beim Eintritt ins Heim muss trotzdem eine Schwelle überwunden werden. Vielen fällt die Entscheidung deshalb schwer. Schwellenangebote wie der Mahlzeitendienst können aber mithelfen, die Ängste abzubauen.

Durfte man bei Ihnen Haustiere mitbringen? Sich von diesen zu trennen, ist ja auch eine Entscheidung, die mitunter schwer fällt.

Marianna Barbüda: Kommt drauf an: Wenn es nicht gerade ein Elefant ist …

Evort Meyer: Die Halter müssen in der Lage sein, die Tiere selber zu betreuen. Sonst geht es nicht.

Marianna Barbüda: In einer Alterswohnung lebte einmal ein Mann, der ein Kaninchen hatte. Der wollte nur dann ins Heim wechseln, wenn er auch seinen «Hoppel» mitnehmen durfte. Wir haben abgeklärt, ob das möglich sei, und haben es ihm dann erlaubt. Er hielt «Hoppel» in seinem Zimmer, schaute selber zu ihm und das ging tipptopp. Eine Frau brachte ihre Katze mit, und auch das ging gut. Schwieriger wäre es wohl bei einem Schäfer- und sonst einem grossen Hund.

Wenn wir schon bei den Erinnerungen sind: Welches waren Ihre schönsten Momente in den letzten elf Jahren?

Evort Meyer: Ich denke vor allem an jene Momente, in denen man sagen konnte: «Der Zopf ist eine grosse Familie.» Wenn man merkte: Die Leute fühlen sich wohl, geborgen. Wenn Bewohner auf uns zukamen und sagten, dass sie Angst hatten, hierher zu kommen. Und dass sie nun merken würden, wie schön es sei, neue Leute kennenzulernen, ein ganz anderes soziales Umfeld zu haben. Das ist die Bestätigung dafür, dass die Ideen, die man umzusetzen versucht, wirklich funktionieren.

Was würden Sie, wenn Sie heute neu anfangen würden, aufgrund Ihrer Erfahrungen anders machen?

Marianna Barbüda: Wichtig ist, dass man ein offenes Ohr hat, dass man auf die Leute zugeht – und dass man die Leute gern hat. Darum lief es so gut, dass ich nicht wüsste, was wir anders machen sollten. So ein Heim kann man aber nur mit guten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern führen.

Evort Meyer: Und der Stiftungsrat hat uns auf der operativen Ebene nie dreingeredet. Wenn wir ein Anliegen vorbrachten, hat er uns unterstützt, aber er hat nie praktische Führungsarbeit verrichtet. Das ist entscheidend.

Auch einer Patientenverfügung wegen sind Sie nie in eine schwierige Situation geraten?

Evort Meyer: Nein, wir versuchen auch, Angehörige darauf hinzuweisen, dass die betroffene Person einmal entschieden hat: «Das möchte ich nicht.» Selbst wenn man jemanden nicht gerne gehen lässt, muss man das akzeptieren.

Was lag Ihnen in den vergangenen elf Jahren besonders am Herzen?

Evort Meyer: Ein grosses Anliegen war für uns immer der Begriff «Non-Profit-Organisation». Wir müssen diese Leistungen zu einigermassen vernünftigen, tragbaren Preisen anbieten können. Wir sehen x Heime mit exorbitant hohen Preisen. Das macht uns Sorgen. Wohin führt diese Entwicklung? Kann die Gesellschaft das überhaupt bezahlen? Unserer Meinung nach ist es falsch, wenn man versucht, aus der Notsituation, in der sich viele ältere Menschen befinden, Profit zu schlagen.

Heisst das, Sie haben hier bewiesen, dass es mit vernünftigen
Preisen funktioniert? Und dass es Heime gibt, die eigentlich zu
teuer sind?

Evort Meyer: Wir versuchten hier, ein – sagen wir einmal – vernünftiges Dreisterne-Angebot zu bieten. Und im «Zopf» hat man sich in all den Jahren bemüht, das Ganze vernünftig zu finanzieren – und zu refinanzieren, Rückstellungen zu machen, damit man finanziell gesund dasteht. Hier gibt es keine Altlasten, die man mitfinanzieren muss. Aber es gibt private Gruppen, bei denen man sich schon fragt: Ist da der Verdienst der Vater des Gedankens?

Reden wir noch von Ihnen
selber: Sie sprechen keinen
ortsüblichen Dialekt! Wie sind
Sie seinerzeit in den «Zopf»
gekommen?

Marianna Barbüda: Ich bin Bündnerin – das hört man vermutlich. Vorher waren wir zusammen in Walenstadt in einem kleineren Alters- und Pflegeheim. Mit rund 50 Jahren mussten wir entscheiden: bleiben oder weitergehen? Wir kamen zum Schluss, dass ein Ortswechsel auch mal gut täte. Darauf haben wir uns zusammen hier beworben - und wurden angestellt. Und es hat vom ersten Tag an gestimmt.

Was sind nun Ihre Zukunftspläne?

Evort Meyer: Wir kehren in die Region zurück, aus der wir stammen. Wir haben eine Wohnung in Zizers …

Marianna Barbüda: … wo es guten Wein gibt!

Evort Meyer: Wir wohnen gleich neben einem Weinberg. Ein Grossteil unserer Familien lebt in der Nähe. Und nun möchten wir einmal ausgedehntere Reisen machen. Wenn man diesen Job hier hat, kann man ja in der Regel höchstens zwei Wochen wegbleiben.

Marianna Barbüda: Unser Ziel: Endlich einmal ohne das Handy reisen, ohne Gedanken im Hinterkopf wie: Hoffentlich klappt alles – und hoffentlich passiert nichts! Bei uns beiden war es immer so: Mit der einen Hirnhälfte sind wir jeweils hier geblieben. Von daher konnten wir die Ferien gar nie richtig geniessen.

Evort Meyer: Ja, die Verantwortung kann man nicht abgeben.