Oberentfelden
Der raue Wind der Veränderung: General-Electric-Mitarbeiter verlieren ihre letzte Konstante

Wechsel ist sich das Personal im Industriedorf nahe Aarau gewohnt. Doch jetzt verliert es seine letzte Konstante.

Mario Fuchs und Katja Schlegel
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Sinnbild des Abbaus: Die Tafel auf dem GE-Werkgelände in Oberentfelden steht schon länger, seit Monaten gibt es leerstehende Flächen.

Sinnbild des Abbaus: Die Tafel auf dem GE-Werkgelände in Oberentfelden steht schon länger, seit Monaten gibt es leerstehende Flächen.

Mario Fuchs

Oberentfelden, Industriequartier Hohreifeld, zehn Autominuten von Aarau. Vor dem Sitz der GE Grid Switzerland GmbH, Gas Insulated Substations, stehen in einem Halbkreis vier Fahnenmasten. Ganz links das Gemeindewappen von Oberentfelden, das eine Ente zeigt. Daneben wehen das Logo des Weltkonzerns GE, die Aargauer und die Schweizer Fahne. Die Art der Amerikaner, lokal Flagge zu zeigen, wirkt an diesem Junimontag befremdlich.

Vor wenigen Stunden erhielten die Mitarbeitenden die traurige Botschaft, dass GE den Standort Oberentfelden schliesst. Die Nachricht wurde per Videokonferenz verkündet. In Englisch. Erst danach wurde das Gesagte in Deutsch wiederholt. «Jene, die nicht so gut Englisch sprechen, haben nicht einmal verstanden, dass alles geschlossen und nach Birr verlegt wird», sagt ein Angestellter, der seit Jahren in Oberentfelden arbeitet. Erst während der Präsentation auf Deutsch hätten sie es realisiert. «Und selbst da wurde es nicht explizit gesagt, sondern erst auf Nachfrage bestätigt.»

Kurz vor 12 Uhr geht die Belegschaft aufgewühlt in die Mittagspause. Reden mögen die wenigsten. Monteure in der gelb-grauen Arbeitskleidung, blaues GE-Logo auf der Brust, schwarze Sicherheitsschuhe, setzten sich konsterniert ins Auto. Ein Ingenieur im Kurzarmhemd steigt auf sein E-Bike und fährt mit nachdenklichem Blick davon.
Viele, die hier arbeiten, wohnen so nah, dass sie über Mittag nach Hause gehen. Andere verpflegen sich im Dorf. Einer von ihnen sagt: «Viel Schlaues hatten sie heute Morgen nicht zu erzählen.» Es sei immer noch von den 50 Stellen die Rede gewesen, die hier gestrichen würden. «Aber 25 von diesen 50 Kollegen haben inzwischen sowieso schon selber gekündigt.»

Im letzten Abschnitt erwähnt

Was für die Angestellten, die ihre Stelle behalten können, ein neues Leben bedeutet, war in der Medienmitteilung nicht mehr als eine Randnotiz im letzten Abschnitt: «Als weiteres Resultat der Konsultation wird GE 40 Millionen Schweizer Franken investieren, um den Standort Oberentfelden nach Birr zu verlegen, mit dem Ziel, einen konsolidierten, konkurrenzfähigen einzelnen Produktionsstandort im Kanton Aargau zu schaffen», hiess es. Es sind Worte, die im «Palmas Bistro», zwanzig Schritte vom Werkgelände, niemand benutzt. Das Tagesmenü 1 kostet 14 Franken, inklusive Salat. Auf dem Tisch liegt neben dem Portemonnaie der Badge am blauen GE-Bändel. Eine Angestellte sagt: «Es trifft wieder die armen Teufel, die eh schon nicht viel zu melden haben. Nicht die oben drin, die schauen schon für sich selber.»

Ein Leben, fünf Arbeitgeber

Ein anderer Mitarbeiter ist überzeugt, dass der Umzug der Anfang vom Ende ist. «Aus der Ferne ist es einfach, zu sagen, 20 Kilometer Distanz zwischen den Standorten seien ein Katzensprung. Für uns ist es das nicht.» Viele seiner Kollegen hätten bereits erklärt, dass sie diesen Arbeitsweg nicht auf sich nähmen. «Eine solche Firma lebt von den Leuten, die seit Jahren oder Jahrzehnten hier arbeiten, von ihrer Erfahrung. Es ist illusorisch zu meinen, dass man diese Leute einfach beliebig hin und her schieben kann.»

Veränderungen ist sich das GE-Personal in Oberentfelden gewohnt. So hatte etwa ein Mitarbeiter, der kürzlich verstorben ist, sein ganzes Arbeitsleben für das gleiche Unternehmen gearbeitet – aber in dieser Zeit fünf Firmenbesitzer erlebt. Kurz vor seinem Tod Ende 2017 erzählte er im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» aus seinem bewegten Arbeitsleben. Als er an seinem ersten Tag als Lehrling im Sommer 1958 mit dem Velo von Suhr nach Aarau pedalte, gehörte das Unternehmen der Sprecher+Schuh AG. Als er 47 Jahre später am Betriebsfest zu Weihnachten 2005 am Standort Oberentfelden seinen Abschied feierte, hatte die französische Alstom den Bereich soeben an das französische Energietechnik-Unternehmen Areva verkauft. Heute gehört der Betrieb dem amerikanischen Konzern General Electric. Während die Angestellten «von einem Mutterkonzern zum andern weitergereicht» wurden, wie es der Mitarbeiter ausgedrückt hatte, blieb ihr Arbeitsort eine mehr oder weniger sichere Konstante.

Zeitplan illusorisch?

Jetzt ist auch dies Geschichte. Geplant ist, die Produktionsstätten bis Ende 2019 von Oberentfelden nach Birr, auf halbem Weg zwischen Lenzburg und Brugg, zu verlegen. Der Zeithorizont dünkt viele Angestellte illusorisch. Ein Speziallabor könne man nicht so einfach zügeln, ist man sich einig. Ausserdem sei es eine Frechheit des GE-Managements, die Zusammenlegung als Investition in die Zukunft zu verkaufen, sagt ein Betroffener: «Ja, es wird investiert. Aber es wird in Oberentfelden auch ein Standort geschlossen, um das Gebäude zu verkaufen.» Eine meterhohe «Zu Verkaufen»-Tafel steht schon länger auf dem Werkareal. Seit Monaten gibt es ungenutzte Flächen.

Die Fahnen von Oberentfelden und General Electric wehen an diesem heissen Junimontag noch nebeneinander. Doch was sie bewegt, ist der raue Wind der Veränderung.