Aarau

Der reichste Förster im Kanton

Christoph Fischer im 250-jährigen Waldstück im Gönhardwald.

Christoph Fischer geht nach 29 Jahren als Stadtoberförster in Pension.

Erst traut er sich nicht. Doch dann legt er los, der Specht, und klopft wie verrückt. Christoph Fischer lächelt. Das Hämmern gefällt ihm, deshalb hat es ihm dieses Stück Wald mitunter so angetan. Es ist der älteste Teil des Gönhardwaldes, in Sichtweite vom Hexenhäuschen, ein Bestand aus Eichen und Fichten, allesamt rund 250 Jahre alt. «Diese Bäume sind hier schon zu Zschokkes Zeit gestanden und haben Napoleon vorbeireiten sehen», sagt Fischer, den Kopf im Nacken.

Vor solch einem Bestand habe er Ehrfurcht, sagt Fischer. «Im Wald wird man sich seiner Endlichkeit bewusst. Was sind da knapp 30 Jahre im Vergleich zu 250 Jahren?» Diese Langfristigkeit ist es, die Fischer all die Jahre lang an seinem Beruf fasziniert hat: «Die Baumwinzlinge, die ich einst gesetzt habe, werden einmal stolze Bäume sein. Irgendwann wird jemand ernten können, was ich gesetzt habe, auch wenn ich schon längst nicht mehr bin.»

Fischer hat viele solcher Winzlinge gesetzt. Schon als Bub hat er den Wald geliebt. Erblich vorbelastet war er zwar nicht, sein Vater war Posthalter in Hendschiken. Aber wie alle Jungen im Dorf hat auch Fischer in den Frühlingsferien Fichten gesetzt, für 30 Rappen in der Stunde. Aber nicht das hat ihn in erster Linie beeindruckt, sondern der Sohn des Mannes, der Buch über die geleisteten Arbeitsstunden führte. «Der Sohn war Forstingenieur und hat uns von seiner Arbeit erzählt.» Und da war es um ihn geschehen.

Ohne Holz ging nichts

Nach der Bez in Lenzburg und der Kanti in Aarau studiert Christoph Fischer an der ETH Forstwirtschaft. Nach drei Jahren Selbstständigkeit beginnt er beim Kanton als Forstingenieur. Nach sieben Jahren, im November 1990, tritt er die Stelle als Stadtoberförster von Aarau an, als Nachfolger von Eugen Wehrli. Damit ist er nicht nur oberster Aarauer Förster, sondern auch Leiter der Ortsbürgergutsverwaltung. Zwei Ämter, die sich näher sind, als es im ersten Moment den Anschein macht. «Auch die Ortsbürgergemeinde denkt langfristig und nachhaltig», sagt Fischer. Und seit je kümmern sich die Aarauer Ortsbürger um den Wald. «Wir wissen, dass die Aarauer schon im 14. Jahrhundert Wald gekauft und seit dem 15. Jahrhundert Förster angestellt haben.» Die Ortsbürger sicherten damit den Aarauern das Leben, denn ohne Holz ging nichts. Kein Bauen, kein Heizen wäre möglich gewesen.

Während Fischers Amtszeit hat sich das Wesen der Ortsbürgergemeinde verändert. Der Immobiliensektor wurde immer wichtiger. Nebst Wohnungen in der Telli und der Aarenau verfügt die Ortsbürgergemeinde mit der Waldschenke Roggenhausen und dem Schützenhaus über zwei Beizen, das Haus zum Schlossgarten, die «Blumenhalde», die «Landjägerwache» und den «Rostigen Hund», den Binzenhof, das Rathaus und den Forstwerkhof. Dazu kommen mit dem Hinterfeld in Rohr und dem Brügglifeld zwei grosse Planungsgebiete, auf denen dereinst wohl gewohnt wird. Das macht die Ortsbürgergemeinde zu einem gewichtigen Player mit einem Eigenkapital von 163 Millionen Franken – von den der Allgemeinheit unentgeltlich zu Verfügung gestellten Einrichtungen wie dem Stadion Brügglifeld, dem Schwimmbad, dem Wildpark Roggenhausen oder der Rennbahn einmal abgesehen.

Damit ist der Aarauer Stadtoberförster der reichste Förster im ganzen Kanton – aber auch ein Bürolist; im Wald war Christoph Fischer die letzten Jahre beruflich nur noch wenig. Etwas, das ihn immer wieder gereut hat. Zwar war er als Betriebsleiter des Forstbetriebs Region Aarau (Gemeinden Aarau, Biberstein und Unterentfelden) für strategische Sachen wie das Budget oder Holzschlag- und Jahresplanung zuständig. «Aber für einen ganzen Tag im Wald hat mir schlichtweg die Zeit gefehlt.»

Gemeinderat in Moosleerau

Als Stadtoberförster wurde Fischer 1994 auch zum Leiter des «Roggi». Und auch da hat er eine gewaltige Entwicklung miterlebt. Früher war der Beizer gleichzeitig auch als Wildparkleiter angestellt. «Der Wirt verfütterte seine Rüstabfälle an die Hirsche», sagt er und lacht. Heute kümmern sich zwei ausgebildete Tierpfleger, vier Teilzeitangestellte und eine Lernende um die Tiere.

Jetzt hat er also seinen letzten Arbeitstag vor Augen, den 18. April, den Tag vor seinem 65. Geburtstag. Seinen Nachfolger Fabian Dietiker wird er noch drei Wochen lang einarbeiten, dann ist Schluss. «Es sind die berühmten beiden Augen, das lachende und das weinende», sagt er. «Es ist richtig, jetzt zu gehen, ich bin 65 Jahre alt.» Aber da ist eben auch das Netz von Freunden und Bekannten, von Mitarbeitern und Kollegen, das er jetzt verlässt. «Ich hatte hier immer hervorragende Leute um mich. Und ich konnte in der Stadt nicht von A nach B, ohne ein paar Mal für einen Schwatz stehen zu bleiben. Das wird mir fehlen.» So ist das eben, nach knapp 30 Jahren gehört er nun zum Inventar der Stadt. Und das, obwohl er nie in Aarau gelebt hat. Bei der Wahl vor 30 Jahren lebte er in Beinwil am See, dann in Seon und seit zehn Jahren in Moosleerau. Da sitzt es seit einem guten Jahr im Gemeinderat. Langweilig werde ihm so schnell also nicht, aber vermissen werde er Aarau trotzdem schmerzlich.

Seit über 20 Jahren lernt er Finnisch

Was jetzt aber kommt, ist Zeit. Und das dürfte die Elche in Finnland in Angst und Schrecken versetzen. Denn Fischer ist leidenschaftlicher Elch-Jäger. Seit 1995 besitzt er ein Haus in Finnland, seit 15 Jahren darf er mit der dortigen Jagdgesellschaft losziehen. Dafür lerne er auch seit über 20 Jahren Finnisch, sagt er und lacht. «Mit mässigen Fortschritten.» Aber immerhin könne er sich unterhalten, kenne alle Jagdbegriffe und laufe so auch keinem Jäger vor die Flinte.

Vor der Jagdsaison aber steht auf dem Programm, was alle Rentner mit einem Faible für den Norden planen: eine Reise auf den Hurtigruten. Fischer lacht. «Ich habe mich immer gesträubt, das zu tun, eben weil es die klassische Rentnerreise ist. Aber jetzt bin ich ja Rentner. Und ich freue mich sehr darauf.»

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