Aarau

Der Märt am Graben ist heute ein Event

Daniel Gebhard verkauft einer Kundin Zucchetti – etwas fürs Auge gibts gratis dazu. Darum gehen die Aarauer z Märt. Und auch um sehen und gesehen zu werden. kus

Daniel Gebhard verkauft einer Kundin Zucchetti – etwas fürs Auge gibts gratis dazu. Darum gehen die Aarauer z Märt. Und auch um sehen und gesehen zu werden. kus

Am Gemüsemarkt versorgt man sich mit mehr als nur Grünzeug. Es geht ums Ursprüngliche.

Da steht er mit seinen Gartenpflanzen und wirkt ein bisschen verloren am unteren Ende des Märts am Graben. Ein Neuling ist er, Rolf Hiltbrunner aus Oberkulm. Neue haben es am Aarauer Gemüsemarkt am Anfang nicht leicht. Christa Strub, Bäuerin aus Attelwil, verkauft ihr Fleisch vom Hof seit drei Jahren am Samstag in Aarau und hat es auch erlebt: «Es geht lang, bis man Stammkunden hat. Aber jetzt läuft es», sagt sie. Der Gärtner am Ende des Grabens nimmts gelassen. Einige seien schon mehrmals zu ihm gekommen, dabei brauche man neue Gartenpflanzen halt nicht regelmässig wie Gemüse und Obst.

Seit 1283

Der Aarauer Gemüsemarkt hat eine lange Tradition. Seit 1283 verkaufen die Bauern aus der Umgebung in der Stadt ihre Ware, seit fast zweihundert Jahren dort, wo er heute ist: Am aufgefüllten ehemaligen Hirschengraben, der sich unter Platanen dem Altstadtkern entlang zieht.

Schon urig lange gehen auch die Bauern «uf Aarau z Märt». Die meisten verkaufen hier seit Jahrzehnten ihre Ware, manchmal in vierter Generation. Bei der Familie Gebhard aus Möriken war es die Grossmutter, welche aus der Not eine Tradition schuf: Ihr Mann verstarb und sie musste die Familie alleine durchbringen. Mit dem Velo fuhr sie zuerst an den Märt nach Lenzburg. Bei der Familie Vogel aus Schafisheim war es der Grossvater, der mit Handwägeli und Hund nach Aarau marschierte. Später habe er das Velo genommen und den Kindern, die zu Fuss gehen mussten, mit einem Stöckchen Beine gemacht, erzählt Christian Vogel. Seit 50 Jahren verkauft er samstags in Aarau, ab nächstem Jahr übernimmt der Junior.

Das Angebot hat sich verändert

Den beiden langjährigsten Familienbetrieben sieht es Marktchef und Gewerbepolizist Hans Umbricht nach, dass sie nur noch weniger als die Hälfte selber produzieren und den Rest bei grösseren Gemüsebetrieben aus der Region einkaufen. Umbricht hat einen guten Mix für den Märt am Graben gefunden. Bis vor 18 Jahren durfte nur heimisches Obst und Gemüse verkauft werden, nun gibt es da und dort auch Bananen und Zitronen. Oder selbst gemachte Konfi und Chutneys nach irischen Rezepten. «Nur Einheimisches ist nicht attraktiv», sagt Umbricht, der letzten Samstag selber die Miete von 5 Franken pro Tisch einzog. «Ein breiteres Sortiment bringt mehr Kunden», sagt er. In der Tat beklagt sich keiner über zuwenig Kunden. Auch die wenigen Neuen wissen, dass die Kundschaft sehr treu ist, wenn man erst mal ihr Vertrauen hat. Viele werden am Graben mit Namen begrüsst und manch ein Verkäufer legt einer Stammkundin ihren Kopfsalat beiseite, wenn nur noch wenige auf dem Tisch liegen.

Kein Wunder ist die Warteliste für einen Stand lang: 90 Interessenten für die total 45 Plätze. Zugelassen werden eigentlich nur lokale Verkäufer. Die allermeisten produzieren im Umkreis von 15 Kilometern. Doch auch hier macht Umbricht dem Sortiment zuliebe Ausnahmen: der Pilzverkäufer kommt aus Seewen, der Olivenverkäufer aus Basel. Dass es am Graben dennoch immer wieder Lücken hat, liegt daran, dass die Produzenten nicht immer kommen, besonders im Winter.

Ein Platz ist allerdings seit längerem frei: Umbricht sucht einen Setzlings-Anbieter. Nur noch an drei Ständen können Setzlinge gekauft werden. Die Gartencenter sind hier eine grosse Konkurrenz. Sonst sind die Preise selten ein Thema – oder die Verkäufer reden nicht gerne darüber. Sie hätten keine Zeit, Preise zu vergleichen, sagen manche. «Ich probiere meine Arbeit möglichst gut zu machen», sagt Hanna Sager, Bio-Produzentin aus Leutwil, «darauf kommts an.» Sei der Markt attraktiv, dann profitierten alle. Mehr als der Preis interessiere die Kunden, wer die Ware produziere, sagt Jeremias Niggli, Bio-Produzent aus Aarau.

Nicht jeder mag krumme Gurken

Kaufen die Kunden hier auch Gemüse, das nicht aussieht wie gewohnt? «Gerade die komisch geformten Peperoni gehen zuerst weg», sagt Sibylle Siegrist aus Küttigen. Sogar von ihrem Knoblauch, der erdiger aussieht als die gebleichten Produkte im Supermarkt, kann sie ihre Bio-Kunden überzeugen. Es ist übrigens der einzige aus Eigenproduktion am Graben.

Andere sind skeptischer. Daniel Gebhard aus Möriken hats mal getestet und eine speziell krumme Gurke auf die Auslage gelegt – es war jene, die übrig blieb am Schluss. Die Anforderungen an Qualität seien gestiegen, sagt er. «Alles muss perfekt sein.» Dass die Arbeit für den Markt zwei Tage zuvor schon beginne, um zum Beispiel Karotten zu hundert schönen Bünden zu binden, das sähen die Kunden halt nicht. «Der Verkauf ist das Dessert für mich», sagt Gebhard.

Kurz nach vier Uhr morgens stehen die Verkäufer am Samstag auf, um mit ihrer Ware zeitig in Aarau zu sein. Manches wird erst dann aus der Erde geholt – wie Sibylle Siegrists Krautstiele. Die Kunden hingegen schlafen lieber aus. Bis 12 Uhr ist der Märt gut besucht, früher wurden die Stände um 11 Uhr geräumt.

Früher war der Markt am Graben schlicht eine Versorgungsstrasse. Man kaufte en gros in ganzen Kistchen. Neben Gemüse in kleinen Mengen suchen die Kunden heute auch das Ursprüngliche, die Frische und einen Schwatz mit dem Verkäufer. «Heute ist der Märt ein Event», sagt Ruedi Käser aus Elfingen, seit 60 Jahren verkauft er seine Ware beim Fischlibrunnen. Bloss heisst das für die Produzenten: Wenns regnet, geht doch manch einer lieber in die Migros.

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