Spitalpfarrerin
Der Tod ist der ständige Begleiter der Spitalpfarrerin

Täglich begegnet Karin Tschanz Menschen in Krisen und schweren Lebenssituationen und wird mit dem Tod konfrontiert. Trotz der belastenden Seiten ihres Berufes kommt Karin Tschanz ins Schwärmen, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt.

Nina Amann
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Spitalpfarrerin Karin Tschanz. NAM

Spitalpfarrerin Karin Tschanz. NAM

Nina Amann

Karin Tschanz baut Brücken – als Spitalpfarrerin zwischen Gott und Sterbenden und mit ihrem neu erschienenen Buch zwischen Seelsorgern und Therapeuten.

Als Spitalpfarrerin in der Hirslanden-Klinik und als Leiterin der Palliative Care der Reformierten Landeskirche Aargau begleitet Karin Tschanz Schwerkranke, Sterbende und deren Angehörige.

«Wenn der Tod nahe ist, kommen viele Fragen und Ängste auf über das Danach. Die Menschen wollen eine Antwort aus der Glaubensperspektive», sagt Tschanz. Wichtig sei es, Belastendes aufzugreifen und in einen Hoffnungshorizont zu stellen, damit Menschen zur Ruhe kommen.

Auf konkrete Antworten über das Danach aus Sicht der christlichen Hoffnung könne sie nur hinweisen. «Ich kann versuchen, zwischen Gott und dem Kranken eine Brücke herzustellen», sagt sie.

Menschen, die im Sterben liegen, wollen mit sich selbst, ihren Angehörigen und mit Gott ins Reine kommen. In diesen Situationen gibt Karin Tschanz den Menschen Hoffnung, dass die Seele bei Gott zur Ruhe kommt. «Das schafft eine wichtige Voraussetzung, gut sterben zu können.»

Karin Tschanz begleitet auch Menschen, die nicht mehr ansprechbar sind. «Auch dann frage ich, ob ein Gespräch recht ist und erhalte oft ein Zeichen», sagt Tschanz. Das könne ein Handdrücken sein, oder eine andere Bewegung.

Manchmal bietet Tschanz ein Gebet an, etwa das «Unservater». «Ich habe es schon mehrmals erlebt, dass scheinbar nicht ansprechbare Menschen am Schluss ‹Amen› sagen konnten», sagt sie. Gerade in solchen Augenblicken erlebe sie den Glauben an Gott und die Hoffnung durch den christlichen Glauben als sehr real.

Aus naheliegenden Gründen kommt Karin Tschanz bei ihrer Arbeit wenig mit jungen Menschen in Kontakt. «Immer weniger Menschen befassen sich mit Gott und der Bibel.» Die jüngeren Generationen seien viel weniger in der Kirche verwurzelt.

Aber die Frage nach Gott, Glaube und Spiritualität sei präsent. Vor allem in Krisen wolle man befriedigende Antworten. «Solange Menschen vom Glauben an Gott getröstet werden, ist die Kirche sicher kein Auslaufmodell.»

Momente, in denen Menschen Hoffnung schöpfen und Vertrauen zu Gott finden, sind kostbare Augenblicke für Tschanz. «Es ist eine herausfordernde Aufgabe, denn im normalen Alltag hat man nur wenig mit solchen Schicksalen und mit dem Tod zu tun», hält sie fest.

Durch ihre Arbeit sei sie aber ständig mit diesen Themen in Kontakt. «Da komme ich zugleich an meine Grenzen und entdecke immer wieder neue Ressourcen.»

Einen Ausgleich findet sie durch ihre Ausbildung von Pfarrern an der Universität Bern. Ausserdem leitet sie die Aus- und Weiterbildungskurse des Palliative-Care-Begleitdienstes der Reformierten Landeskirche Aargau.

Dank diesen 120 freiwillig Ausgebildeten gibt es im Kanton Aargau einen kostenlosen Begleitdienst zur Unterstützung von schwer kranken Menschen und ihren Angehörigen.

Brücken baut Karin Tschanz nicht nur zwischen Sterbenden und Gott, sondern auch zwischen Therapeuten und Seelsorger. Sie hat ein Buch über hoffnungsorientierte systemische Seelsorge herausgegeben.

Es ist ein Entwurf für die Integration der Seelsorge in die Therapie. In der systemischen Therapie betrachtet man nicht nur den zu Therapierenden, sondern auch sein Umfeld und seine Beziehungen.

«In meinem Konzept habe ich nun den Glauben und Gott als Ressource und Teil des Systems eingebaut.» Sie möchte, dass sich Seelsorger und Therapeuten verstehen und voneinander profitieren können.

Karin Tschanz arbeitet dann, wenn es anderen Menschen schlecht geht.

Dennoch findet sie Genugtuung in ihrem Beruf: «Es ist schön, Menschen in schwierigen Lebensabschnitten begleiten zu können, seien es Jugendliche, Paare oder Schwerkranke. Ich glaube, in Krisen hilft die Aussenperspektive durch den Glauben und Gottes Liebe zur Verarbeitung und Bewältigung der Krise.»