Aarau
Der tödlich verunfallte Tanzlehrer litt an Depressionen

Vor einer Woche fuhr der Aarauer Tanzlehrer Beat Minger in Rupperswil in den Tod. Ein Nachruf auf einen feinfühligen Menschen, der seit einigen Jahren an Depressionen litt.

Sabine Kuster
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Letzter Auttritt: Beat Minger beim Flamenco mit einer ehemaligen Schülerin am Tellifest am 8. September.

Letzter Auttritt: Beat Minger beim Flamenco mit einer ehemaligen Schülerin am Tellifest am 8. September.

Heidi Hess

Die Geschichte des Aarauer Tanzpaares Helen und Beat Minger ist schön. Hunderte von Aarauer Kindern lernten bei ihnen tanzen und an Aufführungen tanzten sie beide immer auch selbst auf der Bühne. Harmonisch und energiegeladen. Nur der Schluss ihrer Geschichte ist traurig – trauriger noch, als aus der Meldung der Polizei am letzten Mittwoch zu erahnen war.

Beat Minger fuhr an diesem Morgen kurz nach sieben Uhr viel zu schnell auf der Aaretalstrasse durch den Wald bei Rupperswil. Er kollidierte mit einem entgegenkommenden Lastwagen und starb noch auf der Unfallstelle.

Eine Überdosis Medikamente?

Ein Herzinfarkt war nicht die Ursache des Unfalls, soviel steht inzwischen fest. Die Untersuchung, ob Medikamente sein Fahrverhalten beeinflusst hatten, dauert länger.

Möglich ist es, denn Beat Minger nahm Medikamente gegen Depressionen. Seit einigen Jahren litt er darunter, zum ersten Mal erfasste ihn die Schwermut vor acht Jahren.

Die Medikamente hätten ihn manchmal müde und schwindlig gemacht, sagt seine Frau Helen Minger. Wohin er an diesem Morgen wollte, weiss sie nicht, und glaubt dennoch: «Es war ein Unfall.» Die Aussage des Lastwagenfahrers spricht dafür: Beats weisses Büsslein sei langsam immer mehr auf die Gegenfahrbahn geraten, hat der Chauffeur erzählt. Er selbst konnte auf dem schmalen Grasstreifen zwischen Fahrbahn und Wald nicht genug ausweichen.

Letzter Auftritt am Telli-Fest

Noch am Wochenende davor war Beat Minger mit einer ehemaligen Schülerin – Isabel Lüscher – am Einweihungsfest des Gemeinschaftszentrums Telli aufgetreten. «Er war ein toller Mensch», sagt Lüscher, die heute selbst Tanzlehrerin ist, «es ist sehr schade, dass er nicht mehr da ist.» Als Schülerin seien sie und ihre Kolleginnen immer gerne zu ihm in den Unterricht gegangen. «Er war beliebt, sowohl bei den Kindern wie auch bei den älteren Tänzerinnen.»

Dass ihr Tanzpartner krank war, wusste auch sie und sagt: «Er hatte viele Ideen und wollte das Leben noch mal in den Griff kriegen. Jetzt kommt es nicht mehr dazu.»

Zwischen Mut und Verzweiflung

In letzter Zeit riss Beat im Überschwang viele Projekte an. Er kaufte einen jungen Hund, den er später wieder weggeben musste. Dann Haushaltsgeräte für ein Catering-Unternehmen, das er starten wollte. In depressiven Phasen wiederum zweifelte er und fürchtete den Konkurs der Tanzschule. Eine schwierige Zeit auch für seine Frau Helen. Vor einiger Zeit zog Beat aus der gemeinsamen Wohnung aus und lebte im Tanzstudio. Seine Frau erzählt offenherzig und will die Probleme nicht verschweigen. Aber sie sagt: «Wir hatten trotzdem noch einen guten Kontakt zueinander. Er war ein lieber Mensch.» Lange liegen die schönen Zeiten nicht zurück. Isabel Lüscher erinnert sich: «Die beiden auf der Bühne, das war herrlich. Sie waren ein gutes Paar.»

Sie lehrte ihn tanzen

Helen Minger war 28 Jahre alt, als sie den zehn Jahre jüngeren Koch in die Welt des Tanzes einführte und ihn ermunterte, sein kaputtes Knie zu trainieren, bis es stark und auch er ein leidenschaftlicher Tänzer wurde. In ihrer gemeinsamen Tanzschule «Mignon Dance», die sich 25 Jahre lang in einem Lokal an der Kasinostrasse befand und heute an der Neumattstrasse in der Telli, unterrichteten die beiden viele Tanzformen von Steppen über Ballett bis Jazz.

Beat Minger war ein feinfühliger Mensch und als Tanzlehrer weniger streng als seine Frau. Sie, die mit ihrer grossen Energie auch mit 69 Jahren noch Tanzunterricht gibt und sich Choreografien ausdenkt, flüchtet sich jetzt in die Arbeit. Seit dem Tod ihres Mannes hat sie nicht eine Tanzstunde ausfallen lassen. «Die Arbeit hilft, nicht daran zu denken», sagt sie. Und ausserdem müsse sie. In eine Pensionskasse haben die beiden nie eingezahlt. Täglich kommen neue Rechnungen. «Es ist schon schwer», sagt sie, «aber da muss man durch.» Die älteren Schülerinnen halfen ihr in den letzten Tagen, Beats Bett und andere Dinge im Tanzstudio wegzuräumen.