Nein, die Dampflokomotiven hat er nicht mehr erlebt. Aber der Bahnhof Aarau war ganz anders, als Rolf Stutz am 10. April 1972 seinen Job begann. Der Bahnhof war eine kleine Firma mit um die 200 Mitarbeiter und einer eigenen Kantine («Milchchuchi»). Es gab kaum elektrische Weichen und keinerlei elektronische Anzeigetafeln – dafür hiess der Regionalzug noch «Bummler». Und er fuhr viel seltener (der Taktfahrplan wurde erst 1982 eingeführt). An all das erinnert sich Rangierer Stutz, wenn er über 46 Jahre bei den SBB spricht. Eine Zeit, die heute mit einem kleinen Fest aus Anlass seiner vorzeitigen Pensionierung zu Ende geht. Einem «Spaghetti, Bier und Wein»-Fest in einem Rottenwagen auf einem Nebengleis im Bahnhof.

«Komm doch zur Bahn»

Mit Rolf Stutz (demnächst 63) verabschiedet sich der mit grossem Abstand dienstälteste SBB-Angestellte auf dem Platz Aarau. Ein klassischer Bähnler. Aufgewachsen ist er an der Erlinsbacherstrasse in einem der Kraftwerkshäuser. Sein Vater war Stromer beim EWA (heute Eniwa). Nein, umgezogen ist er bis vor kurzem nie. Er blieb der Erlinsbacherstrasse treu, bis die IBA vor fünf Jahren das Haus abreissen liess und stattdessen einen Kiesplatz machte. Stutz ist seit Oktober 1985 mit Susanne (57) verheiratet, einer Schönenwerderin, die im legendären Hemmeler Spielwarenverkäuferin gelernt hatte.

Nach der Schule arbeitete Stutz fast zwei Jahre in einem Landwirtschaftsbetrieb in Rohr ob Stüsslingen SO. Aber so richtig gefallen hat ihm die Arbeit auf dem Bauernhof nicht. Darum war er froh, als ihm ein Visiteur sagte: «Komm doch zur Bahn – wir brauchen Leute.» Stutz erinnert sich, dass er bei Bahnhofinspektor Gilgen vorsprach, in Luzern zum Test musste und dann im «Schopf», im Güterschuppen, beginnen durfte. Drei Monate lang wurde er in die Geheimnisse des Stück- und Eilgutverkehrs eingeweiht. Es folgten gleich lange Phasen in der Gepäckexpedition, der Wagenreinigung und im Freiverlad. Dazwischen immer wieder Schule in Olten. Die Ausbildung als Rangierer konnte er erst beginnen, nachdem er 18 Jahre alt geworden war.

Liegewagen für die Turner

«Es ist schon ein harter Job», zieht Stutz eine Bilanz eines Berufslebens. «Immer bei Wind und Wetter draussen – und die Schichtarbeit.» Der Bähnler war bis auf wenige Monate stets in Aarau tätig. In seiner kurzen Zeit in Kölliken musste er auch Weichen schmieren, Barrieren bedienen. Später stand eine Versetzung nach Basel zur Diskussion, doch kam die dann nicht zustande, weil er weiter in Aarau gebraucht wurde.

Die Pensionierung kommt für Stutz im richtigen Moment. Der Einzug der modernen Hilfsmittel, Smartphone und iPad, hat ihm Mühe bereitet. Stutz erinnert sich daran, wie er anfänglich als Uniform einen schwarzen Kittel und einen steifen Hut (ohne «Spaghetti») hatte. Zuletzt trug er ein orangefarbenes Überkleid, Spezialschuhe, einen Helm, hatte stets ein Funkgerät dabei. Den Funk haben die SBB in Aarau 1972 eingeführt. Just auf das Eidgenössische Turnfest hin, den ersten Grossanlass im Berufsleben von Stutz. Er erinnert sich, wie das Militär damals im Damm-Quartier extra einen Turnfest-Bahnhof einrichtete. «Und im Güterbahnhof standen Liegewagen, in denen die Turnerinnen und Turner übernachteten.»

Das Glück am Montagmorgen

Der Rangierer ist vor ganz grossen Unfällen verschont geblieben. In den Achtzigerjahren habe er einmal bei einem Manöver einen Nerv eingeklemmt und wegen der Rückprobleme fast ein Jahr im Kleinunterhalt arbeiten müssen, erzählt der Mann, der zeitlebens mit dem Töffli zur Arbeit fuhr, und der, wenn es die Dienstvorschrift erlaubte, gerne einen Stumpen rauchte.

Einmal, es ist noch nicht so lange her, hatte Stutz besonders grosses Glück: «An einem Montag, um 7.30 Uhr», lacht er. Auf dem Hupac-Areal ist ein Lastwagen in den rangierenden Zug gefahren. «Ich konnte abspringen – und im gleichen Atemzug den Hahnen reissen, damit der Zug bremste.» Stutz wurde dann auch auf Alkohol getestet: «Natürlich hatte ich 0 Promille, wie das vorgeschrieben ist.»

Die Sicherheitsbestimmungen wurden laufend verschärft. Früher seien sie viel schneller gefahren, bei hohen Tempi abgesprungen, zwischen Güterwagen gestanden, wenn diese aufeinander zu geschoben worden seinen, erinnert sich Stutz.

«Wassmer war wie ein Vater»

Die grösste Zäsur sei sicher der Bau des neuen Bahnhofs gewesen, findet Stutz. «Das hat alles verändert.» Er, der immer der Gewerkschaft SEV angehörte, trauert etwas den vergangenen Zeiten nach. «Früher waren wir Bahnangestellte eine verschworene Gemeinschaft. Der Zusammenhalt war grösser. Nach dem Feierabend gingen wir ins ‹Jura›, in den ‹Frohsinn›, die ‹Gais› oder das ‹Lindenhöfli›.» Legendär seien auch die «Wagenfeste» gewesen. Einmal hätten sie sogar den obersten Chef eingeladen – und Benedikt Weibel sei zu ihrer Überraschung sogar gekommen.

Rolf Stutz, von Kollegen liebevoll «Bremsi» genannt, wird im Herzen immer Bähnler bleiben. Aber er ist froh, dass für ihn das nächtliche Frieren vorbei ist. Dass er nicht mehr anpacken muss, sondern in Erinnerungen schwelgen kann. Etwa von den Zeiten, in denen es in Aarau noch einen Bahnhofvorstand gab. «Der legendäre Ruedi Wassmer war für mich wie ein Vater.»