Gewalt
Der Winter kühlte die heissen Köpfe

Am 15. Runden Tisch gegen Gewalt gab es wenig Neues zu berichten, was in diesem Fall sehr gute Neuigkeiten sind. Schulen und Veranstalter sind zufrieden. Doch mit den Temperaturen steigt auch wieder das Aggressionspotential.

Sabine Kuster
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Einer der Hot-Spots in Aarau liegt vor dem KBA: Was hier geschieht, spiegelt das Gewaltlevel in der ganzen Stadt.archiv/André Albrecht

Einer der Hot-Spots in Aarau liegt vor dem KBA: Was hier geschieht, spiegelt das Gewaltlevel in der ganzen Stadt.archiv/André Albrecht

Eine grosse Runde versammelte sich diese Woche im Rathaussaal: Damen und Herren, die im Alltag selten oder nie miteinander zu tun haben. Doch sie kennen sich gut – der Runde Tisch gegen Gewalt findet seit 2006 statt. Inzwischen nehmen 21 Clubs, Institutionen und Vertreter des öffentlichen Raumes zwei mal im Jahr teil.

No news – good news

Das Thema Gewalt hat nichts an Aktualität verloren. Die ersten, welche zu Wort kamen, hatten aber keine Neuigkeiten – was in diesem Fall sehr gute Neuigkeiten sind.

Good news gab es vonseiten aller Schulen, des KiFF («Der erste Silvester ohne Reibereien») und des Jugendhauses Flösserplatz. Marianna Widler, Jugendsozialarbeiterin an der Oberstufe berichtete: «Die Situation der rivalisierenden Gruppen hat sich beruhigt, weil wir rigoros eingegriffen und verschiedene Jugendliche in Time-outs geschickt haben. Doch man muss schauen, wie es sich im Frühling nun entwickelt.»

Die Anwesenden waren sich bewusst: Der Winter ist generell die ruhigere Saison. Dass es wieder wärmer wurde, hat man in der «Kettenbrücke» Aarau (KBA) bereits registriert: «Wir hatten eine gute Saison. Doch an den letzten beiden Wochenenden sind einige Einzelmasken richtig ausgetickt», sagt Fabian Bürkli vom KBA.

Aaraus grösster Club ist ein Gradmesser der Gewaltsituation in der Stadt. Bürklis Bericht deckt sich deshalb mit jenem von Jugendpolizist Martin Schär: «Vereinzelte Einsätze, und dann diese extrem aggressive Täterschaft an den letzten beiden Wochenenden.» In solchen Situationen zeige die Polizei bewusst Stärke und trete immer mit mehreren Polizisten auf. Die waren nötig: Vier Mann mussten einen Querulanten festhalten, ein Polizist kriegte dennoch einen Faustschlag ab.

Auch am Bahnhof war die Polizei nach wie vor stark präsent. «Die Raubdelikte haben zugenommen, es gibt praktisch jedes Wochenende einen Vorfall», sagte Schär. «Wir sind froh, wenn der Bahnhof endlich videoüberwacht ist.»

Trotz allem: Weniger Gewalt

«Die Gewalt hat abgenommen», strich der städtische Jugendarbeiter Christoph Rohrer heraus, «das hat auch die schweizerische Statistik letzte Woche gezeigt.» Rohrer brach eine Lanze für die Jugendlichen am Bahnhof: «Für viele ist das einfach der Treffpunkt nach Schule oder Arbeit, später gehen sie woanders hin.» Die Jugendlichen hätten ihm gesagt, sie verstünden, dass sich die Erwachsenen gestört fühlten, fanden aber: «Wir machen ja gar nichts.» Rohrer betonte: «Der Bahnhof wird immer ein Anziehungspunkt bleiben, egal, wie viele Polizisten dort stehen.»

Die Sozialarbeiter und auch Urs Lüthi von der Jugendanwaltschaft plädierten für mehr Gelassenheit: «Heute werden vereinzelt Schüler wegen Kleinigkeiten in ein Time-out geschickt oder aufwändige Verfahren losgetreten, bevor die Möglichkeiten der Schulsozialarbeit oder Trainings mit der ganzen Familie ausgeschöpft wurden», so Lüthi. «Ich hatte mit einem Jugendlichen zu tun, der in der Wut mit Kreide an die Wand der Schulhaustoilette geschrieben hatte: ‹Jetzt knallt’s dann.›» Das habe eine Untersuchung mit Kosten von mehreren tausend Franken ausgelöst. Lüthi wollte aber die Bemühungen nicht schlechtreden: «Es wird viel gegen Gewalt gemacht und viel nützt auch.»

Das Wichtigste ist der Austausch

Das Wichtigste am Runden Tisch gegen Gewalt sind aber nicht die teilweise haarsträubenden Geschichten, sondern der Austausch. So wussten sowohl das GZ Telli wie auch die mobile Jugendarbeit von einer neuen Gruppierung in der Telli, die es noch kennen zu lernen gelte. Auch von einem neuen Hotspot bei der Bushaltestelle Landjägerhaus war die Rede.

Gute Tipps von anderen

Ein Paradebeispiel für die Vernetzung war das Beispiel von Andreas Kleiner, Leiter Betriebsleitstelle AAR bus+bahn, deren Nachtbusse sehr gut genutzt werden. Ein Jugendlicher hatte ein Chauffeur mit der Faust traktiert und wurde später verurteilt. Er und sein Kollege haben nun «Hausverbot» bei AAR bus+bahn. Der Kollege benötige den Bus jetzt aber für den Weg zu seinem Lehrbetrieb und habe gefragt, ob man das Hausverbot wieder aufheben könne.

Fabian Bürkli schlug vor, es zu machen wie im KBA, wo Jugendliche, die echte Reue zeigen, die Möglichkeit erhalten, eine der teuren Jahresmemberkarten zu kaufen, die sofort ohne Rückerstattung des Geldes eingezogen werden, falls es einen neuen Vorfall gibt. Das sei auch mit einem Abonnement möglich.

Auch Urs Lüthi von der Jugendanwaltschaft räusperte sich: «Ich kenne den Fall.» Nach der Versammlung streckten Lüthi und Kleiner deshalb die Köpfe zusammen und suchten gemeinsam nach der besten Lösung.

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