Aarau

Der Tag, an dem Aarau über 1000 Flüchtlinge aufnahm

Wie in Aarau wurden an verschiedenen Orten in der Schweiz Internierte beherbergt: Hier Soldaten aus Polen im Mai 1945 beim Kartenspiel in einem Flüchtlingslager in der Schweiz.KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV

Wie in Aarau wurden an verschiedenen Orten in der Schweiz Internierte beherbergt: Hier Soldaten aus Polen im Mai 1945 beim Kartenspiel in einem Flüchtlingslager in der Schweiz.KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV

Am Ende des Krieges 1945 diente das Pestalozzischulhaus in Aarau als Quarantänelager für Militärinternierte und Flüchtlinge aus Osteuropa. Sie waren es auch, die die Rennbahn im Schachen bauten.

Aufatmen am Ende des Zweiten Weltkriegs: Aarau rüstete sich wie viele andere Orte in der Schweiz für eine «Friedensfeier», die am 8. Mai 1945 stattfinden sollte. Doch tags zuvor wurde die Kantonshauptstadt noch einmal hautnah mit dem Kriegselend konfrontiert: Am 7. Mai, um die Mittagszeit, traf am Bahnhof ein erstes grösseres Kontingent von Flüchtlingen ein. Am Abend waren es mehr als 1000 Menschen, die «unter strenger Absonderung vom Publikum» im Pestalozzischulhaus untergebracht wurden, das als «Quarantänelager» eingerichtet worden war.

Beim unerwarteten Zustrom handelte es sich um Militärinternierte «aller möglichen östlichen Nationen», vorwiegend Polen und Tschechen, aber auch um Flüchtlinge «aus dem Osten», darunter auch viele Kinder und Frauen «mit ihren typischen weissen Kopftüchern», wie die Lokalzeitung zu berichten wusste. Sie spazierten «barfüssig auf dem Schulplatz herum» und lockten eine grosse Zahl von Neugierigen an. Eine Leserbriefschreiberin ärgerte sich denn auch prompt «über die Gaffer, die die Armen wie Zirkusfiguren anstarren». Unklar blieb zunächst die Aufenthaltsdauer dieser «Unglücklichen» im Schulhaus. Man rechnete mit «einigen wenigen Wochen».

«Liebesgaben» der Bevölkerung

Die Organisation der «Quarantäne» lag nicht bei den zivilen, sondern den militärischen Organen, nämlich beim Territorial-Kommando 5. Jeder Kontakt mit der Zivilbevölkerung war «streng verboten», allerdings sammelte die Bevölkerung «Liebesgaben», die man bei der Lagerwache abgeben konnte. Gefragt waren Wäsche, Kinderkleider, Hygieneartikel und nicht zuletzt «Raucherwaren». Die Aarauer Stadtsänger gaben am 15. Mai für die Gestrandeten ein «einstündiges Ständchen» mit (schweizerischen) Heimatliedern.

Erstaunlich ist, dass die mehr als 1000 Flüchtlinge und Internierten mindestens in der lokalen Presse wenig Niederschlag fanden, Hauptthema zu jener Zeit war die Volksabstimmung über ein neues aargauisches Steuergesetz am 27. Mai.

Tatsächlich fand dieses einmalige Flüchtlingskapitel in der Aarauer Stadtgeschichte ein rasches Ende, wurden doch die während der letzten Kriegstage Geflohenen nach knapp drei Wochen wieder abgeschoben, die meisten über die Grenze nach Frankreich oder zurück in die alte Heimat im europäischen Osten. Die Aarauer Schulpflege meldete per Inserat lapidar, dass «der Unterricht im Pestalozzi-Schulhaus nach gründlicher Desinfektion und Reinigung ab 1. Juni wieder aufgenommen wird». Weil das Schulhaus seit 1939 immer wieder auch von Truppen der Schweizerarmee belegt worden war, monierte die Behörde, dass «die Abortanlagen sehr gelitten haben».

Internierte bauten Rennbahn

In der Region Aarau hatte man seit dem zweiten Kriegsjahr mit geflüchteten polnischen Soldaten gute Erfahrungen gemacht. Die Internierten wohnten in Lagern in der Wöschnau und in Obererlinsbach und wurden bei Vorhaben der öffentlichen Hand, vornehmlich im Strassenbau, als billige Arbeitskräfte eingesetzt. In Aarau selber erstellten Internierte zwischen 1942 und 1945 die erste permanente Rennbahn der Schweiz im Schachen, das heutige Reiterstadion. An diesem Projekt war vor allem das Kavallerie-Kommando in Aarau stark interessiert – nicht zuletzt an einem Springgarten, den man für die militärische Ausbildung zu Pferd nutzen wollte. Deshalb wurde es möglich, im Falle der Rennbahn nicht ein staatliches, sondern ein ziviles Werk zu realisieren, denn als Bauherrschaft fungierte der Aargauische Rennverein. Aus den Aarauer Gemeinderatsakten ist ersichtlich, dass sich für die Infrastruktur auch ein kleines Barackenlager «neben dem Schiessstand», also auf Aarauer Boden, befand, in dem temporär neben Polen zusätzlich internierte Holländer an der neuen «Rennpiste» im Einsatz waren. Am 12. Oktober 1947 konnte die Pferderennbahn samt Tribüne eröffnet werden, mit dem Dank an «die internierten Arbeitskräfte, ohne die das Werk nicht gelungen wäre».

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