Aarauer Stadtoriginal
Der Mann mit dem grossen Ausschnitt: «Ich habe den Laden noch nie zugemacht»

Er heisst wie hundert andere im Telefonbuch: Hans Fischer. Aber wenn er durch die Gassen geht, beginnen die Aarauer zu reden. Besonders im Winter. Leute gaffen ihm nach wie den Tieren im Zoo, aber er sagt: «Ich bekomme mehr Beachtung als andere.»

Sabine Kuster
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Meist holt er nur Zigaretten am Bahnhof. Doch sein Spaziergang quer durch die Altstadt empfinden viele als Provokation.
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Hans Fischer: «Dass die Leute dachten, ich wolle provozieren, merkte ich erst nach und nach an den Reaktionen.»
In Aarau ist Hans Fischer stadtbekannt. Regelmässig spaziert er quer durch die Altstadt zum Bahnhof und zurück.
Ausschnitt-Hans von Aarau

Meist holt er nur Zigaretten am Bahnhof. Doch sein Spaziergang quer durch die Altstadt empfinden viele als Provokation.

Sandra Ardizzone

Da kommt er die Rathausgasse herunter und zieht die Blicke auf sich. Es ist nicht die schwarze Kleidung, nicht die markante Brille oder die langen nach hinten gekämmten Haare. Es ist der Ausschnitt.

Das nackte Stück Brust, darauf starren die Leute. Wer ist er, der selbst im tiefsten Winter sein Hemd bis zum Bauchnabel offen trägt? Ein Zuhälter? Gar ein Pornostar? Auf jeden Fall ein Provokateur.

Hans, man kennt ihn

Hans Fischer heisst er. Er wohnt im Hammer, von Beruf Grafiker, verheiratet. Ende Monat wird er pensioniert. Tatsächlich? «Ja», sagt er, lächelt ein bisschen, «aber das Wort ist hässlich.»

Er bestellt drei Dezi Weisswein, französischen halt, weil es keinen italienischen gibt. Die Bedienung in der «Tuchlaube» duzt er.

Selbst wird er auch meist geduzt, Hans, man kennt ihn. «Ich habe halt mal begonnen, das Hemd weit offen zu tragen», sagt er und erspart seinem Gegenüber, vorab ein paar unverfängliche Fragen zu stellen.

In den Siebzigerjahren hat er damit begonnen, mit dem Ausschnitt. Zuerst im Ferienhaus im Kanton Bern, weil es ihm angenehm war so, dann in der Stadt Bern.

Die Generation vor ihm hatte die Konventionen schon über den Haufen geworfen, nun wurden die Rock-Musiker frech. Einer, der mit offenem Hemd durch die Gassen ging, fiel nicht auf. Später in Zürich auch nicht speziell und wenig nur, als er vor zwanzig Jahren nach Aarau zog.

Aber heute fragen die Leute selbst im Sommer: «Hast du nicht kalt?» Er habe nicht kalt, sagt Hans, der an diesem Vorsommertag hinter einem kleinen, runden Blechtisch im Schatten sitzt. «Ich habe den Laden jedenfalls noch nie zugemacht bis jetzt.»

Stehen geblieben in den Siebzigern

Warum nicht? Hat er eine Botschaft, Hans Fischer, oder ist es nicht mehr als Provokation? Hans wollte nichts, zumindest am Anfang nicht. «Dass die Leute dachten, ich wolle provozieren, merkte ich erst nach und nach an den Reaktionen. Da machte es mir Spass», sagt er, lächelt wieder.

«Es störte mich nicht, wenn sie Pornostar riefen oder Zuhälter. Es wurde leicht, die Leute einzuteilen, in jene, die nur die Fassade oder auch dahinter sehen können.»

Hans Fischer, eigentlich bloss stehen geblieben in den Siebziger- und Achtzigerjahren, sagt: «Ich finde, man darf individuell sein.» Manchmal, wenn die Leute gaffen wie im Zoo, bleibt er stehen, fragt: «Ist was?», worauf die Blicke sofort in eine andere Richtung gehen. «Das amüsiert mich», sagt er.

Hunderte gibt es im Telefonbuch, die so heissen wie er, aber wahrscheinlich geriet nur der Ausschnitt-Hans schon so in Schlägereien, dass er danach ins Spital musste.

«Eifersucht», sagt er, «ich bekomme mehr Beachtung als andere.» Er sucht die Beachtung, das schon. Dass ihn jeder in Aarau kennt, liegt daran, dass er, auch wenn er nicht den Zug nach Muri zu seinem Arbeitgeber nimmt, dennoch quer durch die Altstadt zum Bahnhof spaziert. Zigaretten kauft, zurückspaziert.

Er gehe immer raus, sagt er, auch sonntags, wenn die Gassen leerer sind, obwohl es dann weniger spannend sei. «Die Menschen faszinieren mich, ihre Gesichter, Bewegungen, die Ästhetik», sagt der Fan von Matisse, Donald Judd, Cezanne. Er hat Kunstgeschichte studiert.

Nachts wird der Strich besser

Zu Hause stapeln sich seine eigenen Werke, Zeichnungen, Grafiken. Nur sei er bis jetzt nicht zufrieden genug damit gewesen, um sie auszustellen. «Jetzt dann vielleicht.» Daneben und neben seinem Job in Muri arbeitet er als freier Grafiker, beginnt um 23 Uhr, wenn das Licht draussen weg ist und ihn nichts mehr ablenkt.

«Gute Musik, Bach – oder Vivaldi, wenns lustig wird –, dazu Alkohol, dann komme ich langsam zu mir selbst, der Strich wird besser.» Er arbeitet bis sechs Uhr morgens. Das sei keine Künstlermarotte, anders gehe es nicht.

Mit dem Computer hat er sich nie angefreundet, er habe es probiert, es gehe nicht. In der Firma Stäger Verpackungen in Muri ist er der Praktiker, derjenige, der für jede Schrift, die auf eine Verpackung soll, eine Lösung findet. L’Oréal lässt bei Stäger in Muri produzieren, tausendfach.

Er arbeitet viel. Hat wenig Gleichgesinnte, sitzt wenig in den Beizen. Wenn, dann beim Italiener im Restaurant Pulverturm. Seine Frau ist Norditalienerin. Kennen gelernt hat er sie an der Kunstgewerbeschule, hat lange mit ihr zusammengearbeitet.

Ihre italienische Eifersucht war nicht immer unbegründet. Hans sagt: «Ich habe mich nie zurückgehalten, wenn ich schöne Frauen gesehen habe. Das ist meine Art. Ich hätte die Freiheit auch ihr zugestanden.» Die Frauen reagierten meist gut, «ist so», sagt er, er wisse nicht warum und es habe mit dem Alter eher zugenommen.

Als Hans Fischer an zwei älteren Herren am Nebentisch vorbei zur Toilette gegangen ist, spötteln sie: «Das Sixpack ist verrutscht.»

Die Reaktionen hätten zugenommen, sagt Fischer, besonders von den Jungen. Er weiss, dass er nostalgisch wird, wenn er an die Siebziger und Achtziger denkt. «Aber es war viel mehr möglich», sagt er. «Weniger Gesetze, man ging aufeinander ein.»

Nur manchmal fragt heute einer nach, entwickelt sich ein Gespräch mit einem, der hinter die Fassade blickt. «Dann wirds interessant», sagt Hans Fischer.

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