Ruhestand
Der Stadtarchivar verlässt das Aarauer Archiv nach 26 Jahren

Martin Pestalozzi hat seinen Platz im Rathaus geräumt – einen alten Aarauer Irrtum beseitigte er noch, bevor er in den Ruhestand tritt. Wobei: Ausruhen wird er sich nicht. Alte Dokumente sind für ihn Beruf und Hobby zugleich.

Sabine Kuster
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Martin Pestalozzi verstaut seine persönliche Habe vor dem Rathaus in seinem Auto. kus

Martin Pestalozzi verstaut seine persönliche Habe vor dem Rathaus in seinem Auto. kus

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Im Grunde sind historische Funde in Aarau einfach Zeichen, dass es auf dem Felsvorsprung über der Aare schon früher Leute gab. So simpel kann man es sehen – wie Martin Pestalozzi. Dennoch war er mit Begeisterung 26 Jahre lang Stadtarchivar.

Er sitzt in einer Ecke seines Büros im Rathaus, dort, wo zwischen hohen Bücherregalen ein bisschen Platz frei ist. Unter der Baseballmütze kleben die Haare an der Stirn: An seinem letzten Arbeitstag muss er Knochenarbeit leisten. Er verlädt Kisten voller Handnotizen und Landkarten, die ihm gehören. Vor dem Rathaus steht das Auto.

«Auf eine Art», sagt er, «freue ich mich schon auf die Pension.» Natürlich durchforste er weiter alte Dokumente und schreibe Artikel. «Jetzt kann ich mich dem Honig auf dem Brot widmen», sagt er.

Auf dem Tisch liegt ein Buch von 1797, eine gebundene Fassung von «Intelligenzblatt»-Ausgaben, der ersten Zeitung im Aargau, gerettet aus einer Müllkippe in Hamburg. Aber grad Hühnerhaut bekomme er ob solchen Fundstücken nicht. «Hühnerhaut bekomme ich, wenn Leute Dinge behaupten, die nicht stimmen», sagt er trocken.

Zum Beispiel wäre da der Irrtum mit der Aarauer Vorstadt. Die meisten Aarauer denken, die Häuser dort seien jünger als die eingefriedete Altstadt. Dabei bestand die Vorstadt als Dorf «Zen Husen» schon bevor die Kyburger im 13. Jahrhundert begannen, die heutige Altstadt aufzubauen.

Und Erfreuliches? Das Beste in all den Jahren sei gewesen, wenn er Aarauern etwas über ihre Vorfahren habe erzählen können.

Sein Nachfolger, der 35-jährige Raoul Richner, Historiker aus Aarau Rohr ist an Pestalozzis letztem Arbeitstag 31. Juli ebenfalls anwesend. Die vier verschiedenen Aarauer Archive (unter dem Feuerwehrdepot, in Rohr, in der Hauptpost und im Rathaus) überfordern ihn nicht.

Er wisse jetzt was wo sei – dennoch werde seine Arbeit oft aus Suchen bestehen. «Der Job ist ein Glücksfall», findet er.

Trotz Übergabe: Nicht alles, was Pestalozzi weiss, ist aufgeschrieben. «Es geht ein Teil des Wissens verloren, wenn jemand geht, das ist immer so», sagt Pestalozzi. Bis im September reist er mit Frau und Hund nach Deutschland und Schweden.

Dann vertieft er sich wieder in Papiere. Ein Anliegen hat er noch: «Aaraus Giebel werden vernachlässigt. Früher spendet die Stadt jeweils auf eigenössische Feste hin Geld, um die Bemalungen aufzufrischen. Das wäre mal wieder nötig.»