Aarau

Der Pflästerer, der zum Kunstmaler wurde: «Ich wollte, dass meine Arbeit sichtbar wird»

Manchmal kommt er auch mitten in der Nacht zum Arbeiten her: Jakob E. Omlin in seinem Atelier.

Manchmal kommt er auch mitten in der Nacht zum Arbeiten her: Jakob E. Omlin in seinem Atelier.

Dutzende Male hat Jakob E. Omlin (80) in seinem Leben schon ausgestellt. Doch an dieser Ausstellung ist etwas anders.

Wer über den Aarauer Graben spaziert, der geht über einen echten Omlin. Er hat sie verlegt, die Bsetzisteine, mit krummem Rücken und Regen im Gesicht, Stein für Stein. Jakob E. Omlin, der Pflästerer von Aarau. Der Obwaldner Bub, der sich einst aufmachte, die grosse, weite Welt zu entdecken, und in Aarau landete. Jakob E. Omlin, der Pflästerer, der zum Kunstmaler wurde.

Omlin ist vieles und vor allem eines: neugierig. Die Neugierde verschlug den Obwaldner 1961 in die Aarauer Bauverwaltung, wo er mit nur gerade 22 Jahren die Bauführung für die Verbreiterung der Bahnhofstrasse übernahm. Sie trieb ihn 1965 als Bauverwalter nach Bremgarten, ohne Vorstellung davon, was ihn erwartete.

Und die Neugierde war es, die ihn 1970 dazu brachte, eine Anlehre als Pflästerer zu machen. Raus aus dem Bürostuhl, raus auf den Schemel. Ein Entscheid, den die Leute um ihn herum nicht begriffen. Ihn aber machte er glücklich. «Im Büro ging mir alles zu langsam. Ich wollte, dass meine Arbeit sichtbar wird. Tag für Tag.»

1975 gründete Omlin sein eigenes Unternehmen. Er pflästerte die gesamte Rheinfelder Altstadt. Die Bremgarter Altstadt mit Kirchenbezirk. Erledigte Aufträge im ganzen Kanton, in insgesamt 160 Gemeinden. Und natürlich in Aarau. Die Altstadtgassen, die Hintere Vorstadt, die Vordere Vorstadt, den Graben. Er war der Pflästerer von Aarau, bis 2000.

Ein Knochenjob, sagt er. Aber er tat es gern. Immer. Auch, weil er seine Arbeit als Kunst verstand. «Die Gestaltung von öffentlichem Raum gehört für mich auch zur Kunst», sagt er.

Malen ist keine zufällige Entdeckung

Die Kunst. Keine zufällige Entdeckung, keine Berufung im Alter. Immer schon hat sie eine Rolle. Sein Vater habe ihm das Talent fürs Zeichnen vererbt, sagt er. Der Vater, der viel zu früh starb, dessen Tod es nicht erlaubte, dass er die Kunstgewerbeschule besuchte.

Doch er malte weiter, für sich. Seit 40 Jahren tut er es intensiv, seit 25 Jahren professionell. Omlin besuchte Kurse, malte in Ecuador, Zypern und Venedig, studierte die Malerei in der Meisterklasse von Markus Lüpertz, einem der erfolgreichsten deutschen Künstler der Gegenwart.

Dieser adelte Omlin mit den Worten: «Du kannst malen, wie du willst – aber ich kenne deinen Pinselstrich.» Carlo Mettauer sagt über ihn: «Er komponiert, vertieft, modelliert seine Werke, er leitet seine Bilder her.» Und er selbst? «Ich mache keine Bilder, meine Bilder entstehen. Ich bin ein Gefühlsmaler».

Omlin und Mettauer. Die beiden verbindet eine jahrzehntelange Freundschaft. Erst als Politiker; Omlin war in den Neunzigerjahren Einwohnerrat und als Ratspräsident gar höchster Aarauer, Mettauer war Einwohnerrat und Stadtrat. Heute verbindet sie die Kunst; mit Politik habe er gar nichts mehr am Hut, sagt Omlin. Mettauer zählt Omlin zu einer Stütze seiner Galerie. Er sei ein Einzelgänger in der Aargauer Kunstszene, aber einer mit Hintergrund. «Sein Werk ist erstaunlich in der Entwicklung im Alter», sagt Mettauer, «es erreicht eine nahezu harmonische Qualität.»

Zehnjährige Enkelin macht Bildbetrachtung

Wie oft Omlin schon mit Mettauer ausgestellt hat, wissen beide nicht mehr. Oft schon. «Es ist schliesslich die schönste Galerie im ganzen Kanton», sagt Omlin über die «Neue Galerie 6». Aber keine Ausstellung war so, wie die, die dieses Wochenende Vernissage feiert. Der Anlass ist Omlins 80. Geburtstag, das Gezeigte eine Übersicht über das Schaffen der letzten 20 Jahre, Gemälde wie Skulpturen.

Sie zeigen Landschaften aus Nordspanien und Südfrankreich, sprühende Collagen oder dunkle Einsamkeit, Silhouetten. Grossflächig, farbgewaltig. Aber da ist noch mehr. «Mich überkommt nun zum allerersten Mal überhaupt das Gefühl, angekommen zu sein», sagt Omlin. «Bisher waren es Etappen, die ich ausgestellt habe. Aber jetzt hat sich ein Kreis geschlossen. Jetzt hat das Ganze etwas Abgerundetes.»

Speziell ist die Ausstellung aus einem weiteren Grund. Sie ist ein Drei-Generationen-Projekt. Nebst Jakob E. Omlin zeigen auch Sohn Michael und Enkelin Sophie ihre Künste. Michael Omlin (49) ist Lichtdesigner, beleuchtet unter anderem Ausstellungen im Kunsthaus Zürich. Er taucht nun die Stellwände im Gewölbekeller an der Milchgasse in ungewohntes Licht. Und Enkelin Sophie (10), Tochter von Jakob E. Omlins zweitem Sohn Daniel, stellt in einer Lesung eigene Texte und Bildbetrachtungen vor.

«Die Arbeit mit Kindern ist gewaltig»

Das sei etwas ganz Besonderes, sagt der Grossvater und zeigt auf eine kleine Staffelei inmitten des wilden, wunderbaren Durcheinanders seines Ateliers an der Herzogstrasse. Hier malen die beiden gemeinsam, hier philosophieren, lachen und zanken sie.

An der Wand hängen kleine Zettel mit Nachrichten von Sophie. Daneben sind Bilder von Schulkindern hingepinnt. Jahrelang hat Omlin mit Kindern der Schulen Suhr und Küttigen gemalt. «Die Arbeit mit Kindern ist gewaltig», sagt er. «Ein Kind malt einfach und irgendwann ist es fertig. Da wird nicht nachgearbeitet.»

Omlin lacht. Es ist das pure Gegenteil seines Schaffens. Und es ist auch hier die Neugierde, die ihn fasziniert. Die der Kinder, aber auch seine eigene. Die Neugierde, das sei sein Lebenselixier, sagt Omlin. «Solange ich neugierig bin, gibt es mich.»

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