Bezirksgericht Aarau

Der Krückenschläger vom Turnfest wird ausgeschafft: «Ich will nur noch nach Hause»

Das Gericht kam zum Schluss, die Krücke des Angeklagten sei als gefährlicher Gegenstand zu werten. (Symbolbild)

Das Gericht kam zum Schluss, die Krücke des Angeklagten sei als gefährlicher Gegenstand zu werten. (Symbolbild)

In Aarau verletzte ein Asylbewerber eine Frau: er schlug ihr mit seiner Krücke auf den Kopf. In seinem Socken hatte er Hasch. Jetzt wurde er verurteilt.

Ein halbes Jahr ist es her seit dem Eidgenössischen Turnfest (ETF), dem Megaevent des Sommers in Aarau. Die warmen Tage sind nur noch Erinnerung. Nun schlottert es einen beim blossen Gedanken an Gymnastikvorführungen leicht bekleideter Turnerinnen und Turnern im Schachen. Und die rot-weissen Turnfest-Blumenrabatten, die erst später zu Form aufliefen, sind inzwischen verblüht und abgeräumt.

Aufgeräumt wurde dieser Tage im Zusammenhang mit dem ETF auch am Bezirksgericht Aarau: Verhandelt wurde dort der Fall eines 21-jährigen abgewiesenen algerischen Asylbewerbers, der einer Turnerin eine Gehkrücke über den Kopf zog. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau legte Abdel (Name geändert) zwei strafbare Handlungen zur Last: qualifizierte einfache Körperverletzung und unbefugten Besitz von Betäubungsmitteln. Dafür beantragte sie eine unbedingte Freiheitsstrafe von 12 Monaten und eine unbedingte Geldstrafe von 40 Tagessätzen zu 30 Franken. Abdel hatte zuvor im Kanton Basel-Stadt wegen diverser Straftaten schon eine bedingte Freiheitsstrafe von 90 Tagen kassiert. Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau beantragte nun, dass der bedingt ausgesprochene Strafvollzug zu widerrufen sei.

Das Haschisch in der Socke, das Geld im Gips versteckt

Der Vorfall ereignete sich am zweiten Turnfest-Wochenende, in der Nacht vom Freitag auf den Samstag. Um 22 Uhr begab sich Abdel, der in der Asylunterkunft am Gartenweg in Buchs untergebracht war, vom Bahnhof Aarau zum Festgelände im Schachen. Wegen einer Beinverletzung ging der Algerier an Krücken. In der linken Socke führte er, wie die spätere Kon­trolle im Kantonsspital ergab, sechs Portionen Haschisch, insgesamt 7 Gramm, mit sich. Zwischen Gips und rechtem Unterschenkel hatte er 1400 Franken und 65 Euro in Noten versteckt, ideal gestückelt für Drogen­geschäfte. Die Staatsanwaltschaft ging auch davon aus, dass Abdel das Haschisch Turnfest-Besuchern verkaufen wollte.

Wenn man den Geschichten, die er vor Gericht erzählte, Glauben schenken darf, verfolgte Abdel am Turnfest ein anderes «Geschäftsmodell». Dabei machte er sich das Abfallkonzept zunutze: Er nahm herumstehende Depot-Flaschen an sich, stopfte sie in seinen Rucksack und kassierte das Depot. 400 Franken habe das hereingespült, sagte er. Die andern 1000 Franken in der Socke wollte er angespart haben. Dahinter setzte Gerichtspräsidentin Patricia Berger freilich ein grosses Fragezeichen – angesichts der 7.50 Franken, welche Abdel pro Tag erhielt.

Ist eine Krücke ein «gefährlicher Gegenstand»?

Als sich dieser im «Barstreet Dome» die Flasche einer 23-jährigen Riegenleiterin aus der Ostschweiz aneignete, kam es offenbar zum Streit. Dabei will Abdel weggeschubst worden und auf dem Rücken gelandet sein.

Kurz vor 6 Uhr morgens kam es zum Déjà-vu: Diesmal nahm ein Begleiter der jungen Frau Abdel die Flasche wieder weg. Der 23-Jährigen selbst drosch der Algerier im Gegenzug seine Krücke auf den Kopf. Die Wunde musste in der Klinik Hirslanden notfallmässig behandelt werden. Abdels Begründung für die Aggression: Er habe Angst gehabt, wieder auf dem Rücken zu landen. Abdels amtlicher Verteidiger Kenad Melunovic beantragte einen Schuldspruch wegen einfacher Körperverletzung und als Zusatzstrafe zum Basler Urteil (ohne Widerruf des bedingten Strafvollzugs) eine Freiheitsstrafe von 6 Monaten. Der Verteidiger war der Ansicht, eine Krücke sei bei einem Schlag von oben gerade noch als nicht gefährlicher Gegenstand zu betrachten.

Für sich genommen sei eine Krücke noch kein gefährlicher Gegenstand. Das aber sei Voraussetzung für die von der Staatsanwaltschaft angenommene qualifizierte einfache Körperverletzung. Wobei das Bundesgericht festhalte, dass die Gefährlichkeit eines Gegenstands durch die Art des Gebrauchs zu qualifizieren sei.

Das Opfer erhält 2000 Franken Genugtuung

Die Gerichtspräsidentin kam, gestützt auf wiederholte Äusserungen des Bundesgerichts, zu einem andern Schluss: Der Sachverhalt sei aufgrund der Einvernahmen erstellt und die Krücke sei als gefährlicher Gegenstand zu werten. Patricia Berger sprach Abdel daher im Sinne der Anklage schuldig der qualifizierten einfachen Körperverletzung und des Besitzes von Betäubungsmitteln. Die Richterin entschied, dass der von der Staatsanwaltschaft Basel-Stadt ursprünglich gewährte bedingte Vollzug zu widerrufen sei.

Ins Gefängnis – und dann heim nach Algerien

Als Gesamtstrafe auferlegte sie Abdel eine unbedingte Freiheitsstrafe von 8,5 Monaten. Dabei werden 164 Tage an Haft in Abzug gebracht. Das in der Socke gefundene Geld wird eingezogen, das Haschisch vernichtet. Der Turnerin, die Straf- und Zivilklage erhob, muss Abdel 660 Franken Schadenersatz (Arztrechnungen) und 2000 Franken Genugtuung bezahlen

Er wird der Strafvollzugs­behörde von Basel-Stadt überstellt. Wenn er die Strafe abgesessen hat, wird er ausgeschafft. Auf die Frage der Richterin, wie er sich die Zukunft vorstelle, liess Abdel durch die Dolmetscherin ausrichten, er wolle nur noch «zurück nach Hause.»

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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