Untergang der Kegler
Der Nachwuchs im Kegel-Keller fehlt: «Wir sterben aus»

Jedes Jahr sterben landesweit Hunderte Kegler weg – das macht dem Kegelklub Suhra Angst. Was die Situation noch prekärer macht: Mit dem Beizensterben verschwinden auch immer mehr Kegelbahnen.

Pascal Meier
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Endzeitstimmung im Kegel-Keller

Endzeitstimmung im Kegel-Keller

Pascal Meier
Mitgleiderzahl Schweizer Sportkeglerverband

Mitgleiderzahl Schweizer Sportkeglerverband

Zur Verfügung gestellt

Montagabend ist Kegelabend im Gasthof Waldeck in Muhen. Hier trifft sich der Kegelklub Suhra zu Wettkampf und Geselligkeit. Einst Männerdomäne, haben heute bei den Suhrentaler Keglern Frauen die Hosen an: Der Klub wird geleitet von einer Präsidentin und einer Kassierin. Den Männern bleibt der Job des Aktuars.

«Auf diesem Stuhl hockt aber der höchstgewachsene von uns», witzelt Sepp. Er sitzt am Tisch neben Max, Heinz und Trix. Es wird viel gelacht. Dann schrillt es aus dem Schlund der Kegelbahn: Die Glocke jubelt zum geschossenen «Kranz». Elsbeth hat acht Kegel abgeräumt, der neunte in der goldenen Mitte steht noch wie ein Fels in der Brandung.

Der 1959 gegründete Kegelklub Suhra mit seinen acht Mitgliedern ist eine verschworene Gemeinschaft, die sich regelmässig in der «Waldeck» trifft. Die Stimmung ist heiter, statt Bier wird Rivella und Mineralwasser getrunken, in der Küche hängt die Bestellung für Ghackets mit Hörnli. Als das Gespräch aber auf den Zustand der Keglerszene kommt, kehrt Grabesstille ein. «Es ist himmeltraurig», sagt einer.

Untergang nicht aufzuhalten

Das ist nicht übertrieben. Die Mitgliederstatistik des Schweizer Sportkeglerverbands (SSKV) liest sich wie das Auftragsbuch eines Schuhmachers, dem die letzten treuen Kunden wegsterben: Es wird immer leerer. Jahr für Jahr schrumpft beim Sportkeglerverband der landesweite Mitgliederbestand, Nachwuchs gibt es kaum. 2004 zählte der SSKV 2678 Kegler, im vergangenen Jahr waren es noch 1439 – der landesweite Bestand hat sich damit in zehn Jahren halbiert. Ähnlich sieht es bei der freien Keglerbewegung aus: 2014 zählte diese noch rund 2200 Mitglieder, Tendenz stark sinkend.

Das gleiche Bild zeigt sich im Kanton Aargau: Hier ist die Zahl der eingeschriebenen Kegler vom SSKV seit 2004 von 122 auf 64 Mitglieder gesunken. «Das ist Wahnsinn», sagt Heinz Süess. «Wir sterben aus.» Die wenigen Neumitglieder kämen vor allem aus Keglerfamilien. «Doch auch in diesen Familien schwindet das Interesse immer mehr.»

Heinz Süess weiss, wovon er spricht. Der Suhrer kegelt seit Mitte der 1970er-Jahre und war 18 Jahre Sportpräsident des Aargauer Sportkeglerverbands. «Wir haben alles getan, um neue Leute anzuwerben, der Erfolg war aber gleich null. Irgendwann wird man müde.»

Die Ursachen für das schwindende Interesse sind die gleichen, mit denen Musikgesellschaften und Männerchöre zu kämpfen haben: «Heute gibt es viel mehr Freizeitmöglichkeiten», sagt Heinz Süess. Im Kegeln habe es zudem über viele Jahrzehnte hinweg keine Entwicklung gegeben. «Wir machen das Gleiche wie eh und je.»

Der Untergang der Keglerverbände in der Schweiz sei deshalb nicht mehr aufzuhalten. Süess: «Der Altersdurchschnitt liegt bei über 60 Jahren. Das ist der Tod für jeden Verband.»

Das Verschwinden der Bahnen

Den wenigen verbleibenden Keglern wird zudem der Teppich unter den Füssen weggezogen: Mit dem Beizensterben verschwinden immer mehr Kegelbahnen. Einschneidend seien auch Wirtewechsel: «Übernimmt ein neuer Pächter ein Restaurant, hat dieser oft wenig Interesse, die Kegelbahn zu betreiben, was ich verstehen kann», sagt Heinz Süess. Mit weniger als 20 Franken pro Stunde sei der Verdienst klein, der Aufwand für Unterhalt und Reinigung aber gross.

Den Kegelbahnen-Schwund haben die Suhrentaler Kegler selber zu spüren bekommen. Die Müheler «Waldeck» ist bereits ihr drittes Zuhause in den vergangenen zehn Jahren. Einmal hat man sie vor die Tür gestellt, weil im Restaurant Hotelzimmer gebaut wurden, ein anderes Mal musste der Wirt sein Lokal schliessen.

Seit sechs Jahren sind sie nun in der «Waldeck» – und hoffen, noch lange bleiben zu können. Denn auch im Jahr 2014 sei Kegeln faszinierend: «Kegeln ist gut für Geist und Körper», sagt Sepp Volpe. «Man muss viel studieren und sich konzentrieren.» Wichtig sei zudem die Gemeinschaft.

So feiern die Männer und Frauen vom Kegelklub Suhra Ostern, Samichlaus und Dreikönigstag in der Kegelbahn. Und an Wettkämpfen werden Freundschaften über die Kantonsgrenzen hinaus geschlossen. Für Sepp Volpe deshalb kein Grund, trotz fehlendem Nachwuchs allzu viel Trübsal zu blasen. «Wir kegeln so lange, wie wir noch können.