Aarau

Der letzte Bauernhof der Stadt Aarau erhielt eine Gnadenfrist

Der am Stadtrand gelegene Hof erfüllt die Haltungsauflagen nur noch bedingt.

Der am Stadtrand gelegene Hof erfüllt die Haltungsauflagen nur noch bedingt.

Im Januar 2013 präsentierte die Stadt das ambitiöse Neubau-Projekt zum Binzenhof, der den Ortsbürgern gehört. Jetzt wird doch noch diskutiert, wie der Binzenhof künftig bewirtschaftet werden soll. Der Viehstall erfüllt zurzeit die Haltungsauflagen nur noch bedingt.

«Die künftige Bewirtschaftungsform des Bauernbetriebs Binzenhof ist offen», verkündete Stadtpräsidentin Jolanda Urech an der Sommer-Gmeind der Aarauer Ortsbürger. Im Zusammenhang mit dem pendenten Stallneubau wolle der Stadtrat «die anstehenden Probleme ganzheitlich lösen». Dazu gehört eine «grundsätzliche Diskussion» über den Betrieb des ortsbürgerlichen Pachtgutes im Binzenhof. Ein externes Gutachten soll bei der Ausrichtung helfen, geplant ist auch eine öffentliche Mitwirkung im kommenden Herbst.

Der Viehstall ist mittlerweile über dreissig Jahre alt und erfüllt die Haltungsauflagen nur noch bedingt. Vor vier Jahren drohte der Tierschutz gar mit Sanktionen, falls nicht subito Abhilfe geschaffen werde. Im Januar 2013 präsentierte die Stadt nach einem Wettbewerb das Siegerprojekt für einen Neubau. Man rechnete mit einem Baubeginn im laufenden Jahr. Weil aber die kantonale Vollzugsbehörde für den Tierschutz die Abmessungen des Stalls noch einmal beurteilte und die Sache nicht mehr als dringlich einstufte, erhielt das Vorhaben laut Jolanda Urech eine «zeitliche Entspannung».

Neue Projektdelegation

Deshalb ist jetzt eine neue Projektdelegation am Werk, die unter anderem Grundsätze für den künftigen Auftragsinhalt formulierte. Der Stadtrat hat gemäss Auskunft von Urech die Vorgabe am 26. Mai zum Beschluss erhoben. Die acht Thesen, die man an die Stalltüre im Binzenhof genagelt hat, sehen unter anderem für den bisherigen Binzenhofbauer Peter Knörr ein «Vorpachtsrecht» vor. Die «grossen Grünflächen zwischen Siedlung und Wald» müssen «ökologisch, wirtschaftlich und bodenschonend bewirtschaftet werden», heisst es weiter. Die «Pflege der Landschaft mit ökologischen Elementen» (Hochstammbäumen, extensive Wiesen) sei eine Verpflichtung. Zudem sei der Binzenhof ein «Vorzeigebetrieb» und müsse als «vielfältiger und offener Hof» der Ortsbürgergemeinde Aarau geführt werden, der «vorbildlich mit der Energie, dem Boden sowie den Tieren umgeht».

Gleichzeitig mit diesen Grundsätzen hat der Stadtrat den Auftrag für ein Fachgutachten an die Agrofutura AG in Frick vergeben. Dieses soll Möglichkeiten aufzeigen, welche «aufgrund der betrieblichen Basis im Umfeld der städtischen Verhältnisse, den öffentlichen Bedürfnissen und der geltenden Landwirtschaftspolitik durchsetzbar sind», erklärt die Stadtpräsidentin. Es gebe, so Urech, «durchaus Spielraum für die Bewirtschaftung» des Binzenhofs. Das Resultat des Gutachtens soll im August dieses Jahres vorliegen. Anschliessend will der Stadtrat die Meinung der Bevölkerung im Rahmen einer Mitwirkungsveranstaltung noch in diesem Herbst erfahren.

Produktion nach IP-Norm

Der Binzenhof wird unter der Pächterfamilie Knörr nach IP-Norm (Integrierte Produktion) geführt. Milchwirtschaft und Ackerbau stehen auf einer Nutzfläche von rund 40 Hektaren im Vordergrund. «Wir möchten an diesem Prinzip festhalten, weil wir von dieser Art der Nutzung nach wie vor überzeugt sind», sagt Peter Knörr. Die in den jüngsten Thesen geäusserten Punkte würden von ihm bereits heute erfüllt. Die erneute Verzögerung des Stallneubaus sei für ihn und seine Familie «belastend». Eine Änderung des Betriebskonzepts sei nicht so einfach zu realisieren, wie das vielleicht auf den ersten Blick erscheine. «Wir stehen im Clinch mit der öffentlichen Nutzung unseres Landes, namentlich im Schachen», sagt Knörr. Die bisherige Bewirtschaftung mache es möglich, die verschiedenen Interessen unter einen Hut zu bringen und «flexibel auf Wünsche und Begehrlichkeiten zu reagieren». Das gelte auch für die geforderte «Kinderfreundlichkeit», die beim Wechsel zur Mutterkuhhaltung ohne direkten Kontakt zum Tier nicht mehr möglich sei. «Wir hoffen, dass das bestellte Gutachten zu unseren Gunsten sprechen wird», fasst Knörr die Stimmung zusammen.

Immerhin hat sich ein Vertreter der Agrofutura AG zum Gespräch und Augenschein auf dem Binzenhof angemeldet. Im bisherigen Verfahren, vor allem beim Wettbewerb für den Stallneubau, sei der Pächter nie angehört worden. «Man fand es nicht für nötig, auch jene zu fragen, die auf dem Hof täglich die Arbeit in der Praxis leisten», kritisiert Peter Knörr.

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