Leben in Aarau

Der Wahlchrampf in fünf Akten

Der Wahlkampf ist in vollem Gange – ein Plakatwald in der Nähe von Aarau.

Der Wahlkampf ist in vollem Gange – ein Plakatwald in der Nähe von Aarau.

Während du dich über die Plakatwälder am Strassenrand und den gefühlt 100sten Flyer im Briefkasten aufregst, sind wir Politiker*innen im Wahlkampf. Der Wahlkampf – oder aus Eigenperspektive wohl besser beschrieben als Wahlchrampf – fühlt sich an wie eine Tragikomödie in fünf Akten.

1. Akt: Rund ein Jahr vor dem Wahltermin fragen die Parteien potenzielle Kandidat*innen an – auch mich. Ich sag: Ja, ich will – diesmal sofort, hab das typische weibliche «sich Zieren» ja schon hinter mir. Für die Listenzusammensetzung gibt’s eine strengere Ausmarchung. Dementsprechend nervös gehe ich in das Gespräch – Resultat: Ziel erreicht. Ich starte auf dem 2. Listenplatz gleich nach dem Bisherigen. Die AZ titelt, «Grünliberale fördern eine junge Frau» *freu*.

2. Akt: Nachdem der Listenplatz feststeht, verbringe ich Stunden im Fotostudio – gefühlt hunderte Bilder, von denen natürlich keines so recht überzeugen will – und damit Slogans zu ent- und verwerfen – meist so generisch, dass sie schlussendlich gar nichts aussagen; Zukunft gestalten, Wirtschaft stärken, bliblablo. Nicht dass mein finaler Slogan hier eine Ausnahme wäre. Nächster Schritt Schwerpunktthemen definieren – das ist einfach; Gleichberechtigung, Klimaschutz, nachhaltige Wirtschaft – und ein bisschen wahltindern – Wahltinder a.k.a. Smartvote sucht dir aus allen Kandidat*innen aufgrund deiner und ihrer Positionen den «Perfect Match».

3. Akt: Weiter geht es damit unzählige Drucksachen mit dem eigenen Konterfei zu verschönern; Flyer, Postkarten, Plakate und noch grössere Plakate. Yay…! Acht Wochen vor dem Wahlsonntag montieren wir dann in einer Nacht-und-Nebel-Aktion unsere Plakate auf wackeligen Leitern stehend an die Strassenlaternen der gesamten Region. Weil schätzen nicht zu meinen Stärken gehört, stehen seither zehn übrig gebliebenen Plakate in meinem Büro, beobachten mich beim Home Office und reden mir ein schlechtes Gewissen ein, weil sie immer noch nicht aufgehängt wurden.

4. Akt: Nachdem ich in einem Anflug von Überoptimismus etwas sehr viele Flyer bestellt habe, stehe ich morgens früh, mit Augenringen und Verlangen nach Koffein, vor dem Coop im Bahnhof Aarau und versuche, meine Flyer an den Mann – und natürlich an die Frau – zu bringen. Als Anti-Morgenmensch gehöre ich zu den Pendler*innen, die wie ein Zombie zum Zug marschieren und jeden, der sich ihnen in den Weg stellt, als Hindernis sehen – ganz egal ob noch ein Schöggeli zur Bestechung mitgereicht wird. Heute stehe ich mit meinen Flyern auf der anderen Seite. Die Pendler sind geschickt, elegant weichen sie mir aus oder lehnen dankend ab, aber hin und wieder erbarmt sich einer und nimmt einen Flyer an.

Flyer werden nicht nur an Passanten sondern auch in die Briefkästen verteilt. Mit guter Gesellschaft, wetterfester Kleidung und einem Stossgebet gen Himmel, dass es nicht zu regnen anfange, macht man sich ans "Briefkästeln". Dabei entdeckt man unbekannte Orte, begegnet herzigen Büsis und fühlt sich regelmässig etwas übergriffig, wenn man auf der Suche nach dem Briefkasten in den Garten fremder Leute trampelt.

5. Akt: T minus eine Woche bis zum Wahlsonntag. Bis jetzt relativ cool geblieben, werde ich langsam ziemlich aufgekratzt, wenn ich an den Sonntag denke. Mein Plan: möglichst lange ausschlafen, brunchen – obwohl ich wohl nichts runter bekommen werde – und dann ab zur Wahlfeier und hoffen. Ob der Wahlchrampf als Tragödie endet oder es ein Happy End gibt?

Fiona Wiedemeier (26) ist Geschäftsführerin Grünliberale Kanton Zürich und politische Multitaskerin.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1